Die Herrin Thu

von

In diesem Buch finden wir die Anschlussgeschichte an Pauline Gedges zwei Jahre früher erschienenen Roman „Das Mädchen Thu und der Pharao“. Jener erste Roman endete mit der Verbannung des 17-jährigen Mädchens Thu, das einen rasanten Aufstieg vom einfachen Bauernmädchen zur Nebenfrau des Pharaos, und anschließend einen ebenso tiefen Fall erlebt hatte. Dieser Folgeroman beginnt 16 Jahre später. Die inzwischen 33-jährige Thu wird von allen Dorfbewohnern gemieden und muss die niedersten Arbeiten im Tempel verrichten. Verzweifelt versucht sie, ihre Lebensgeschichte, in der sie die Hintermänner einer Verschwörung enttarnt, für die nur sie allein bestraft worden war, einem Vorbeireisenden mitzugeben. Dieser soll die Papyrusrollen dann dem Pharao übergeben, denn nur der Pharao selbst könnte ihre Verbannung aufheben. Aber all die Jahre hat sich niemand dazu bereiterklärt und inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass man im Dorf Aswat besser nicht Halt macht, weil man dort von einer Verrückten angesprochen wird, die ein Päckchen für den Pharao zu vergeben hat. Dies weiß auch der junge Offizier Kamen, der mit seinem Vorgesetzten von einem Auftrag im Süden des Landes zurückkehrt und bedauerlicherweise in Aswat übernachten muss. Trotzdem bringt er es nicht fertig, die Bitte der augenscheinlich verwirrten Thu abzulehnen. Auf unerklärliche Weise fühlt er sich ihr verbunden.

Als Kamen wieder zurück in Pi-Ramses ist, übergibt er die Papyri, die er von der verrückten Frau aus Aswat erhalten hat, dem General Paiis. Dass ausgerechnet dieser berühmte General vor 16 Jahren einer der Verschwörer war, ahnt er dabei nicht. Paiis verschwendet keine Zeit und schickt Kamen zusammen mit einem Söldner zurück nach Aswat, um die verrückte Frau namens Thu – angeblich wegen der Erregung öffentlichen Ärgernisses – festzunehmen. Während der Reise entdeckt Kamen aber, dass der Söldner Thu umbringen und nicht verhaften soll. Wohl wissend, dass er damit seine Offizierskarriere gefährdet, durchkreuzt Kamen die Pläne des Generals und bringt den Söldner zusammen mit Thu um. Da Paiis ohne Zweifel sofort einen anderen Mörder schicken würde, kann Kamen die Frau nicht in ihrem Dorf lassen. Nach 16 Jahren verstößt Thu nun erstmals gegen ihre Verbannung und verläßt zusammen mit Kamen ihr Heimatdorf. Trotz aller Gefahren muss sie versuchen, ihre Lebensbeichte irgendwie zum inzwischen alten und kranken Pharao zu bringen. Nur so könnte sie sich an den Hintermännern der Verschwörung rächen und evtl. ihr Leben wieder in geregelte Bahnen lenken.

Die Geschichte ist gut erdacht und hätte einen ebenso tolles Buch ergeben können, wie sein Vorgänger es ist. Hätte! Leider jedoch kann der Roman in keiner Phase mit der großartigen Erzählung aus Band 1 mithalten. Die Geschichte verläuft einfach zu glatt und vorhersehbar. Thus Rachefeldzug gerät nie ernsthaft in Gefahr. Und mit Ausnahme von Kamens junger Verlobter, dem Mädchen Takhuru, wird in diesem Buch auch keiner der Charaktere mehr detailliert herausgearbeitet. Das gilt sogar für die aus Band 1 bereits bekannten Figuren, die ebenfalls flach und eindimensional bleiben. Bedauerlicherweise tauchen einige wichtige Figuren in dieser Fortsetzung gar nicht mehr auf. Das gilt neben Thus Familie leider auch für Disenk, die als Thus Leibdienerin doch jahrelang ihre engste Vertraute gewesen war und sie am Ende ebenso schmählich verraten hatte, wie alle anderen. Warum Thu sich an allen Verwschwörern, aber ausgerechnet an Disenk nicht rächen will, wird wohl ein Geheimnis der Autorin bleiben.

Pauline Gedge streut für alle, die Band 1 nicht gelesen haben, immer wieder kleine Rückblenden ein, um in groben Zügen die Geschichte aus Band 1 nachzuerzählen. Denn schließlich geht es hier ja um Rache für das, was in in ihrem ersten Buch passiert ist, und der unbedarfte Leser muss ja die Verstrickung der einzelnen Personen zumindest ansatzweise kennen. Diese Einschübe sind aber für alle, die den ersten Band gelesen haben, langweilig. Und wer ihn nicht gelesen hat, dem kann ich dieses Buch mit gutem Gewissen ohnehin nicht empfehlen – es ist als eigenständige Geschichte einfach zu schwach. Und selbst diejenigen, die das erste Buch gelesen haben, sollten abwägen, ob sie sich diesen zweiten Teil wirklich noch „antun“ wollen. Denn eigentlich passte der ungewöhnliche Schluss von Band 1, in dem die Heldin alles wieder verliert, was sie durch ihren steilen Aufstieg erreicht hatte, hervorragend zu der ebenfalls ungewöhnlichen Hauptfigur, die eben nicht lieb, gut und anmutig, sondern eitel, selbstgefällig und hochnäsig war. Für meinen Geschmack wäre ein Happy End à la Hollywood eben nicht das richtige Ende für die Geschichte dieser Heldin gewesen. Nichts anderes ist aber dieses zweite Buch. Nach 16 Jahren Verbannung schenkt es der gebeutelten Heldin (und uns Lesern) das ersehnte Happy End.

Wer von dem bitteren Ende von Band 1 enttäuscht war, und nun noch erleben möchte, wie alles wieder gut wird, wie sich Thu an allen Verschwörern rächt, wie sie ihren verloren geglaubten Sohn wiederfindet und sich nicht nur mit dem alten Pharao sondern sogar mit Hui, dem Anführer der Verschwörung, wieder aussöhnt – nur also, wessen Blutzuckerspiegel so viel Süßes verträgt – der sollte diese schwächelnde Fortsetzung lesen.

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