Der Sklave Hanis

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Hanis, der von seiner Mutter mit 8 Jahren als Sklave verkauft wurde, arbeitet mit Tausenden anderer Sklaven und verurteilter Verbrecher in einem Arbeitslager in Heliopolis. Dort müssen für den Bau des neuen Re-Tempels riesige Kalksteinblöcke bewegt werden. In den kurzen Ruhezeiten versucht Hanis, von seinem Freund Kati, dem Ohren und Nase abgeschnitten wurden, Lesen, Schreiben und Rechnen zu erlernen. Kati war einmal ein wichtiger Nomarch, doch er wurde das Opfer einer Intrige, die von Itis, der Frau des edlen Ipu-Wer, gesponnen wurde. Seither sinnt Kati auf Rache an allen Adligen, die an seiner Verurteilung und der Verstümmelung seines Gesichts beteiligt waren – besonders an der Drahtzieherin Itis.

Hanis wird wegen seiner inzwischen erworbenen Fähigkeiten eines Tages als Geschenk an den Ersten Propheten Ipu-Wer ausgewählt und darf das Arbeitslager verlassen. Im Hause des bereits recht betagten Ipu-Wer in Memphis lernt er auch die junge Frau seines neuen Herrn kennen: Itis, die ihm eindeutige Avancen macht. Und obwohl er von anderen Bediensteten bereits gehört hat, dass seine beiden Vorgänger im Bett der Herrin nach einer gewissen Zeit des Aufstiegs einfach spurlos verschwanden, weiß er, dass er als Sklave gar keine andere Wahl hat, als ihr nachzugeben. Außerdem hat er wohl nur über sie eine Chance, zukünftig vielleicht ein besseres Leben führen zu können. So wird er ihr Liebhaber und dafür künftig von Itis protegiert. Er steigt dadurch in höhere Ämter auf. Dabei hat er stets ein schlechtes Gewissen gegenüber Ipu-Wer, der ein aufrichtiger Mann ist und ihm sogar die Freiheit zurückgibt.
Richtig schwierig aber wird seine Situation, als er Nefer findet, die Tochter des Kati, dem er kurz vor Verlassen des Arbeitslagers versprochen hatte, sich um dessen Frau und Tochter zu kümmern. Nefer sitzt nach einem Überfall nur noch teilnahmslos auf einem Stuhl und nimmt ihre Umwelt nicht mehr wahr. Trotzdem hat sich Hanis auf den ersten Blick in das wunderhübsche Mädchen verliebt. Aber davon darf die eifersüchtige Itis keinesfalls erfahren. Ihr muss er weiterhin vorspielen, dass sie die Einzige für ihn ist, sonst wäre sein Ende besiegelt.

Inzwischen ist Hanis zum Obersten Steuereintreiber ernannt worden. Ein Amt, in dem bisher niemand lange überlebt hat, denn das Volk muss mit immer höheren Steuern belastet werden, während der Adel weiterhin in Saus und Braus lebt und von allen Steuerzahlungen befreit ist. Immer häufiger wird von Unmut und Aufstand im Volk gesprochen und irgendwann erfährt Hanis, dass die Arbeiter des Lagers in Heliopolis unter der Führung eines gewissen Kati ausgebrochen seien und eine Revolte angezettelt hätten. Leider ist Pharao Pepi II. ein sehr alter und schwacher Mann, der am Hof kaum noch etwas zu sagen hat und so tritt die Obrigkeit den Aufständischen nicht energisch genug gegenüber. Der Aufstand breitet sich in Windeseile aus.
Hanis‘ Leben scheint nun völlig ausweglos. Er sitzt zwischen allen Stühlen: zwischen Itis und Nefer, zwischen der Revolte seines Freundes Kati und der herrschenden Kaste, der er nun selbst angehört, zwischen dem berechtigten Ärger des ausgemergelten Volkes und seinem Job als Oberster Steuereintreiber, zwischen der Bewunderung für den edlen Ipu-Wer und den dunklen Kräften, die ihn zwingen, diesen anständigen Mann zu betrügen. Verzweifelt versucht er, allem gerecht zu werden und sein Leben im Griff zu behalten. Doch dann bricht das ganze Kartenhaus zusammen: Itis erfährt von Nefer, Ipu-Wer von den ehebrecherischen Aktivitäten und zu allem Überfluss steht Kati mit einem Heer von Aufständischen direkt vor dem Palast.

Bereits in einem Vorwort erläutert der Autor, warum er die Geschichte in dieser Epoche (Ende des alten Reiches, ca. 2300 v.Chr.) spielen lässt, welche der Figuren historisch verbürgt sind und welchen Quellen er die Informationen für seinen Roman entnommen hat. Außerdem möchte er mit der Geschichte den Grund dafür aufzeigen, warum das ägyptische Volk sich gegen die Herrschenden erhob — ein Umstand, der das Ende des sog. „Alten Reiches“ einleitete. Und dies schafft er mit dem Roman auch. Aber daneben ist es auch eine gute und fesselnde Geschichte geworden, die ich in kurzer Zeit durchgelesen habe, weil ich immer wissen wollte, wie es weitergeht — ob und wie sich Hanis aus seiner immer auswegloseren Situation am Ende befreien kann.

Es ist also ein gutes und empfehlenswertes Buch eines Autors, der sich sehr gut vorbereitet hat und viele Fakten und Details einfließen läßt, welche die Geschichte farbig und interessant machen. Dennoch habe ich auch einige kleine Kritikpunkte. Zunächst einmal finde ich die Handlung an zwei Stellen sehr unglaubwürdig. Erstens, dass ein Hohepriester dem Ersten Propheten Ipu-Wer einen Sklaven schenkt und sich diesen dann auch noch aus einem der übelsten Verbrecherhaufen Ägyptens aussucht. Dabei wird an anderen Stellen des Buches auch von normalen Sklavenmärkten berichtet, auf denen man sich auch „bessere“ Sklaven kaufen konnte, z.B. Gefangene aus anderen Völkern, die teilweise sogar höheren Gesellschaftsschichten entstammten. Ebenfalls unglaubwürdig erschien mir die plötzliche Wandlung der Nefer. Als sie aus ihrer Starre erwacht ist, kennt sie Hanis nicht, was dem Verliebten natürlich schwer auf der Seele liegt. Diesen Einfall des Autors finde ich eigentlich sehr schön. Aber dass sie dann auf einmal, nach einer langen Zeit, in der sie Hanis gleichgültig behandelt hat, zu ihm geht und ihm ihre Liebe gesteht, das kam für mich zu plötzlich. Das hätte der Autor entweder ein wenig vorbereiten müssen, indem sich beide langsam annähern, oder er hätte sich zumindest einen Grund dafür einfallen müssen, warum Nefer auf einmal in Hanis denjenigen erkennt, der durch seine jahrelange Fürsorge ihr Herz erobert hat.
Dass ihr Verhältnis danach darunter leidet, dass Hanis in seinem hohen Amt viel zu viel arbeitet und er dadurch nur wenig bei seiner Familie ist, finde ich wieder eine sehr gute Idee. Aber auch diese hätte innerhalb der Geschichte langsam aufgebaut werden müssen, hätte immer drohender am Beziehungshorizont stehen müssen. Das ist aber nicht der Fall: Die Situation wird einfach geschildert, als sei dem Autor eben erst der Einfall dazu gekommen. Und wenige Seiten, nachdem das Problem angesprochen wurde, wird es auch schon wieder gelöst.

Trotz dieser kleinen Schwächen aber ist das Buch ein gute Lektüre, mit einer schönen Geschichte, interessanten Figuren und vielen farbigen Details und historischen Informationen.

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