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Im Bann der Götter

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Mit diesem Buch legt die Autorin bereits den zweiten historischen Roman aus der Amarnazeit vor. In ihrem ersten Buch „Die Schattenkönigin“ hatte sie sich dem letzten Lebensabschnitt der berühmten Königin Nofretete gewidmet und von deren vergeblichem Kampf um die Macht nach dem Tode ihres Ehemannes Echnaton erzählt. In ihrem neuen Buch erzählt uns Inge Nickel-Ritzkat nun das Leben Nofretetes von ihrer Ankunft in Ägypten bis zum Tode Echnatons. Sie gibt dem Leser damit auch einen Überblick über die gesamte Epoche des sogenannten Ketzerkönigs Echnaton, der seinem Land eine neue Religion verordnen wollte und es letztlich in eine Katastrophe führte.

Hauptfigur dieses Romans ist eine Prinzessin im Frauenhaus. Diese Prinzessin Neferit schreibt ihre Lebensgeschichte auf und erzählt uns dadurch auch die Geschichte Nofretetes, deren Vertraute sie war. Das gleiche erzählerische Mittel hatte vor 30 Jahren auch Susanne Scheibler in ihrem großartigen Nofretete-Roman „Ewig fließen die Wasser des Nil“ eingesetzt. Und ebenso wie diese, wählt auch Inge Nickel-Ritzkat hier den eher seltenen Weg, dem Leser schon zu Beginn das Ende zu verraten, um ihm dann Schritt für Schritt zu erzählen, wie es zu diesem Ende kam. Durch diese Erzählweise gelingt es der Autorin sehr gut zu zeigen, wie sich die Situation im Lande immer mehr zuspitzte und unausweichlich in einen Bürgerkrieg mündete, der Tausende das Leben kostete.

Die Leben der Freundinnen Neferit und Nofretete verlaufen zunächst glücklich. Nofretetes Glück bekommt allerdings erste Risse, als sie keinen Thronfolger gebären kann und ihr Ehemann Echnaton sich immer mehr seinem Gott zuwendet. Er vernachlässigt die Staatsgeschäfte und bricht mit den mächtigen Amunpriestern. Außerdem leidet er an einer epilepsieähnlichen Krankheit und flüchtet sich immer mehr in weltfremde Träumereien. Inge Nickel-Ritzkat zählt dem Leser gleich eine ganze Reihe von Fehlern und Schwächen Echnatons auf, die verantwortlich dafür gewesen sein könnten, dass Ägypten in eine so tiefe Krise stürzte.
Neferits Leben bleibt lange glücklich, ob am Hofe in Theben oder später in Echnatons neuer Hauptstadt Achet-Aton. Sie ist verheiratet mit ihrer großen Liebe, dem Bildhauer Thotmes, schenkt einem Sohn das Leben und überwindet auch die schwierige Situation mit ihrer Schwägerin Nefti, die ihr das Leben schwer macht. Aber als sie mit ihrem Mann nach Theben zurückkehrt, gerät sie mit ihrer Familie zwischen die Fronten der Anhänger des alten und des neuen Glaubens.

Das Buch versucht einen Spagat zwischen drei Zielstellungen: Es will die Lebensgeschichte der Hauptperson Neferit erzählen, gleichzeitig den politischen und religiösen Zusammenbruch Ägyptens darstellen und schließlich dem Leser auch die historischen Personen Echnaton und Nofretete nahebringen. Während Inge Nickel-Ritzkat die ersten beiden Ziele problemlos erreicht, bleibt die letzte Aufgabe seltsam unvollendet.

Da wir heute über das Leben Echnatons und Nofretetes nicht viel wissen – aus den offiziellen Königlisten wurden sie gestrichen und religiöse Fanatiker versuchten, auch alle anderen Erinnerungen an sie zu vernichten – sind vielfach nur Vermutungen möglich. Inge Nickel-Ritzkat musste sich daher für diejenigen Thesen entscheiden, die sie für ihre Geschichte am sinnvollsten hielt. Das ist völlig legitim und wird durch einen kurzen Anhang, in dem sie etwas über Nofretete erzählt, auch verdeutlicht. So entscheidet sie sich bspw. für eine der vielen Vermutungen über Nofretetes Abstammung, baut ein intimes Verhältnis zum Oberbildhauer Thutmosis ein und gibt auch eine Erklärung dafür, warum der berühmten Büste ein Auge fehlt. Aus den wenigen bekannten Fakten und den vielen Vermutungen mixt sie einen stimmigen Cocktail und haucht Nofretete damit Leben ein.
Aber dann hört sie plötzlich auf damit. Sie entwickelt kein Szenario für Echnatons Tod und auch keines für Nofretetes Ende. Was wurde aus ihr? Lebte sie in aller Stille weiter oder wurde sie im Zuge des Machtwechsels ebenfalls getötet? Wenn man über weite Strecken des Buches die Freundschaft zwischen Neferit und Nofretete in den Mittelpunkt stellt und dem Leser die Lebenswege beider Frauen erzählt, wie kann man dann nur eines der beiden Leben zuende erzählen und das andere so unvollendet lassen? Was wurde aus der Freundschaft der beiden Frauen? Mir fehlte da am Ende etwas!

Was aber wirklich gelungen ist, ist die Geschichte der Hauptfigur Neferit. Wie aus dem kleinen, wissbegierigen Mädchen eine Heilerin und eine glückliche Ehefrau wird, deren Leben schließlich durch den fanatischen Eifer der religiösen Gruppierungen zerstört wird, weil der Pharao ein Schwächling und ein Träumer ist, das ist wirklich gut erzählt. Man begreift, dass unter dem ausbrechenden Bürgerkrieg alle leiden mussten, auch diejenigen, die völlig unschuldig waren und keiner Partei angehörten.
Das Erzähltalent der Autorin blitzt dabei immer wieder auf, z.B. in dem großartigen Erzählstrang über Nefti, die behinderte und eifersüchtige Schwester des Thotmes, oder in zeitgemäßen Sprachbildern, wie „Mein Kopf war leer wie eine vertrocknete Samenhülse“ oder „Die Sonne berührte bereits den Horizont, als ich sie verließ“. Von diesen hätte es übrigens gerne noch ein paar mehr geben dürfen, weil sie für mich zum historischen Ambiente einer Geschichte beitragen.

Zu bemängeln sind zunächst ein paar formale Dinge. Neben etlichen vergessenen Buchstaben und der konsequenten Verleugnung des Genitiv-Apostrophs haben mich vor allem die Namensdopplungen gestört. Wenn man dem Sohn der Neferit den Namen Thut gibt, dann darf man mitten in der Geschichte nicht schreiben, dass Anchesenpaton mit dem jungen Thut verheiratet wird sondern muss dessen Namen, gemeint ist an dieser Stelle nämlich Tutenchaton, ausschreiben. Unverständlich auch, warum am Anfang der Geschichte eine Freundin Neferits ausgerechnet Sata heißen muss, wenn am Ende eine Dienerin ebenso heißt. In beiden Fällen wären die Missverständnisse durch andere Namensgebung leicht zu vermeiden gewesen.

Ebenfalls fehlten mir ausführliche Schilderungen der Feste und Riten. An Nofretetes Ankunftstag in Ägypten oder am Tage der Beerdigung des alten Pharaos werden Prozessionen unterwegs gewesen sein, wird man sich schick gekleidet und Feste gefeiert oder Opfer gebracht haben. All das kommt hier aber nicht vor. In jeweils nur einem einzigen Satz teilt die Autorin dem Leser diese Mega-Ereignisse mit. Das war mir an vielen Stellen einfach zu wenig.
Und auch einige sehr unglaubwürdige Handlungsteile fallen unangenehm auf. Wie kann Neferit, selbst erfahren in Kräuterkunde und Ziehtochter der größten Heilerin des ganzen Landes, täglich ein Gebräu ihrer Dienerin trinken, von dem sie nicht weiß, was darin ist? Angeblich soll es fruchtbar machen, aber Neferit wird einfach nicht schwanger – und trinkt trotzdem sorglos immer weiter den unbekannten Cocktail!?! Und diese Geschichte wird auch nicht langsam aufgebaut oder vorbereitet – wir erfahren schlagartig von diesem unbekannten Getränk, das Neferit schon seit Jahren trinken soll (obwohl es davor nie erwähnt wurde) und nach einmal Umblättern ist das Geheimnis schon gelöst und wird danach nie wieder erwähnt. Dabei ist die Idee, eine solche Episode in die Handlung einzubauen, eigentlich prima und zeugt von viel erzählerischer Fantasie, aber die handwerkliche Umsetzung ist einfach nicht gelungen.

Positiv hervorzuheben ist das Personenregister am Anfang, das zeigt, welche Figuren tatsächlich gelebt haben und welche erfunden sind. Gut auch der kurze Anhang über Nofretete, in dem Inge Nickel-Ritzkat ein wenig davon erzählt, welche Fakten wir über diese große Königin haben und an welchen Stellen ihre Geschichte auf Vermutungen beruht. Dieser Anhang hätte aber gerne noch umfangreicher ausfallen dürfen, denn auch über viele andere Personen des Romans (Echnaton, Semenchkare, Thutmosis) haben wir nur unzureichende Kenntnisse, und die Autorin hat daher beim Entwurf dieser Figuren ebenfalls manches mit ihrer Fantasie füllen müssen.

Insgesamt ist dies ein lesenswertes Buch mit einer interessanten Geschichte, die gleichzeitig auch begreiflich macht, warum Echnaton mit seinem Traum scheitern musste und er Ägypten an den Rand eines Abgrunds führte. Lediglich das Ende von Nofretete und die Freundschaft zwischen ihr und Neferit kommen am Schluss des Romans etwas zu kurz. Aber in der Vielzahl der Romane über diese Epoche muss sich „Im Bann der Götter“ keinesfalls verstecken. Trotz einiger handwerklicher Schwächen ist es Inge Nickel-Ritzkats bisher bestes Buch – und hoffentlich nicht ihr letztes!

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