Dem Pharao versprochen

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Anchesenamun wurde schon als Kind mit Pharao Tutanchamun verheiratet. Dieser ist seit längerem fort, um mit dem Heer die Grenzen des Landes zu verteidigen. Lange hat sie ihn deshalb nicht gesehen. Die inzwischen 14-jährige Anchesenamun weiß: Wenn er das nächste Mal zurückkehrt, wird sie erstmals das Nachtlager mit ihm teilen. Und obwohl sie davor ein wenig Angst hat, weiß sie doch, dass es ihre Pflicht ist, die Ehe mit ihm zu vollziehen und bald auch einen Thronfolger zu gebären.

Kurz vor Tutanchamuns Rückkehr trifft sie ihren Kinderfreund Duamutef wieder, den Bruder ihrer besten Freundin Selket – und verliebt sich in ihn! Die Gefühle der 14-Jährigen geraten dadurch völlig durcheinander. Sie schwankt zwischen ihrer Pflicht als Königin und ihren romantischen Gefühlen. Und als Tut nach seiner Rückkehr neben einer liebevollen auch eine kaltherzige Seite zeigt, lässt dies ihre geheimen Wünsche noch drängender erscheinen. Natürlich darf sie diesen Gefühlen nicht nachgeben – sie ist schließlich die Große Königliche Gemahlin und ihrem Amt und dem Volk verpflichtet. Aber sie kann es sich nicht verkneifen, Duamutef zumindest um ein erneutes Treffen im Palastgarten zu bitten. Bei diesem Treffen gestehen sich beide ihre Liebe.

Schlimmer als die nun fast unerträglich gewordene Gefühlslage ist aber, dass Ejes Ehefrau Tij sie bei diesem heimlichen Treffen beobachtet hat. Zwar konnte sie das Gesicht des Mannes nicht erkennen, aber dass die Königin anscheinend einen Liebhaber hat, kann die intrigante Tij nicht für sich behalten. Eje, der heimlich selbst von der Doppelkrone Ägyptens träumt, zögert nicht, dem Pharao davon zu berichten. Alles, was das Königspaar schwächt, erhöht seine eigenen Chancen. Tut ist außer sich vor Zorn, macht seiner Frau schwere Vorwürfe und wendet sich schließlich von ihr ab. Duamutef wartet den Zorn des Pharaos nicht ab, sondern verlässt Hals über Kopf die Stadt. Anchesenamun ist nun doppelt gestraft: Tut, ihr Ehemann, verachtet sie und Duamutef, ihre große Liebe, ist wie vom Erboden verschwunden. Hinzu kommt, dass sie nun auch noch schwanger ist. Der Ausblick auf ihr weiteres Leben scheint trostlos.

Dieser Jugendroman lebt vor allem von den Gefühlen der Hauptperson Anchesenamun, die von ihren Freunden Anchi genannt wird. Die Autorin schafft es, dass der Leser (und besonders die Leserin) sich wirklich mit der armen Anchi identifizieren kann, und mit ihr liebt und leidet. Ein Mittel, wie sie dies erreicht, sind Anchis tagebuchähnlichen Einträge, mit denen jedes Kapitel beginnt. Diese sehr persönlichen Gedanken, die Anchi auf Papyrus niederschreibt, bringen uns ihre geheimen Sehnsüchte und Ängste nahe. Wer selbst in der Pubertät ist, oder sich in diese Zeit zurückversetzen kann, der kann Anchi gut verstehen und leicht ein Band zu ihr knüpfen, zumal diese Passagen in der Ich-Form geschrieben sind.

Die Autorin Marliese Arold versucht, einige der heute bekannten Fakten in den Roman einfließen zu lassen, z.B. die Fehlstellung des Fußes von Tutanchamun oder den Brief der Königin von Ägypten an den König der Hethiter mit der Bitte, einen seiner Söhne als zukünftigen Pharao zu schicken. Sie vermittelt dem jugendlichen Leser damit ein wenig Hintergrundwissen darüber, was wir über die damalige Zeit wissen. Und das ist bei einem historischen Jugendroman immer lobenswert, denn Geschichte lernt sich in einem spannenden Buch viel leichter, als im Geschichtsunterricht. Dennoch hätte es in diesem Roman für meinen Geschmack durchaus ein paar historische Informationen mehr geben dürfen und auch ein Nachwort, in welchem die Autorin die jungen Leser darüber aufklärt, welche Personen und Handlungsbestandteile historisch verbürgt und welche erfunden sind, hätte dem Buch gut zu Gesicht gestanden.

Positiv fallen einige Formalien auf. Das große, deutliche Schriftbild und auch die handschriftähnlichen Kapitelüberschriften sind klar auf die jugendliche Zielgruppe abgestimmt. Die tagebuchähnlichen Gedanken von Anchi zu Beginn jedes Kapitels werden nicht nur durch den Wechsel der Erzählperspektive, sondern auch durch die Kursivschrift von der eigentlichen Handlung abgesetzt.

Kritisch anzumerken wären einige nicht in die Zeit passende Begriffe (Polizei) und die Verwendung sehr bekannter Namen von Königinnen oder Göttinen (Nefertari, Selket) für die Romanfiguren. Auch, dass die sehr interessant aufgebaute Figur der Dienerin Meritamun im Laufe des Romans völlig verloren geht, ist sehr schade. Man hätte sie als Kollaborateurin der einen oder anderen Seite hervorragend in das Ende der Geschichte einbauen können.
Außerdem hätte ich gerne gelesen, was denn Tut und Anchi über ihren Vater Echnaton gedacht haben. Tut sagt zwar, dass er als Pharao alle Veränderungen seines Vater wieder rückgängig gemacht hat, aber was beide Kinder privat über ihren Vater dachten, ob sie ihn liebten, und vor allem, wie sie seinen Untergang miterlebt haben, das hätte die Geschichte meines Erachten bereichert. Und es hätte der Autorin die Möglichkeit gegeben, ihren jugendlichen Lesern einen weiteren Aspekt dieser einzigartige Epoche der ägyptischen Geschichte hautnah zu vermitteln.

Dieses Buch ist vor allem für Mädchen ab 10 Jahren geeignet (und für alle Erwachsenen, die sich in ein 14-jähriges Mädchen hineindenken können). Ob Jungen sich in diesem Roman wiederfinden können, muss bezweifelt werden, denn außer dem Auf und Ab in Anchis Gefühlswelt passiert in der Handlung nicht viel. Diese romantische Handlung ist allerdings hervorragend in Worte gefasst. An mehreren Stellen merkt man, dass Marliese Arold wirklich gut beschreiben und sich in ihre jugendlichen Figuren hineinversetzen kann. Wenn Duamutef und Anchi am Nil spazieren gehen und sich dabei ihre Unterarme ab und zu berühren, dann kann man als Leser durchaus selbst eine Gänsehaut auf dem Arm bekommen.
Abseits der Romantik hat die Autorin allerdings einige Schwächen, die Erzählung interessant und spannend fortzuführen. Auch erschienen mir die Ereignisse auf den letzten 60 Seiten, nach dem Unfalltod Tutanchamuns, etwas blutleer und sehr schnell erzählt. Als wolle sie noch viel Inhalt auf nur noch wenigen Seiten unterbringen. Und an dieser Gedrängheit leidet leider auch die Geschichte. Dass Anchesenamun sich nach dem Tode Tuts dann wegen eines neuen Gemahls an den hethitischen König wendet, obwohl sie doch unsterblich in Duamutef verliebt ist, das wirkt nicht sehr überzeugend. Und dass sie nach dem Scheitern dieses Versuchs dann tatsächlich den Heiratsantrag des alten und schlaffen Eje annimmt, noch viel weniger. Warum ihr das Wohl Ägyptens mehr am Herzen liegt, als die Verwirklichung ihrer eigenen Gefühle, das hätte besser begründet und vorbereitet werden können.

Das Ende der Geschichte soll hier nicht verraten werden, aber es kam für mich etwas zu schnell und abrupt. Wie die gesamten letzten 60 Seiten wirkte es, als hätte Marliese Arold einfach nicht mehr genug Platz in ihrem Buch. Durch diese komprimierte Erzählweise hat das bittersüße Ende der Geschichte leider einen deutlich bitteren Beigeschmack, den man bei etwas ausführlicherer Schilderung der Ereignisse sicher hätte abmildern können. So geht es nach dem Motto: Zack-Zack-Kopf-ab! Und das ist schade, denn insgesamt ist es ein sehr romantisches und gut geschriebenes Buch, dessen Ende einfach nur ein bisschen mehr Zeit oder ein paar Seiten mehr gebraucht hätte.

Action, Spannung und Abenteuer sucht man in diesem Buch vergebens. Aber wen Romantik, große Gefühle und die erste Liebe begeistern können, der wird hier sicher nicht enttäuscht.

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