© Kerle, Verlag Herder

Im Schatten des Sonnengottes

von

Der junge Amenhotep, der wegen der Namensgleichheit mit seinem Vater, dem dritten Pharao dieses Namens, nur Amenho gerufen wird, hat es nicht leicht. Wegen seiner langen Nase und der abstehenden Ohren behaupten die Priester, dass er vom Gott Amun verflucht sei. Er darf deshalb den Tempel nicht betreten und nie an Feierlichkeiten teilnehmen. Heimlich schleicht er sich aber trotzdem immer wieder in den Tempel und versteckt sich dort hinter den dicken Säulen. Sein einziger Freund ist der Windhund Ankh-Weset, eines der heiligen Tiere, die im Tempel leben. Dem Hund scheint Amenhos Hässlichkeit egal zu sein. Eines Tages entdecken Amenho und Ankh-Weset in einem Seitengang des Tempels die Leiche von Amenhos Lehrer. Da dieser stets zu Amenho gehalten hatte und vom Allwissen der Amunpriester nicht überzeugt war, glaubt Amenho, dass er von einem der Priester ermordet wurde. Aber Wesir Eje, den Pharao Amenhotep mit der Ermittlung beauftragt hat, scheint nichts herauszufinden. Amenho beschließt, selbst nach dem Mörder seines geliebten Lehrers zu suchen.

Ein Held in oder kurz vor der Pubertät, der sich selbst für hässlich und ungeliebt hält, bietet natürlich hohes Identifikationspotenzial für Jungen in dieser Entwicklungsphase. Mädchen haben allerdings Pech: Für sie gibt es keine Figur, mit der sie sich identifizieren können. Dabei wäre das ganz einfach gewesen. Autor Alfred Bekker beschreibt die junge Nofretete ja als eine der wenigen Personen, die zu Amenho halten und ihn unterstützen bei seinem Versuch, den Mordfall aufzuklären. Warum er Nofretete nur einige wenige Male in der Geschichte auftauchen lässt, bleibt mir schleierhaft. Sie hätte eine prima Identifikationsfigur für Leserinnen abgegeben, wenn sie zusammen mit Amenho den Mord aufgeklärt hätte.

Schwach ist in jedem Fall die Umschlaggestaltung des Buches. Nicht nur, dass Amenho darauf das relativ hübsche – und damit gar nicht zur Geschichte passende – Gesicht von Tutanchamun hat (so wie Forscher es anhand von Tuts Schädels vor einigen Jahren rekonstruiert haben), sondern auch die am Horizont stehenden drei Pyramiden wirken völlig deplatziert. Das Leben Amenhoteps spielte sich in der damaligen Hauptstadt Waset ab, und als Pharao Echnaton erbaute er später die neue Hauptstadt Achet-Aton in Mittelägypten. Aber mit Giza, wo die Pyramiden stehen, hatte er weder als Kind noch als späterer Pharao etwas zu tun. Die Mühe um historische Richtigkeit, die sich der Autor im Text gegeben hat, spiegelt sich auf dem Cover leider nicht wieder. Schade.

Das im Verlag Kerle erschienene Jugendbuch richtet sich an Leser ab 10 Jahren. Der Autor Alfred Bekker versucht nicht nur, eine spannende Geschichte um die Aufklärung eines Mordfalls zu erzählen, sondern er will seinen jungen Lesern auch verständlich machen, warum Amenhotep IV., der sich ja später Echnaton nennen wird, die Macht der Amunpriester beschnitt und einen anderen Gott, nämlich Aton, in den Mittelpunkt der ägyptischen Religion stellte.
Auch für die Tatsache, dass Echnaton als Pharao eine ganz neue Kunstrichtung einführte und Darstellungen von sich und seiner Familie so ganz anders anfertigen ließ, als alle seine Vorgänger, wird in dieser Geschichte ein Grundstein gelegt. Dieser Roman ist also nicht nur ein schönes Jugendbuch sondern auch geeignet, Kindern und Jugendlichen die Hintergründe für die revolutionären Veränderungen zu erklären, die Echnaton nach seiner Machtübernahme einführte.

Mit seinen gerade mal 170 Seiten und der großen Schrift liest sich das Buch leicht und schnell und dürfte für Jungen im Alter ab 10 Jahren sicher interessant sein. Dass es nebenbei auch einige Tatsachen aus der ägyptischen Geschichte vermittelt und keine historischen Fehler enthält, freut uns besonders. Wäre doch nur die Figur der Nofretete etwas präsenter und die Umschlaggestaltung dem Inhalt angemessen, könnten wir es sogar uneingeschränkt empfehlen.

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