Hatschepsut. Die schwarze Löwin

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Hatschepsut ist eine der schillerndsten Frauenfiguren des alten Ägypten, über die schon viele Bücher geschrieben wurden. Mit einem weiteren Roman über ihr Leben nicht nur Altbekanntes zu erzählen, ist schon eine Herausforderung, die Birgit Fiolka jedoch mit Bravour bewältigt hat. Sie beginnt ihre Erzählung mit der 16-jährigen Hatschepsut, deren Vater Thutmosis I. gerade zu den Göttern gegangen ist. Ihr Halbbruder und Ehemann Thutmosis II. wird der neue Pharao werden und Hatschepsut damit Große Königliche Gemahlin, doch ihr Bruder ist von schwacher Konstitution und ein Spielball seiner Mutter und der Nebenfrau Isis. Hatschepsut muss für ihre Rechte kämpfen und sieht sich am Hofe doch zunehmend isoliert. Als es Thutmosis II. gesundheitlich immer schlechter geht, befürchtet Hatschepsut, dass sie nach seinem Tod gänzlich ausgebootet werden soll. Isis‘ Sohn, der ebenfalls Thutmosis heißt, ist zwar noch ein kleines Kind, doch seine Familie wird alles dafür tun, ihn dennoch auf den Thron zu setzen. Mit den wenigen Vertrauten, die Hatschepsut hat, will sie versuchen, das Blatt zu ihren Gunsten zu wenden.

Was diesen Roman aus den vielen Büchern über Hatschepsut herausragen lässt, ist, dass Birgit Fiolka sich viel Mühe gibt, eine wirklich authentische altägyptische Atmosphäre zu schaffen. So unterteilt sie ihre Geschichte bspw. in 12 Kapitel, die sie mit Sprüchen der 12 Stunden der Nachtfahrt des Re überschreibt. Für Zeitangaben benutzt sie stets die alten Datumsbezeichnungen und sie verwendet häufig altägyptische Sprachbilder, gibt Zeiträume z.B. in der Anzahl der Nilschwemmen anstelle von Jahren an, verwendet den Ausdruck „Chnums Töpferscheibe“ für den Akt der Schöpfung oder den Reisewunsch „Mögen Deine Füße (stets) festen Tritt finden“, der überliefert ist und damit für eine Erzählung dieser Zeit eben viel authentischer ist, als ein „Ich wünsche Dir alles Gute für die Reise“.

Birgit Fiolka will dem Leser dadurch einen Eindruck davon vermitteln, wie die alten Ägypter dachten, sprachen und fühlten. In einem Nachwort erläutert sie auch, dass die ägyptische Glaubenswelt eine sehr bildhafte war. Für die Ägypter war die Statue eines Gottes nicht nur eine Statue, sondern der Gott wohnte tatsächlich darin. Ebenso stellte man sich die verschiedenen Teile der Seele eines Menschen z.B. als Schatten oder Vogel vor. Sie baut daher eine Cousine ein, die in Hatschepsuts Dienste tritt und der Königin so ähnlich sieht, dass sie als ihr „Ka“, das Abbild ihrer Lebenskraft, angesehen wird, was große Ehrfurcht hervorruft. Man merkt also, dass die Autorin nicht einfach nur eine Geschichte über Hatschepsut erzählen will, sondern dass sie versucht, diese auch in die antiken Lebensumstände einzupassen und sie so zu schreiben, wie die alten Ägypter sie wohl erlebt und verstanden hätten.
Dies alles soll helfen zu verstehen, warum Hatschepsut, die doch als Regentin für den noch kleinen Thutmosis III. sowieso schon die Zügel der Macht in der Hand hielt, sich tatsächlich zum Pharao krönen ließ. Denn Pharao konnte nur ein Mann sein. Es müssen mächtige Kräfte und Bilder im Spiel gewesen sein, um sie von diesem Schritt zu überzeugen und die Ägypter dazu zu bringen, diesen Traditionsbruch zu akzeptieren, zumal es ja bereits einen rechtmäßigen Nachfolger gab.

Ein paar kleine Kritikpunkte fallen dagegen kaum ins Gewicht: Wie bei vielen Büchern, die im Selbstverlag erscheinen, merkt man auch diesem an manchen Stellen die fehlende professionelle Verlagsbegleitung an. Zwar hält sich die Zahl der Schreibfehler in erträglichen Grenzen, aber einem Lektor wären sie wohl nicht alle durchgerutscht; ebenso wie eine Kapitelüberschrift, die als unterste Zeile einer Seite gedruckt ist. Überhaupt fällt beim Aufschlagen des Buches sofort das ungewöhnliche Schriftbild ins Auge: kein Blocksatz, ein großer Zeilenabstand bei relativ kleiner Schrift, und Zeilen, die bis an den Seitenrand reichen.
Schade ist auch, dass vom ursprünglich geplanten Coverbild, das Details aus dem Reich der Lebenden und der Toten sowie der Fahrt durch die Unterwelt enthielt, es letztlich nur ein kleiner Ausschnitt tatsächlich auf den Umschlag schaffte. Man hätte das ganze Bild auf der Rückseite des Buches zusätzlich abdrucken können.

Obwohl das Leben Hatschepsuts gut recherchiert ist und die Geschichte gekonnt erzählt wird, hätte ein bisschen mehr Spannung dem Roman gut getan. Da Thutmosis III. noch viel zu klein ist, um Hatschepsut ernsthaft gefährlich werden zu können, bleiben als Gegenspieler nur dessen Mutter und Großmutter. Die wichtigen Staatsbeamten, wie Senenmut oder der Oberpriester Hapuseneb, stehen dagegen alle auf Hatschepsuts Seite. Auch die ihr zunächst feindlich gesinnten Priester von Memphis, die eine ernste Gefahr für ihre Machtübernahme darstellen könnten, wandeln sich durch das Eingreifen ihrer Dienerin Hui von einem Tag auf den anderen zu Unterstützern der Königin. Dieser gut aufgebaute Spannungsbogen knickt dadurch plötzlich ab. Trotz aller Widerstände, die Hatschepsut zu überwinden hat, geraten ihr Leben oder ihr Herrschaftsanspruch nie ernsthaft in Gefahr. Ich hätte mir da ab und zu etwas mehr Dramatik gewünscht.

Und damit zu meinem letzten Kritikpunkt: Dass es sich bei diesem Buch um den ersten Teil eines zweibändigen Werkes handelt, ist nirgendwo zu erkennen. Weder dem Umschlagtext, noch dem Vor- oder Nachwort kann man entnehmen, dass die Geschichte weiter geht und es einen zweiten Band gibt. Wer nur dieses Buch liest, wird am Ende wegen der vielen offen bleibenden Handlungsstränge ziemlich enttäuscht sein; und er hat keine Chance zu erkennen, dass es einen Folgeband gibt!
Wer dagegen, wie ich, Band zwei bereits auf dem Tisch liegen hat, für den erhöhen die offen bleibenden Fragen eindeutig die Lust auf das Weiterlesen. Mit welchem dunklen Geheimnis konnte Hatschepsuts Dienerin Hui die memphitischen Priester erpressen? Was wird zwischen Hatschepsut und Senenmut aus der gegenseitigen Zuneigung, die beide unterdrücken, weil eine Lieben zwischen ihnen eben nicht der Maat, der Gerechtigkeit der ägyptischen Weltordnung, entspräche? Und wird der einäugige Sary der Pharaonin nun doch noch gefährlich, nachdem er sich kurz vor Ende des Buches von einem die Maat achtenden Leibwächter zu einem gewissenlosen Schlächter entwickelt hat?

Diese Vorfreude auf den zweiten Band ist für mich eine klare Aussage über die Qualität der Geschichte – Kritikpunkte hin oder her. Birgit Fiolka zeigt auch mit diesem Roman wieder, welch großes Erzähltalent in ihr steckt. So ist z.B. die Figur des Leibwächters Sary, der Hatschepsut aus tiefstem Herzen hasst, weil er sie für den Tod seines Bruders verantwortlich macht, ganz hervorragend erdacht und umgesetzt. Obwohl ein Teil von ihm sie umbringen möchte, wird er sie dennoch mit seinem Leben schützen, weil er die Maat über seine Gefühle stellt. Und Hatschepsut stellt genau deshalb ihr Leben unter seinen Schutz, obwohl sie seinen Hass kennt und ihm daher nicht vollständig vertraut. Eine großartige Idee, die man in jede denkbare Richtung weiterentwickeln kann, und die der Geschichte durch die latente Gefahr Würze verleiht.

Birgit Fiolka schafft, was nur wenigen Autoren von Ägyptenromanen gelingt: die Verbindung einer richtig guten Geschichte mit historischer Genauigkeit und zeitgemäßem Ambiente. Durch fundierte Recherche und gute Berater (z.B. Prof. Rainer Hannig) gelingt ihr ein authentisches Bild der damaligen Zeit. Wer sich als Leser führen und fallen lassen kann, wird tatsächlich einige Jahrtausende zurückversetzt werden und verstehen, wie Hatschepsut es schaffte, den Ägyptern beizubringen, dass sie – und nur sie allein – die von Gott Amun vorgesehene Herrscherin war.

Erfreulich ist, dass es im Nachwort ein paar Zusatzinformationen über Hatschepsut und einige der sie umgebenden Personen gibt. Die Autorin erklärt darin, warum sie manches so geschrieben hat, und wie das in den derzeitigen Forschungsstand passt. Wenn in der nächsten Auflage noch die Fehler beseitigt werden und wenigstens am Ende ein Hinweis auf den Folgeband aufgenommen wird, ist dies ein rundum gelungenes Buch. Ich freue mich schon auf den zweiten Band, der mit Sarys angedeuteter Wandlung zum Bösen, der Zuspitzung der Gefühle zwischen Senenmut und Hatschepsut und dem älter werdenden Widersacher Thutmosis III. sicher auch noch etwas mehr Spannung entwickeln wird.

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