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Die Schattenkönigin

von

Pharao Echnaton und seine Große Königliche Gemahlin Nofretete hatten sich in den letzten Jahren ihrer Ehe entzweit. Doch nun ist Echnaton gestorben und Nofretete kehrt in den Herrscherpalast zurück, weil sie weiß, dass jetzt der Wettlauf um die Nachfolge beginnen wird. Ein Wettlauf, der höchstens 70 Tage dauern wird, denn spätestens nach dieser Einbalsamierungszeit wird mit dem Begräbnis des alten Herrschers ein neuer Pharao ausgerufen werden müssen. Und Nofretete kennt ihre Gegenspieler. Da ist zum einen ihre eigene Tochter Merit-Aton, die Echnaton zur Königin erhoben hatte. Sie ist selbstsüchtig und eitel und würde alles dafür tun, um als Frau des zukünftigen Pharaos selbst im Rampenlicht zu bleiben. Dann ist da der Oberpriester Eje, der Echnatons Aton-Kult immer abgelehnt hatte und wohl sofort zu den alten Göttern zurückkehren würde. Und schließlich gibt es noch den Heerführer Haremhab, der viel Einfluss besitzt und in der Vergangenheit stets mit Eje zusammengearbeitet hatte. Jede dieser Personen würde ohne mit der Wimper zu zucken den Weg ihres Ehemannes Echnaton verlassen – den Weg zum einzigen Gott Aton, an den auch Nofretete glaubt.
Nofretete weiß, dass sie nicht alleine regieren kann. Das Land verlangt nach einem Pharao. Aber es gibt keinen hochgestellten Mann, von dessen Treue zu Aton sie überzeugt ist und sie wird keinesfalls einen ihrer einfachen Untertanen heiraten. So ersinnt sie einen gefährlichen Plan…

Dieser Roman berichtet uns vom Kampf um die Nachfolge Echnatons. Ein Kampf, in den alle Namen verstrickt sind, die wir aus den historischen Überlieferungen dieser Zeit kennen. Eje, Haremhab, Merit-Aton, Anchensenpaton, Tutenchamun, der Hethiterkönig Schuppiluliuma und natürlich Nofretete. Sie ist allerdings die Einzige unter diesen Figuren, von der man heute nicht genau weiß, ob sie nach dem Tode Echnatons überhaupt noch lebte, geschweige denn, ob sie sich am Machtkampf beteiligte. Aber so, wie Inge Nickel-Ritzkat es hier schildert, könnte es nach heutigem Kenntnisstand tatsächlich gewesen sein.

Sie schildert uns die Gedanken und Gefühle aller handelnden Figuren. Dadurch eröffnet sich dem Leser eine faszinierende psychologische Sicht auf die Handlung. Man begreift, welche Motivationen im Spiel sind und aus welchen Gründen sich langsam alle involvierten Personen gegen Nofretete stellen. Und wenn dann wieder eine Chance vergeben, wieder eine Möglichkeit zunichte gemacht wurde, wenn Nofretete begreift, dass sie in ihrem Kampf zunehmend alleine dasteht, dann kann man als Leser nicht anders, als Mitleid mit dieser zielstrebigen und aufrechten Frau zu haben. Insofern ist dieser Roman gut geschrieben.
Auch die Einführung in die Handlung gelingt der Autorin sehr gut, indem sie uns auf den ersten Seiten des Buches durch die Erinnerungen des sterbenden Echnaton und der an seinem Sterbebett sitzenden Nofretete die Vorgeschichte erzählt. Ohne, dass dies als Einleitung erkennbar ist, führt sie den Leser kurz in die Geschichte ein und macht dadurch deutlich, welche Stellung die einzelnen Personen zu Echnaton und seinem Aton-Kult hatten und welche Ziele sie im anschließenden Intrigenspiel wohl verfolgen werden.

Aber trotz der diversen genannten Qualitäten konnte mich die Geschichte nie wirklich fesseln. Es wirkte auf mich nicht, als ob ich die Geschichte selbst miterleben würde, sondern als verfolgte ich eine Reportage über die Geschehnisse der damaligen Zeit. Eine handwerklich durchaus gut gemachte Reportage, die uns die Gedanken und Taten der einzelnen Personen ausführlich und nachvollziehbar schildert und die nach heutigem Kenntnisstand auch wirklich so passiert sein könnte. Aber es entstand zwischen mir und der Hauptperson kein emotionales Band. Zwar empfand ich Mitleid mit Nofretete, aber ich konnte mich mit ihr nicht identifizieren. Ich kann nicht genau sagen, woran das liegt, aber es ist kennzeichnend für diese aus meiner Sicht etwas unterkühlte Atmosphäre, dass die Autorin die Geschichte nicht mit Nofretete, also mit der titelgebenden Hauptperson, beendet. Das allerdings würde ich von einem Roman erwarten, bei dem sich der Leser mit der Hauptfigur identifizieren soll. Die Geschichte muss dann auch mit der Hauptperson enden, die entweder ihre Ziele erreicht oder daran scheitert, glücklich oder traurig ist, ein neues Leben beginnt oder stirbt. Aber in diesem Roman folgen, nachdem die Geschichte der Nofretete zuende erzählt ist, noch die weiteren Geschehnisse rund um Tutenchamun und Eje bis hin zur Machtergreifung Haremhabs. Für einen Bericht über das Ende der 18. Dynastie ist das sicher auch sinnvoll – für einen Roman über Leben, Lieben und Leiden der Großen Königlichen Gemahlin Nofretete aber nicht.

Sehr schade ist, dass es kein Nachwort gibt, in welchem die Autorin ihren Roman in die heutigen Erkenntnisse über die damalige Zeit einordnet. Ein paar Sätze darüber, welche Ereignisse historisch belegt sind und an welchen Stellen ein Autor sich ein paar künstlerische Freiheiten erlaubt hat, stehen einem historischen Roman immer gut zu Gesicht. Immerhin zeigt eine Auflistung am Anfang, welche Personen tatsächlich gelebt haben, und welche erfunden sind. Aber das ist auch schon alles, was Inge Nickel-Ritzkat dem Leser mitgibt.
Insgesamt dennoch ein interessanter Entwurf der möglichen Ereignisse nach dem Tod des „Ketzerkönigs“ Echnaton mit einer guten, in sich stimmigen Geschichte, in der viel Wert auf die emotionale und psychologische Seite der Charaktere gelegt wird.

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