Das Mädchen Thu und der Pharao

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Das Bauernmädchen Thu lebt in einem kleinen Dorf am Rande der Wüste. Von Kindesbeinen an glaubt sie, dass sie zu Höherem ausersehen ist als dazu, ihrer Mutter als Hebamme des Dorfes nachzufolgen. Als eines Tages der berühmte Arzt und Seher Hui das Dorf besucht, schleicht sich die 13-jährige Thu nachts in sein Lager, um sich von ihm die Zukunft voraussagen zu lassen. Die Götter können doch nicht vorhaben, sie in diesem bedeutungslosen Kaff versauern zu lassen! Für eine Weissagung ist sie bereit, das einzig Wertvolle zu opfern, das sie besitzt: ihre Jungfräulichkeit. Doch zu ihrem Erstaunen lehnt Hui ihr Angebot ab und schlägt ihr statt dessen vor, mit ihm zu kommen und bei ihm in die Lehre zu gehen. Da alles besser ist, als das ärmliche Leben in diesem Bauerndorf, überredet Thu ihren Vater, sie gehen zu lassen.

Auf Huis Anwesen lernt Thu die Wirkung und Anwendung von Heilkräutern kennen. Gleichzeitig wird sie in das Benehmen einer Dame der höheren Gesellschaft eingewiesen. Den Sinn dieser Benimmkurse und der Körperpflege begreift Thu zunächst nicht und genießt einfach die täglichen Massagen und das Schminken. Allmählich aber keimt in ihr der Verdacht, dass Hui etwas anderes mit ihr vorhat, als eine Gehilfin auszubilden. Nach mehreren Jahren erfährt sie endlich die Wahrheit: Sie soll in den königlichen Harem eingeschleust werden, damit sie Pharao Ramses III. politisch beeinflussen kann.

Als der Pharao sich tatsächlich in sie verliebt und sie zur Nebenfrau macht, scheint die ehrgeizige Thu am Ziel ihrer Träume. Von ihrer neuen Bedeutung und dem Luxus läßt sich die selbstgefällige Thu so sehr blenden, dass sie nicht bemerkt, wie gefährlich die Lage für sie selbst wird. Denn ihr Freund und Förderer Hui ist Mitglied einer Verschwörergruppe, die als letztes Mittel auch versuchen würde, den Pharao zu töten. Und auch dafür soll Thu ihr Werkzeug sein.

Mit Hingabe und großem Können beschreibt uns Paulie Gedge eine der interessantesten Hauptfiguren, die ich je in einem Ägyptenroman gefunden habe. Eine Heldin, die in einem melancholischen Moment der Selbsterkenntnis von sich sagt, sie sei kalt, berechnend, selbstsüchtig, arglistig und skrupellos. Mit zwiespältigen Gefühlen lernt man daneben aber auch die ängstliche, verletzliche und liebevolle Seite des Mädchens Thu kennen. Immer wieder war ich hin- und hergerissen zwischen Anteilnahme und Ablehnung. Ein Mädchen, das Vater und Bruder bedingungslos liebt, sie aber dennoch ohne mit der Wimper zu zucken verlässt, um ihrem selbstherrlichen Geltungsdrang zu folgen. Später ist sie einerseits eine behütete und naive Jugendliche, die für ihren Aufstieg dankbar ist, andererseits aber auch bereit, einen Menschen zu vergiften, um ihre Eitelkeit zu befriedigen. Und als sie endlich am Ziel ihrer Träume angekommen ist, wird sie selbst zum Spielball höherer Interessen, deren Macht sie nicht entrinnen kann.

Eine Verschwörung von Haremsfrauen und -bediensteten mit dem Ziel, Ramses III. zu töten, hat es wirklich gegeben, wie ein in Turin liegender Papyrus über die anschließende Gerichtsverhandlung beweist. Der Papyrus nennt über 20 Namen der Verschwörer, von denen wir in dieser Geschichte allerdings nur wenige wiederfinden (bspw. den Haushofmeister Paibekamun oder den General Paiis). Der Name Thu taucht in den Gerichtsunterlagen übrigens gar nicht auf. Pauline Gedge hat sich also nicht penibel an die Fakten gehalten, sondern auf der Basis der Grundzüge der Verschwörung ihre eigene, fiktive Geschichte erzählt. Das macht sie allerdings so großartig, dass ich ihr die künstlerischen Freiheiten absolut verzeihe.

In diesem Roman finden wir eine hervorragend erzählte Geschichte mit einer faszinierenden Hauptfigur, die man weder vorbehaltlos lieben noch hassen kann. Die Geschichte ist spannend und sinnlich, zum Ende hin auch anrührend, und bietet die volle Bandbreite zwischenmenschlicher Beziehungen. Trotzdem ist sie auch erdverbunden und zeigt uns Menschen mit all ihren Fehlern und Abgründen. Pauline Gedge hat ein knackiges und rundes Werk geschaffen, bei dem sich am Ende ein Kreis schließt (wie bei allen guten Geschichten) und bei dem ich die ein oder andere Träne verdrücken musste.
Wer sich auf eine so kantige und rauhe Hauptdarstellerin einlassen kann und menschliche Schicksale mit all ihren Höhen und Tiefen liebt, der ist hier absolut richtig! Und wem das Ende nicht wirklich gefällt, dem sei gesagt, dass die Autorin zwei Jahre später mit dem Buch „Die Herrin Thu“ noch einen (etwas schwächeren) Folgeband nachschob, der von Thus weiterem Leben berichtet.

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