Tage des Seth

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Pharao Ramses III. ist alt und kann das Land nicht mehr mit der nötigen Kraft und Entschlossenheit regieren. Die Ma’at, die gerechte Ordnung der ägyptischen Welt, ist dadurch ins Wanken geraten und Teile des Volkes leiden Hunger. So finden sich im Frauenhaus unter der Führung der Königin Tija einige hochgestellte Würdenträger zusammen und planen den Sturz des Pharaos. Nach ihm soll Tijas jüngster Sohn Pentaweret den Thron besteigen, was Tija selbst ein großes Mitspracherecht an der zukünftigen Regierung einräumen würde. Die Königin vergewissert sich auch der Unterstützung weiterer Haremsdamen und spannt diese für ihre Zwecke ein. Teil der Verschwörung ist auch der junge Heiler Cheru-ef, dem allerdings im Laufe der Zeit Zweifel kommen, ob die Ziele der Verschwörer wirklich der Ma’at dienen, ob Ägypten wirklich durch Mord und Untreue gesunden kann. Und seine Mitstreiter haben bereits gemerkt, dass man ihm nicht mehr voll vertrauen kann. Er muss daher sehr vorsichtig sein, wenn er sein Leben behalten will.

Bei einem der heimlichen Treffen lernt er das hübsche Mädchen Achtaj kennen, eine Dienerin der Königin Tija. Die intelligente Achtaj hat längst gemerkt, dass ihre Königin irgendetwas plant, das sich gegen den Pharao richtet, wenngleich es ihr bisher nicht gelungen ist, Einzelheiten darüber herauszufinden. Für sie verkörpert der Pharao aber den lebenden Gott auf Erden und es wäre Frevel, etwas gegen ihn zu unternehmen. Andererseits war Tija stets gut zu ihr und sie fühlt sich der Königin verpflichtet.
So stecken beide, Cheru-ef und Achtaj, ohne es zu wissen, im gleichen Gewissenskonflikt. Dass Cheru-ef zum Obersten der Schutzleute für das Frauenhaus eingesetzt wird und sie sich dadurch nun häufig begegnen, kompliziert die Sache zusätzlich. Denn einerseits erwachen in ihnen Gefühle füreinander, andererseits gibt es gute Gründe, dies nicht zu offenbaren. Denn beide wissen nicht, auf wessen Seite der jeweils Andere steht. Schlimmer noch: Sie wissen ja nicht einmal, auf welcher Seite sie selbst stehen.

Während Cheru-ef niemanden hat, dem er sich anvertrauen kann, findet Achtaj in der jungen Dienerin Nedjemet eine Freundin. Das 13-jährige Mädchen hat in ihrem erst kurzen Leben viel Leid erlebt. Ihre Mutter starb früh und seit dieser Zeit musste sie ihrem Herrn zu Willen sein. Erst seit sie ein Kind im Leibe trägt, lässt er sie in Ruhe und hat sie nun der Königin Tija geschenkt, wo sie für ihn spionieren soll. Vom ersten Augenblick an nimmt Achtaj die junge Nedjemet unter ihre Fittiche und versucht, der Kleinen Schutz und Rückhalt zu geben. Es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen ihnen, die beiden im Strudel der Ereignisse ein wenig Halt gibt. Doch je mehr sich die Ereignisse zuspitzen, desto klarer wird den beiden Frauen, dass sie nicht einfach zusehen können, sondern Partei ergreifen müssen. So beschließen sie, den Pharao zu warnen. Leider haben sie nicht bemerkt, dass sie bei ihrem Entschluss belauscht worden sind. Die Verschwörer können sie danach nicht am Leben lassen. Bestürzt überlegt Cheru-ef, was er für die beiden tun kann, ohne sich selbst zu kompromittieren. Würde er ihnen offen helfen, wäre sein Leben ebenfalls verwirkt. Aber den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen, ist ihm auch nicht mehr möglich – dafür liebt er Achtaj inzwischen zu sehr. Und während Cheru-ef noch verzweifelt versucht, einen Ausweg aus dieser Zwickmühle zu finden, schlagen die Verschwörer erbarmungslos zu.

Auch in ihrem zweiten Roman bleibt Judith Mathes der Linie treu, die schon ihr Erstligswerk, »Tage des Ra«, zu einem außergewöhnlichen Buch machte. Sie verbindet mit leichter Feder eine real wirkende Geschichte, glaubhafte Figuren und große Emotionen mit einer Fülle von gut recherchierten Details aus dem Alltagsleben und stellt all dies vor einen historisch stimmigen Hintergrund. Es gibt nur eine Handvoll Autoren altägyptischer Romane, die diese Symbiose zwischen Erzähltalent und Fachwissen so gekonnt beherrschen. Dieses Buch ragt daher aus der Fülle der Ägyptenromane positiv heraus.

Ungewöhnlich ist, dass das Buch mit einem kurzen Vorspann beginnt, der die Überschrift »Nachspiel« trägt. Hier wird berichtet, wie Cheru-ef einen unbekannten Mann entführen lässt und ihn dann mit Gift tötet. Erst danach beginnt der Roman und erzählt die Geschichte, wie es zu diesem Mord kam. Den Sinn dieser Einleitung, die das Ende vorweg nimmt, begreift man allerdings erst, wenn man am Ende des Buches das Nachwort der Autorin liest, in welchem sie die archäologischen Funde vorstellt, die sie zu dieser Geschichte veranlasst haben, nämlich den heute in Turin liegenden Gerichts-Papyrus über die sogenannte „Haremsverschwörung“ und die in Deir el-Bahari gefundene Mumie eines gefesselten jungen Mannes. Sie beschreibt im Nachwort ebenfalls, welche Personen tatsächlich gelebt haben und wie sie deren Originalnamen aus Gründen der besseren Lesbarkeit leicht verändert oder gekürzt hat. Ein Personenverzeichnis, zwei Karten und ein Glossar runden den Anhang der Autorin ab. Und da sich Judith Mathes darum bemüht, stets die Originalausdrücke und -namen zu verwenden, bin ich ihr für dieses Glossar auch wirklich dankbar. Leider fehlt bei allzuvielen Autoren ein solcher Anhang, der die Geschichte in den historischen Zusammenhang stellt und hilfreiche Erläuterungen gibt.

Inhaltlich kommt der Leser voll auf seine Kosten. Die Geschichte ist spannend, auch handwerklich gut erzählt, und läßt dem Leser die Hauptpersonen wirklich ans Herz wachsen. Die detailreichen Beschreibungen von Personen oder der Szenerie lassen vor dem geistigen Auge des geneigten Lesers schnell und präzise die jeweilige Kulisse entstehen, in der die Handlung spielt. Dass die Autorin es daneben aber auch schafft, uns so viel darüber zu erzählen, wie das Leben im Ägypten der Pharaonen ausgesehen haben könnte, wie man sich kleidete oder schminkte, welche Sprüche und Sprichworte verwendet wurden, rundet das Lesevergnügen erst so richtig ab.
Da dieser Roman ja nur wenige Jahrzehnte nach der Geschichte in »Tage des Ra« spielt und Teile davon ebenfalls in Pa-Time, dem Dorf der Grabhandwerker, stattfinden, kann sich die Autorin einige augenzwinkernde Verweise auf Figuren ihres Erstlingswerks nicht verkneifen. Und wer dieses gelesen hat, wird sich ganz sicher darüber freuen, etwas von Tausret, Ta-Scherit oder Irinefer zu lesen und Djehuti tatsächlich wiederzubegegnen.

Auch in vielen formalen Dingen setzt das Buch positive Akzente. Schon als ich es zur Hand nahm, freute ich mich über das als Lesezeichen zu verwendende Band. Warum hat nicht jedes Buch so eines? Ebenfalls positiv, dass diejenigen Ausdrücke, die im Glossar erläutert werden, kursiv gedruckt sind. Eine schöne Idee ist auch, die einzelnen Kapitel durch die Überschrift zeitlich in das ägyptische Kalenderjahr einzuordnen. Dass ganz am Anfang sogar das exakte Jahr erwähnt wird, in der die Geschichte spielt (und zwar sowohl nach altägyptischer als auch nach neuzeitlicher Zählweise), habe ich ebenfalls positiv bemerkt. In vielen anderen Büchern muss man hierfür erst den Klappentext oder den Anhang durchstöbern und wird manchmal selbst dort nicht fündig. Dabei finde ich, dass ich als Leser gerade eines historischen Romans ein Recht darauf habe zu erfahren, wann die Geschichte spielt.
Natürlich gibt es auch den einen oder anderen formalen Kritikpunkt, z.B. lautet die Überschrift des ersten Kapitels »Zeit der Ernte, erster Monat, Tage 1-6«, aber der Text beginnt dann mit: »Es war ein Abend im zweiten Monat der Erntezeit…«. Dass im allerersten Satz eines Romans so ein Fehler passiert, kann man kaum glauben. Dagegen ist die Tatsache, dass nicht alle kursiv gedruckten Ausdrücke auch wirklich im Glossar auftauchen (z.B. „Uadjit“), oder dass manche Begriffe lediglich übersetzt, aber nicht erklärt werden (z.B. „Zep Tepi“) nur ein kleiner Schönheitsfehler und zeigt, dass Lektoren auch nur Menschen sind. Apropos Schönheitsfehler: Die Farbe des Einbands ist für meinen Geschmack …. Nun ja, über Geschmack soll man bekanntlich nicht streiten.

Insgesamt ist dies ein Ägyptenroman der Spitzenklasse: historisch fundiert, detail- und lehrreich sowie packend und anrührend. Aber die Fußstapfen, die Judith Mathes mit ihrem Erstlingsroman selbst hinterlassen hatte, waren groß – sehr groß. »Tage des Ra« war ein Meisterwerk. »Tage des Seth« füllt diese Fußstapfen nicht ganz aus, ist aber insgesamt ein würdiger Nachfolger.

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