Schatten der Verdammten. Hori und Nachtmin, Band 2

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Die beiden jungen Ärzte Hori und Nachtmin haben sich gerade an ihre neue Stellung als Palastärzte gewöhnt, da taucht in der Weryt, der Stätte der Einbalsamierer, ein überzähliges Herz auf. Wo ist der Körper dazu? Und wer hat diesen Frevel begangen? Da nur Hori diese Stätte besuchen und wieder verlassen darf, schickt Pharao Sesostris III. ihn los, um diesen Fall zu untersuchen. Schnell stellt sich heraus, dass es noch viel, viel schlimmer ist: Es muss einen Verräter geben, der die geheimsten Sprüche und die gefährlichsten Geheimnisse der Weryt kennt und sie an die Außenwelt verkaufen will. Mit diesem Wissen könnte jemand die Schatten der Verdammten beschwören, also derjenigen Verstorbenen, die nicht ins jenseitige Leben gelangen konnten. Das könnte ganz Ägypten in Gefahr bringen, denn die verderbliche Kraft der Schatten ist unermesslich.

Kathrin Brückmann gelingt es, den zweiten Band dieser Reihe fast nahtlos an den ersten anschließen zu lassen, ohne dass der erste Band zum Verständnis zwingend nötig ist. Anders gesagt: Dieser Band macht auch Spaß, wenn man den ersten nicht gelesen hat. Und Spaß macht das Lesen wirklich. Brückmann schreibt mit viel Sachverstand, Humor und einem guten Gespür für die zwischenmenschlichen Töne. Das wird besonders deutlich, wenn Nachtmin mit seiner scharfzüngigen Frau Mutnofret streitet, oder wenn Hori mit seinen ehemaligen Arbeitskollegen in der Weryt flachst.
Etwas übertrieben fand ich allerdings das Benehmen des verliebten Hori. Dass sich ein Mann im besten Alter erstmals in seinem Leben verliebt und sich dann so trottelig anstellt, empfand ich als nicht sehr glaubwürdig. Sehr schön allerdings der Cliffhanger, mit dem uns die Autorin Appetit auf den dritten Band macht, wenn am Ende Horis über viele Kapitel abgetauchte Angebetete wieder ins Spiel gebracht wird und man ahnt, dass diese Liebe wohl in Band 3 neu erblühen wird.

Die Autorin bleibt ihrem Stil treu, viele Originalbezeichnungen zu verwenden. Dabei versucht sie, diese bei ihrem ersten Auftauchen auch gleich im Text zu erklären, so dass der Leser nicht jedes Mal im Glossar nachschlagen muss. Erfreulich die auch in diesem Band wieder jedes Kapitel einläutenden Zeitangaben nach dem altägyptischen Kalender. Da die ganze Geschichte im selben Monat spielt, wären sie nicht wirklich notwendig gegwesen, aber sie machen einem immer wieder bewusst, wo man sich gerade befindet, nämlich im alten Ägypten.

Dass Kathrin Brückmann nicht einfach nur gut recherchiert sondern tatsächlich Ägyptologie studiert hat, merkt man auch an vielen kleinen Dingen, z.B. an der selbstverständlichen Verwendung des Plural-U hinter manch altägyptischem Begriff, wenn er die Mehrzahl ausdrücken soll. Das könnte den unbedarften Leser allerdings auch verwirren, wenn es mal Wab und dann wieder Wabu heißt. Und leider wird das im (sonst sehr guten) Glossar auch nicht erklärt.

Beschäftigte sich der erste Band mit der Behandlung von Leichnamen und ihrer Mumifizierung, so hat sich die Autorin hier das Leben nach dem Tode und vor allem den starken Glauben der alten Ägypter an Geister, Amulette und Beschwörungen zum Thema genommen. Nach der Lektüre dieses Romans hat der Leser eine gute Ahnung davon, wie sich die Ägypter das vorstellten, was nach dem Tode passieren würde, welche Rituale zu durchlaufen waren und welche Gefahren auf dem Weg ins glückliche Jenseits warten konnten.

Extra loben möchte ich auch die Covergestaltung. Die drei bislang vorliegenden Bände sind im gleichen Stil gehalten: Auf einem Papyrusfetzen, vor einem schwarzen Hintergrund, stellt eine im altägyptischen Stil gezeichnete Szene das Thema des jeweiligen Bandes dar. Für Band 1 war das die Mumifizierung einer Leiche, in diesem 2. Band ist des das Leben nach dem Tode: Hori und Nachtmin mit den Seelen der Verstorbenen, die die Ägypter als Vögel mit Menschenkopf darstellten und – natürlich – mit den Schatten der Verdammten. Die Bochumer Grafikerin Hannah Böving hat mit den Buchcovern nicht nur eine gemeinsame Identität geschaffen – man sieht sofort, dass diese Bücher zur selben Reihe gehören – sie drückt auch das jeweilige Romanthema auf dem Cover aus und schafft es dabei auch noch, dass die Szenen so authentisch aussehen, als wären sie von echten altägyptischen Papyri aus einem Museum abgezeichnet. Brückmann, mit ihrem Bemühen um altägyptische Authenzität und Originalbezeichnungen, hat mit dieser Grafikerin eine kongeniale Mitstreiterin gefunden.

Auch dieser zweite Band ist wieder ein rundum gelungenes Werk, in dem eine interessante Geschichte, ein anregender Schreibstil und viel Fachwissen zusammenkommen. Nach der Lektüre dieses Buches freut man sich schon auf das nächste Abenteuer der beiden jungen Ärzte. Wie gut, dass Band 3 bereits auf meinem Tisch liegt…

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