Der verschwundene Papyrus

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Mitratekrimi nennt der Deutsche Taschenbuchverlag diese Gattung Jugendbuch, von denen in der Reihe „dtv junior“ bereits mehrere erschienen sind, die vor historischer Kulisse spielen: im Mittelalter, im antiken Rom, bei den alten Griechen oder den Wikingern. Diese Geschichte spielt im alten Ägypten. Sie handelt von den 10-jährigen Zwillingsschwestern Henti und Sherit, die im Dorf der Grabhandwerker wohnen, welche die Gräber der Pharaonen gestalten. Ihr kürzlich verstorbener Großvater Neferhotep war im Besitz einer wertvollen Papyrusrolle, die er seinem Freund, dem Priester Pabekamun, vermacht hat. Doch als man ihm die Rolle übergeben will, ist der Papyrus plötzlich verschwunden. Henti und Sherit glauben, dass die Seele des geliebten Großvaters erst dann zur Ruhe kommen kann, wenn sein letzter Wunsch erfüllt ist und Pabekamun die Rolle erhalten hat. Da ihr Vater das Verschwinden des Papyrus nicht weiter untersuchen will, beschließen die Zwillinge, den Diebstahl selbst aufzuklären und die Rolle wiederzufinden.

Mitratekrimi bedeutet tatsächlich, dass der Leser an mehreren Stellen der Geschichte aufgefordert wird, aus den Indizien, die Henti und Sherit finden, selbst den richtigen Schluss zu ziehen. Die Informationen, die man zum Lösen des jeweiligen Rätsels braucht, sind entweder in einer Zeichnung versteckt oder wurden im vorangegangenen Text erwähnt. Wer gut aufpasst, kann dem Dieb also zusammen mit den beiden Zwillingen auf die Spur kommen. Die insgesamt 17 Zeichnungen des Illustrators Volker Fredrich lockern die Geschichte daher nicht nur auf, was in einem Kinderbuch ja immer gut ankommt, sondern sie enthalten oft auch Hinweise, die zur Lösung des Falles beitragen. Sie sind somit Teil des Krimis und nicht nur dekoratives Beiwerk.

Die Zwillingsschwestern werden bei ihrer Detektivarbeit von zwei befreundeten Jungen unterstützt, die sich durch ihre Kenntnisse in der Hieroglyphenschrift als wertvolle Helfer erweisen. Dass Christa Holtei ihren Heldinnen diese beiden gleichaltrigen Jungen zur Seite gestellt hat, war ein kluger Schachzug. Gerade Kinder brauchen in einem Buch eine Figur, mit der sie sich identifizieren können, und ohne die beiden Jungen wäre es vielleicht ein reines Mädchenbuch geworden.

Autorin und Illustrator bemühen sich dabei um historische Genauigkeit. Neben vielen Details aus dem Leben der alten Ägypter werden auch einige altägyptische Namen und Bezeichnungen verwendet, wodurch der junge Leser so ganz nebenbei auch ein paar „Vokabeln“ lernt. Aber auch über den Mumifizierungsprozess oder die Arbeiten in der Felsengräbern erfährt man viele interessante, und eben auch richtige Informationen. Sogar ins Hieroglyphenalphabet wird der Leser eingewiesen und kann mit diesem Grundwissen versuchen, eine geheime, in Hieroglyphen geschriebene Botschaft zu entziffern.

Hier hat es Christa Holtei dann mit der historischen Genauigkeit allerdings nicht so genau genommen, denn für unseren Buchstaben E, für den es eigentlich keine Hieroglyphe gibt, verwendet sie ein Zeichen, das Ägyptologen eigentlich als A aussprechen. In einem Buch, das ansonsten keine historischen Fehler enthält, finde ich diesen Kompromiss sehr unglücklich. Für den lobenswerten und insgesamt dennoch geglückten Versuch, Kinder an das Lesen der Hieroglyphen heranzuführen, ist dies allerdings zu verschmerzen.

Das Buch ist rundum gelungen. Eine spannende Geschichte mit klugen und sympathischen Hauptfiguren könnte alleine schon ein gutes Jugendbuch ausmachen. Gewürzt mit interessanten Zeichnungen, der Möglichkeit, mitzurätseln und den vielen guten und richtigen Informationen über das alte Ägypten kann man diesem Jugendbuch aus unserer ägyptophilen Sicht aber sogar das Prädikat „besonders wertvoll“ verleihen, weil es neben der spannenden Geschichte eben auch Wissen vermittelt und vielleicht sogar das Interessse der jungen Leser für das faszinierende Ägypten wecken kann.

Spannend, lehrreich und mit einer Einladung zum Mitmachen – dieser Mitratekrimi ist eine klare Kaufempfehlung!

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