Meryt-Re, Tochter der Sonne

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Das 13-jährige Mädchen Meryt-Re lebt in Set Maat, dem Dorf der Handwerker, die die Pharaonengräber bauen. Dort wohnt sie bei Verwandten, denn ihre Eltern sind beide tot. Weil sie einmal unbedacht ausgesprochen hatte, dass die schwierige Schwangerschaft einer Nachbarin wohl nicht gut ausgehen würde, und deren Kind dann tatsächlich tot geboren wurde, glauben nun einige Dorfbewohner, dass Meryt-Re Unglücke voraussehen kannn und von Sekhmet, der Göttin für Krankheit und Verderben, beeinflusst wird. Auch ihr Onkel Senmut möchte sie lieber heute als morgen los sein und drängt sie dazu, den Heiratsantrag des Steinmetz‘ Ramose anzunehmen, doch Meryt-Re weigert sich. Als dann aber sein Sohn sterbenskrank wird, ist für Senmut das Maß voll: Er will das Unglück bringende Mädchen nicht mehr in seinem Hause haben und wirft sie hinaus.
Und als wäre all das nicht genug, stößt Meryt-Re zufällig darauf, dass eine junge Sklavin wertvolle Amulette stiehlt und ein böser Handwerker damit eine Intrige plant. Und dann auch noch das: Ihr bester Freund Kenna verliebt sich — in eine Andere!

Die Autorin Gill Harvey hat selbst einige Zeit in Ägypten gelebt und man merkt ihr die Ortskenntnis rund um das Dorf der Grabhandwerker und die Liebe zur Vergangenheit dieses Landes an. Sie versucht, die Lebensumstände der Handwerker in Set Maat so gut wie möglich zu beschreiben. Wie lang war ihre Arbeitswoche? Welche Lebensmittel hatten sie zur Verfügung? Welche Götter betete man in Set Maat an? Welche Opfer brachte man seinen verstorbenen Vorfahren an ihr Grab? Diese und viele andere Informationen erfährt der Leser quasi nebenbei durch die ausführlichen und dennoch nie ausschweifenden Beschreibungen neben der eigentlichen Handlung.

Auch die Glaubensvorstellungen der alten Ägypter werden anschaulich beschrieben. So wird die Statue des verstorbenen (und damit zum Gott gewordenen) Pharaos Amenhotep von Priestern in einer Prozession durchs Dorf getragen und „beantwortet“ dabei wie ein Orakel die Fragen der Dorfbewohner. Und für Missgeschicke im Haushalt macht Meryt-Res Tante ihren toten Bruder verantwortlich, dessen Geist angeblich keine Ruhe in seinem Grab findet und der daher immer wieder herauskommt und Unfrieden stiftet.

Ich habe lange kein Jugendbuch mehr gelesen, das so viele Fakten über das Leben der alten Ägypter bereit hält. Dennoch ist es nie langatmig oder gar langweilig. Die Story ist ein gelungener Mix aus Familiendrama, Verbrechen, aufkeimender Liebe und übersinnlichen Phänomenen, verbunden mit einem sehr authentischen Alltagsbild der alten Ägypter. Die Geschichte von Meryt-Re, über die man hinter vorgehaltener Hand tuschelt, die von ihrem Onkel auf die Straße gesetzt wird und sich von allen verlassen fühlt, und die zusätzlich auch noch von einer Intrige erfährt und nicht weiß, wie sie sie verhindern soll, geht dem mitfühlenden Leser ans Herz. Man kann nicht anders, als Mitleid zu haben und mit ihr zu hoffen, dass doch bitte alles ein gutes Ende nehmen möge.

Ein großartiges Buch für Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren, die sich für das alte Ägypten interessieren. Mit einer überaus sympathischen Hauptfigur, deren Schicksal den Leser berührt, kann der Roman auch ohne große Abenteuer und ohne atemberaubende Spannung seine Leser fesseln. Und während man am Ende des Buches die Lagepläne von Set Maat betrachtet, in die auch die Häuser eingezeichnet sind, in denen die Romanfiguren leben, wünscht man sich, die Autorin möge möglichst bald eine Fortsetzung der Geschichte schreiben.

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