Hatschepsut. Die Pharaonin

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Hatschepsut ist der Liebling ihres Vaters Aacheperka-Rê. Sie ist intelligenter und willensstärker als ihre beiden Brüder und wäre als Thronfolger viel geeigneter als diese. Aber der kranke Aacheperka-Rê weiß, dass er keine Frau als Thronfolgerin ausrufen kann. Dennoch bereitet er während seiner letzten Jahre Hatschepsut darauf vor, dass sie einmal als Gemahlin ihres Bruders Djehutmes auf dem Thron sitzen und über Ägypten herrschen wird. Als ihr Vater stirbt, folgt Hatschepsut seinem Wunsch und heiratet den ungeliebten Bruder. Während Djehutmes auf Kriegszügen ist, leitet Hatschepsut die Staatsgeschäfte und alle Würdenträger müssen zugeben, dass sie dies mit großer Umsicht und Entschlusskraft tut. Stets hat sie das Wohl des Landes und des Volkes im Blick und holt sich bei den weisen Männern in ihrer Umgebung Rat. Besonders vertraut sie dabei dem alten Priester Hapu und dem Bogenschützen Senenmut, der auch Erzieher ihrer Tochter Nofrurê wird.
Als Djehutmes stirbt, ist der legitime Thronfolger, der Sohn einer Nebenfrau, noch ein kleines Kind. Daher übernimmt Hatschepsut die Regierung. Während der kommenden Jahre blüht Ägypten auf. Es wird mit den Nachbarn kein Krieg geführt sondern verstärkt Handel getrieben. Sie baut zu Ehren der Götter Tempel, verbessert die Lebensbedingungen des Volkes und startet eine Expedition in das sagenumwobene Weihrauchland Punt. Und auch ihr Privatleben wird glücklich, als sie sich in Senenmut verliebt und dieser ihre Liebe erwidert.

Langsam aber ziehen dunkle Wolken am Horizont ihres Lebens auf. Die Nilüberschwemmung bleibt mehrere Jahre aus und es gibt in der Priesterschaft Gegner, die den nun jugendlichen Thronfolger Mencheper-Ka-Rê gerne auf dem Thron sehen würden. Ihr Geliebter Senenmut, den sie zum Dank für seine vielfältigen Dienste, z.B. als Baumeister, Erzieher oder Oberster der Bogenschützen, mit Titeln überhäuft hat, wird von immer mehr Hofbeamten mit neidischen und mißtrauischen Blicken bedacht. Und dann stirbt auch noch ihre Tochter Nofrurê bei einem Unfall. Aber die starke Hatschepsut zerbricht nicht daran sondern versucht, mit den widrigen Umständen umzugehen. Eine strenge Bevorratung und Rationierung lässt auch während der dürren Zeit das Volk nicht zu sehr hungern und um die gegnerischen Priester ruhigzustellen, regiert sie nun zusammen mit ihrem Neffen Mencheper-Ka-Rê. Nur gegen die wachsende Zahl der Neider Senenmuts kann sie nichts tun.

Natürlich kann dieser Zustand einer Doppelspitze an der Regierung nicht lange gutgehen, das weiß auch Hatschepsut. Mencheper und sie sind sich in vielen Dingen nicht einig und Menchepers Kraft und Einfluss werden von Tag zu Tag stärker. Schließlich ist es soweit: Mencheper holt zum entscheidenden Schlag aus. Er verurteilt Senenmut mittels falscher Anschuldigungen und zwingt Hatschepsut dazu, ihren Geliebten nach Punt zu verbannen, wo er bis zu seinem Tode bleiben soll. Hatschepsut weiß, dass es nun nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sich Mencheper auch seiner Mitregentin entledigen wird. Wird er sich damit begnügen, sie nur aus der Regierung zu drängen, oder muss sie um ihr Leben fürchten?

Der Roman besitzt eine vielschichtige und in mehreren Handlungssträngen erzählte Geschichte. Neben der Hauptgeschichte, die das Leben Hatschepsuts von ihrer Kindheit bis über ihren Tod hinaus erzählt, hat dieser Roman auch einige sehr interessante Nebenhandlungen zu bieten, wie z.B. die des Spions Gemni, der für Ägypten in den Fremdländern die feindlichen Bestrebungen beobachten und Ägypten bei Gefahr rechtzeitig warnen soll. Oder die Geschichte des Findelkinds Merit-Mesheru, das nicht nur zwei unterschiedliche Augen sondern auch eine gespaltene Persönlichkeit hat. Lustig auch der immer wieder mal erwähnte Erfinder Sennedschen-Chufu, dessen Erfindungen leider nicht immer das gewünschte Ergebnis liefern – sehr zum Ärger seiner Frau.

Es ist daher ein ereignisreicher und trotz seiner mehr als 700 Seiten durchaus kurzweiliger Roman, der auch viel Hintergrundwissen des Autors offenbart. Doch trotz dieser Vorzüge konnte mich das Buch nicht vollständig begeistern. Ich finde, dass die einzelnen Figuren einfach zu wenig herausgearbeitet sind. Lediglich die Hauptfigur wird differenziert dargestellt. Immer wieder können wir an den persönlichen Tagebucheintragungen Hatschepsuts teilhaben und erfahren so, was sie fühlt und denkt, wie sie liebt und leidet, wie sie zaudert und dann doch entschlossen voranschreitet. Dadurch kann einem diese Frau ans Herz wachsen, vor allem im zweiten Teil des Buches, wenn sich alles gegen sie wendet. Aber schon die Figur des Senenmut, obwohl auch sie viel Raum in diesem Roman einnimmt, wird weit weniger farbig geschildert. Was sind seine Wünsche und Sehnsüchte? Wo sind seine Emotionen und Abgründe? Und alle weiteren Charaktere, egal, ob sie gut oder schlecht sind, bleiben merkwürdig blass. Man mag anderen Autoren wie Christian Jacq ja durchaus vorwerfen, dass es in seinen Romanen immer nur richtig gute oder abgrundtief böse Charaktere gibt, und nichts dazwischen. Aber dadurch bekommen dessen Figuren zumindest ein deutliches (wenn auch sehr einfaches) Profil. Dieses klar erkannbare Profil fehlt hier leider oft. Zwar beschreibt Hanns Kneifel oft sehr detailreich die handelnden Personen, aber leider kommt dafür der Aufbau und die Entwicklung der Charaktere zu kurz, und darunter leidet die Geschichte. So intrigiert bspw. der Priester Pentawer-Nacht über das gesamte Buch gegen Hatschepsut. Dennoch werden diese Intrigen nüchtern und emotionslos erzählt. Angst, Abscheu oder wenigstens Spannung baute sich da bei mir nicht auf. Und selbst die sehr interessant angelegte Figur der Merit-Mesheru, deren gespaltene Persönlichkeit ein hohes Potenzial an Spannung und Verwirrung beinhaltet, bleibt nur eine Randfigur mit einem für meinen Geschmack viel zu kleinen Anteil an der Geschichte. Was hätte man aus der Figur alles machen können!

Hanns Kneifel vereint unverkennbar Fachwissen mit Erzähltalent. Das Buch lässt sich leicht lesen und hat eine interessante Geschichte mit gut angelegten Figuren. Aber der Roman konnte mich zu keiner Zeit fesseln. Ich konnte mit den Figuren nicht mitfiebern und das Buch daher abends leicht aus der Hand legen. Und das Ende habe ich leider trotz mehrfachen Zurückblätterns nicht verstanden. Was soll der Falke darstellen?
Positiv erwähnt werden muss der mehr als 20-seitige Anhang, der neben den üblichen Karten und Begriffs-Erklärungen auch die Abstammungslinien der königlichen Figuren des Romans enthält. Besonders erwähnenswert ist der Anhang aber wegen der Erläuterungen zu einigen Aspekten des ägyptischen Lebens, zur Staatsform, zu Nachbarländern oder auch zu ganz alltäglichen Dingen, wie dem Bierbrauen. Diese kurzen Texte sind für den interessierten Ägyptenneuling sicher sehr lehrreich und selbst der fortgeschrittene Ägypteninteressierte wird darin wahrscheinlich noch die ein oder andere neue Information finden.

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