Sinuhe. Sohn der Sykomore

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Die Erzählung des Ägypters Sinuhe ist ein Klassiker der altägyptischen Literatur. Die Geschichte, von der man nicht weiß, ob sie fiktiv ist oder auf Tatsachen beruht, spielt etwa 1900 v.Chr., zu Beginn der 12. Dynastie. Nach dem Tod des beliebten Pharaos Amenemhet I. flieht der Haremsbeamte Sinuhe aus Angst vor dem Machtwechsel und der damit verbundenen Unsicherheit aus Ägypten und lässt sich im Oberen Retjenu nieder. Obwohl er dort zum Stammesführer aufsteigt, lässt ihn das Heimweh nie ganz los. Im hohen Alter macht ihm die Vorstellung, dass er nicht nach ägyptischer Sitte bestattet würde und so den Weg ins ewige Leben nicht finden könne, so sehr zu schaffen, dass er sein Leben ein zweites Mal völlig umkrempelt und nach Ägypten zurückkehrt.

Kathrin Brückmann ist studierte Ägyptologin und hat die Erzählung des Sinuhe während ihres Studiums übersetzt. Aus dem antiken Text, der in gedruckter Form vielleicht 10 Seiten umfassen würde, hat sie einen mehr als 600 Seiten starken historischen Roman gemacht, bei dem sie der psychologischen Entwicklung der Hauptfigur große Aufmerksamkeit widmet. So ist im antiken Text der Beweggrund, warum Sinuhe aus Ägypten flieht, nicht wirklich einsichtig. Pharao Amenemhet I. ist gestorben – aber mit seinem Sohn Sesostris gibt es einen Nachfolger, der sich in Kämpfen bereits als würdig erwiesen hat. Dass ein Hofbeamter vor diesem Machtwechsel so viel Angst hat, dass er fluchtartig das Land verlässt, ist nicht zu verstehen. Kathrin Brückmann schaltet hier geschickt den Tod von Sinuhes geliebter Frau vor, unter dem Sinuhe schrecklich leidet, so dass der Tod des verehrten Pharaos letztlich das Fass nur zum Überlaufen bringt. Sinuhe sieht keinen Sinn mehr im Leben und will nur noch fort von den Orten, die ihn an sein früheres glückliches Dasein erinnern. Eigentlich ist es ihm gleich, in welchem Land er landet und sogar, ob er bei der dieser Reise stirbt.

Sehr schön finde ich die Idee, verschiedene überlieferte Weisheitslehren in die Geschichte einzuarbeiten, wie die Lehre des Amenemhet, in welcher der Pharao seinen Sohn vor falschen Freunden warnt, oder die Lehre des Cheti, welche die Vorzüge des Schreiberberufs preist. Beide Lehren stammen tatsächlich aus der Zeit der 12. Dynastie und passen somit perfekt in die Geschichte.
Besonders loben muss man auch das hervorragende Begleitmaterial, insbesondere das ausführliche Nachwort, in welchem die Autorin ihre Geschichte in den derzeitigen Forschungsstand über die beschriebene Epoche einordnet und in dem sie beschreibt, wie sie den altägyptischen Text des Sinuhe zu diesem Roman gemacht hat.

Kleine Mängel, wie die Tatsache, dass nicht alle Handlungsideen konsequent zuende erzählt werden oder die gelegentliche Verwendung zu moderner Begriffe (z.B. Rheuma) können leicht verschmerzt werden, da die Geschichte das Zeitkolorit ansonsten großartig einfängt.
Das ausgesprochen hübsche Cover und die gute Lektoratsarbeit lassen kaum vermuten, dass das Buch im Selbstverlag erschienen ist. Lediglich den recht luftigen Zeilenabstand hätte ein professioneller Verlag vielleicht vermieden; das Buch wäre dann vermutlich kein ganz so dicker „Wälzer“ geworden, wovon echte Leseratten sich aber ohnehin nicht abschrecken lassen.
Aus der Originalgeschichte mit ihren teils fantastischen oder märchenhaften Anteilen, wie dem Kampf des Sinuhe gegen einen schier übermächtigen Gegner oder der Tatsache, dass ein fremdländischer Herrscher einen gerade angereisten Ägypter seinen eigenen Söhnen vorzieht, macht Kathrin Brückmann einen dennoch glaubwürdigen und in sich geschlossenen Roman. Leider fehlen der Geschichte naturgemäß die großen Emotionen, denn Sinuhe hat diesen Teil seines Herzens ja in Ägypten zurückgelassen. Dadurch wächst einem die Hauptfigur nicht wirklich eng ans Herz. Der Roman punktet dafür aber mit der schönen altägyptischen Atmosphäre und den vielen historischen Details.
»Sinuhe – Sohn der Sykomore« ist Kathrin Brückmanns erster Roman; daneben schrieb sie einige Kurzgeschichten. Als ägyptenbegeisterte Leser können wir nur hoffen, dass bald ein weiterer Roman aus dieser Zeit folgen wird.

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