Die Toten kehren wieder mit dem Wind

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Fünf Pharaonen hat Haremhab überlebt, bis er selbst zum mächtigsten Mann Ägyptens gekrönt wurde. Als junger Ziegenhirte von seinem eigenen Vater an das ägyptische Militär verkauft, gewinnt er durch Mut und Einsatz das Vertrauen von Thutmosis, der einst Nachfolger seines Vaters Pharao Amenophis III. werden soll. An der Seite des Prinzen steigt Haremhab die Karriereleiter steil nach oben bis er Befehlshaber der königlichen Armee ist. Doch ein Schicksalsschlag beendet das Leben des jungen Thronfolgers und Haremhab verliert damit seinen besten Freund und Förderer. Thutmosis‘ jüngerer Bruder Amenophis kommt nun an die Macht. Dieser stand immer im Schatten seines älteren Bruders. Eifersucht gegenüber Thutmosis‘ Bevorzugung und tiefe Schwermut bestimmten bis dahin sein Leben. Doch er beschließt, das Werk seines Vaters fortzusetzen, indem er die Macht der Amun-Priester beschneidet und bald sogar nur noch die Sonnenscheibe Aton als alleinigen Gott anbetet.

Haremhab, der mit der Tochter eines Amun-Priesters verheiratet ist und in den Augen Amenophis‘ (der sich später in Echnaton umbenennen wird) zu stark an seinen ungeliebten Bruder gebunden war, verliert seine Stellung am Hof. Nur durch die Fürsprache von Amenophis‘ Schwiegervater Eje, der wie Haremhab selbst aus bescheidenen Verhältnissen stammt, gewinnt er die Anerkennung des Pharaos zurück und damit neue Ämter und Titel, die ihn schließlich zum mächtigsten Mann Ägyptens machen werden. Doch bis dahin ist es noch ein steiniger Weg mit vielen Schicksalsschlägen und Hürden, die Haremhab verkraften und meistern muss. Und die ihn letztendlich dazu bringen, an der Familie, unter der er zu Ruhm und Ehre gelangte, das schlimmste Vergehen zu verüben, das einem Ägypter zuteil werden kann: iri-em-tem-wen – die Auslöschung des Namens und aller Erinnerungen – und somit den zweiten und endgültigen Tod.

„Die Toten kehren wieder mit dem Wind“ ist ein Spruch aus dem späteren Totenbuch, wie der Autor Michael Höveler-Müller im Nachwort seines Debüt-Romans schreibt. Obwohl die Geschichte nicht in der Ich-Form geschrieben wurde, sind es die Erinnerungen des sterbenden Haremhabs, die der Leser verfolgt. Der Autor verlässt die Geschichte für kurze Momente und kehrt an das Sterbebett Haremhabs zurück, dem ein stürmischer Westwind Erinnerungen und die Bilder längst Verstorbener aus seinem langen und ereignisreichen Leben schickt. Umso verwunderlicher, dass dies der erste deutschsprachige Roman ist, der über das Leben Haremhabs schreibt und somit eine willkommene Abwechslung zu den gängigen Echnaton-/Tutanchamun-Romanen bietet.

Dem langen Leben Haremhabs ist es wahrscheinlich auch geschuldet, dass es einige Zeitsprünge in dem Buch gibt und manche Ereignisse im darauffolgenden Kapitel nur kurz in einer Rückblende erzählt werden. An so mancher Stelle, wie bei der nur beiläufigen Erwähnung des tragischen Todes Echnatons, hätte ich mir doch eine ausführlichere Einbindung in die Geschichte gewünscht. Dem Buch hätten ein paar Seiten mehr sehr gut gestanden. Dies ist aber durchaus positiv gemeint, denn Michael Höveler-Müller, (ehemaliger) Kurator des Ägyptischen Museums Bonn, ist ein wundervolles Erstlingswerk gelungen, in dem er neben der Romanhandlung noch geschickt und sehr kenntnisreich viele Hintergrundinformationen über Rituale und Glauben der alten Ägypter in die Geschichte einbringt. Die wichtigsten künstlerische Freiheiten führt er in seinem vorbildlichen Nachwort auf und Diejenigen, die noch mehr über Haremhab und seine Zeit wissen möchten, werden in der anschließenden Literaturliste fündig. Ein 10 (!) Seiten starkes Glossar beschreibt und erklärt Personen und Begriffe, die in diesem Buch (außer Personen) mit Schrägschrift gekennzeichnet sind.

Obwohl der Titel wunderbar zu dem Buch passt, assoziiert man ihn leider nicht gleich mit dem alten Ägypten (zusätzlich zeigt der Einband der Erstausgabe ein sehr dunkles und irreleitendes Foto, auf dem ein „moderner“ Ägypter auf die Pyramiden zuschreitet) und so fristet dieser Roman bisher zu Unrecht ein Schattendasein in den Regalen der Buchhandlungen. „Die Toten kehren wieder mit dem Wind“ ist ein kurzweiliges und wundervoll geschriebenes Buch, das hoffentlich nicht das letzte von Michael Höveler-Müller sein wird.

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