Auge des Mondes

von

Mina ist eine Geschichtenerzählerin. Obwohl sie seit dem Tod ihres Mannes, eines Tempelschreibers, vom Tempel mit dem Notwendigsten versorgt wird, erzählt sie nachmittags auf dem Markt ihre Geschichten, Fabeln und Märchen. Und die Zuhörer geben ihr dafür von ihren Einkäufen etwas ab, wenn ihnen die Geschichte gefallen hat.
Per-Bastet, die Stadt der Katzengöttin, lebt unter der Verwaltung der Perser, die zu dieser Zeit das ganze Land beherrschen. Natürlich leben in Per-Bastet auch viele Katzen, die sowohl von den Einwohnern als auch vom Bastet-Tempel liebevoll gehalten und gepflegt werden. Daher kann Mina gar nicht glauben, als eine Bekannte ihr erzählt, dass angeblich bärtige Fremde (also Perser) ihre Katze bei Nacht gefangen und fortgeschleppt hätten. Dies wäre ein Frevel an allem, was in dieser Stadt heilig ist! Aber tatsächlich beobachtet auch Mina, dass es in der Stadt immer weniger Katzen zu geben scheint. Mina ist froh, dass wenigstens die kleine Katze, die ihr vor kurzem das Leben rettete, indem sie eine bedrohliche Kobra tötete, immer mal wieder in ihrem Haus erscheint. Als Bastet, wie sie ihre Retterin getauft hat, eines Nachts mit Resten eines Stricks an ihrer Pfote auftaucht, erkennt Mina, dass die Erzählung Ihrer Freundin tatsächlich wahr sein muss.
Zu dieser Sorge kommt noch hinzu, dass Minas geliebter Neffe Ameni sich ausgerechnet in eine Perserin verliebt hat und bei einem nächtlichen Besuch im Garten des persischen Herrschers gefangengenommen wurde. Und welche Rolle spielt der blauäugige Fremde, der manchmal in der ersten Reihe unter ihren Zuhörern steht, und der ihre Gefühlswelt so völlig durcheinander bringt?

Immer mehr Katzen verschwinden. Menschen, die darüber zu laut sprechen, sterben unter mysteriösen Umständen und selbst der Oberpriester des Bastet-Tempels, der ein Freund ihres Mannes war und an den Mina sich in ihrer Unsicherheit wendet, benimmt sich äußerst merkwürdig. Mina ahnt, dass etwas Schreckliches bevorsteht und dass es niemanden gibt, den sie um Hilfe bitten kann.

Dieser Roman ist in zweierlei Hinsicht ungewöhnlich. Zum einen spielt er in der Zeit der persischen Besetzung Ägyptens unter Darius I., zum anderen handelt er vom Kult um die Katzengöttin Bastet. Beides sind Themen, die in historischen Romanen des alten Ägyptens nicht so häufig vorkommen.
Aber Brigitte Riebe hat nicht nur gute Kenntnisse der ägyptischen Geschichte, sie kann vor allem (wie ihre Hauptfigur) eine interessante und gute Geschichte erzählen. Ihre Figuren leben und machen es dem Leser leicht, gespannt deren Schicksal zu verfolgen. Außerdem ist Brigitte Riebe eine von den wenigen Autoren, die das ägyptische Leben, den Alltag und die Götterwelt so gekonnt in Szene setzen können, dass vor dem geistigen Auge ein Bild entsteht, das den Leser glaubwürdig in die beschriebene Zeit zurückversetzt. Nicht nur die historischen Begebenheiten, auch die detailreichen Beschreibungen der Kleidung, des Essens, der Häuser und Tempel sowie der Gewohnheiten der Menschen, die darin leben, können den geneigten Leser tatsächlich in das alte Ägypten entführen.

Für einen Platz in meiner absoluten Top-Liste reicht es nicht, weil ich mir die Geschichte an manchen Stellen etwas ausführlicher und intensiver gewünscht hätte. Irgendwie wurde ich während des Lesens das Gefühl nicht los, die Geschichte sei „unter Zeitdruck“ entstanden. Dennoch kann ich dieses Buch, wie auch die anderen Romane dieser Autorin, mit gutem Gewissen empfehlen.

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