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Nofretete. Das Buch der Toten

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Rahotep ist ein Ermittler bei den Medjai in Theben, der früheren Hauptstadt Ägyptens. Seine unkonventionelle Art Verbrechen aufzuklären, indem er immer wieder Fragen stellt, hat ihm eine ordentliche Erfolgsquote und einen guten Ruf eingebracht. Da ereilt ihn ein Auftrag aus der neuen Hauptstadt Achet-Aton. Echnaton höchstpersönlich fordert ihn an, um eine vermisste Person zu finden. Als Rahotep erfährt, dass es sich dabei um die Königin Nofretete handelt, ist ihm klar, dass dies ein Himmelfahrtskommando ist. Wenn er scheitert, wird er seinen Kopf verlieren. Aber Ablehnen ist natürlich unmöglich, wenn der Pharao ruft.

Der Polizeichef der neuen Hauptstadt ist nicht begeistert, dass ihm hier ein Fremder vor die Nase gesetzt wird, und die beiden „Helfer“, die er ihm zur Seite stellt, sollen ihn wohl eher beobachten, denn ihm helfen. Doch kaum hat sich Rahotep diese Gedanken gemacht, wird einer dieser beiden Helfer brutal ermordet, und auch Rahotep entgeht nur knapp einem Attentat. 10 Tage hatte Echnaton ihm gegeben, um Nofretete zu finden. Ihm bleibt nicht viel Zeit, seine Aufgabe zu erfüllen und sein Leben zu retten.

Das Buch beginnt mit dem für einen Ägyptenroman fast irrwitzigen Satz „Ich hatte von Schnee geträumt“. Und so ungewöhnlich wie der Beginn ist auch der Schreibstil des Autors. Obwohl Nick Drake in seinem Erstlingsroman erkennbar bemüht ist, die Lebensumstände im damaligen Ägypten historisch richtig darzustellen und das Zeitkolorit einzufangen, kann er sich sprachlich zwischen Antike und Moderne nicht entscheiden. So findet er für den Beruf der Hauptfigur Rahotep die schöne Umschreibung Wahrheitssucher, bezeichnet ihn aber gleichzeitig auch als Kriminalkommissar. Auch Worte wie Brötchen, Party oder VIPs lassen den Leser stolpern. Gänzlich den Kopf schüttelt man aber spätestens, wenn Nofretete erzählt, wie sie als Kind in Luxor (!) umherlief. Natürlich ist das ein Flüchtigkeitsfehler, denn ansonsten nennt er die Stadt immer Theben, was zumindest antik, wenn auch nicht altägyptisch, ist. Aber die vielen anderen modernen Begriffe sind keine Fehler – das ist der Stil des Autors Nick Drake; ein Stil, der sich auch in Sätzen wie „Was geht da ab zwischen euch beiden?“ ausdrückt.

Nachdem man sich mit Drakes ziemlich moderner Sprache arrangiert hat, liest man aber eine gut erdachte und interessant aufgebaute Geschichte, der es zwar ein wenig an Logik mangelt, der man aber durchaus anmerkt, dass Drake das Zeitgeschehen und den Handlungsort recherchiert hat. In ausführlichen, manchmal sogar etwas zu langatmigen Beschreibungen versucht er, die heute völlig zerstörte Stadt Achet-Aton vor dem geistigen Auge wieder auferstehen zu lassen. Er bemüht sich, historische Personen in die Geschichte ebenso einzubauen, wie bekannte archäologische Funde. Natürlich darf die berühmte Büste der Nofretete nicht fehlen, aber auch die bekannten Grenzstelen tauchen auf. Mit einigem Fachwissen beschreibt er, in welch unruhigen Zeiten damals die Bevölkerung lebte, hin- und hergerissen zwischen alten und neuen Göttern, regiert von einem Pharao, der das Land ohne seine Frau nicht führen kann.

Drake lässt die Geschichte im 12. Regierungsjahr Echnatons beginnen, dem Jahr, von dem er im Vorwort sagt, dass Nofretete in diesem Jahr auf unerklärliche Weise aus den Aufzeichnungen verschwand, während Echnaton noch weitere 5 Jahre regierte. Diesem Geheimnis wolle er mit der Geschichte auf den Grund gehen, schreibt er. Alles klar, denkt man, der Ermittler Rahotep wird das Geheimnis um Nofretetes Verschwinden für uns lüften. Und wenn es so gekommen wäre, wäre ich am Ende trotz der zu modernen Sprache auch einigermaßen zufrieden gewesen. Aber der Schluss ist dann ganz anders als erwartet und wird dem im Vorwort formulierten Anspruch nicht gerecht. Ganz im Gegenteil!

Ein Daumen-runter auch für das Cover der deutschen Ausgabe. Was haben die großen Pyramiden auf einem Buch zu suchen, dessen Geschichte in Theben und Achet-Aton spielt? Nichts! Es bedient nur das Ägyptenklischee von Sachunkundigen. Dabei hätten sich beim Thema Amarna, Echnaton und Nofretete doch so viele Motive angeboten.

Doch trotz aller Kritik: Dies ist kein schlechter Roman. Der Autor hat ordentlich recherchiert und er ist ein guter Erzähler. Das Buch lässt sich flüssig lesen, auch wenn die ein oder andere Beschreibung etwas zu lang geraten ist. Mangelnde Logik, die für meinen Geschmack zu moderne Sprache und ein mir unverständliches Ende verhindern eine bessere Bewertung. Aber ich habe auch schon deutlich schlechtere Ägyptenromane gelesen.

Das Buch erschien auf Englisch bereits 2006 und stellt den ersten Teil einer Trilogie um den Wahrheitssucher Rahotep dar. Vermutlich werden auch die beiden Folgebände um Tutanchamun und das Ende der 18. Dynastie bald auf Deutsch erscheinen. Ich hoffe, dass diese beiden Bücher dann weniger sprachliche Holprigkeiten enthalten und besser mit den Geschichtsbüchern in Einklang zu bringen sind. Denn das hat mir hier das Lesevergnügen ordentlich verhagelt.

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