Zeit der Pharaonen

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Ägypten zur Zeit der Hyksos ist ein geteiltes Land. Im Norden herrscht seit 100 Jahren der König Apophis vom Volk der Retenu, im Süden regiert der ägyptische Pharao Ahmose, der Unterägypten nur zu gerne zurückerobern würde. Aber dafür braucht er Verbündete — und die Streitwagentechnik der Retenu. Mit diesen beiden Aufgaben betreut er Kemni, einen Freund des Prinzen Gebu. Während Kemni diese beiden schwierigen Aufträge zu erfüllen versucht, erfährt er von einer Verschwörung gegen die ägyptischen Befreiungspläne. Und es scheint, als wäre ausgerechnet sein bester Freund, Prinz Gebu, darin verwickelt.

Parallel dazu wird die Geschichte der Sklavin Iry erzählt. Im von den Retenu beherrschten Norden Ägyptens dient sie als Sklavin auf dem Landgut, das einst ihren Eltern gehörte. Ihr Vater und ihre Brüder sind aus dem Kampf gegen die Besatzer nicht zurückgekehrt. Seither wird das Gut von den Fremden beherrscht. Als der alte Retenu-Gutsherr stirbt, kommt sein Sohn Khayan, um das Gut zu verwalten. Khayan ist anders als die anderen Retenu. Er behandelt die Ägypter gerecht und übt keinen Druck aus. Auch nicht auf die selbstbewußte und störrische Iry, obwohl er ein Auge auf sie geworfen hat und sie leicht in sein Bett zwingen könnte. Und auch Iry findet Gefallen an diesem sonderbaren Mann, durch dessen Bart man seine Gedanken und Gefühle nicht sehen kann. Aber niemals würde sie die Geliebte eines fremdländischen Besatzers werden. Dafür ist sie zu sehr stolze Ägypterin.
Zusammen mit Khayan kommen einige Männer und Frauen vom „Volk der Stute“, das von Frauen regiert wird, auf das Landgut. Sie bringen eine heilige Stute und eine ganze Herde Pferde mit. Die heilige Stute, die Verkörperung ihrer höchsten Göttin, ist auf der Suche nach einer neuen Dienerin und so manche der mitgereisten Frauen erhofft sich diesen ehrenvollen Posten. Aber die Stute erwählt Iry. Dies ist für das Volk der Stute ein Sakrileg. Noch nie war die Dienerin der Stute eine Ausländerin, noch dazu eine Sklavin, die dem besiegten Volk Ägyptens angehört. Mit diesem höchsten religiösen Amt erhält Iry auch eine große Macht über die Besatzer, deren Sklavin sie doch eigentlich ist. Wie wird sie diese Macht nutzen? Kann sie helfen, Ägypten vom Joch der Besatzer zu befreien?

Schon nach dem nur fünfseitigen Prolog weiß man, dass hier eine Autorin am Werke ist, die ihr Handwerk versteht. Eine, die sich meisterlich in die Gedanken ihrer Hauptpersonen hineinversetzen und uns deren Gefühle schildern kann. Der Stolz und der Trotz der kleinen Iry sprühen dem Leser aus jedem Absatz dieser ersten Seiten entgegen. Mit Begeisterung machte ich mich an den Roman und wurde in dieser Hinsicht auch nicht enttäuscht. Die Geschichte ist wirklich klasse erzählt. Einige inhaltliche Ungereimtheiten fallen dennoch auf, wenn z.B. Inhalte angestoßen, dann aber nicht weiterverfolgt werden (die zurückweichende Armee rodet die Felder, um dem nachrückenden Feind den Nahrungsnachschub wegzunehmen, aber von deren Problemen erfahren wir dann nichts, oder wenn sich der König erst in Memphis mit der Doppelkrone zeigen will, sich wenige Seiten später dann aber doch schon in Avaris krönen läßt). Ebenso störten mich auch die äußerst fantastischen Handlungsteile. Eine Stute sucht sich ihre Dienerin selbst aus? Und alle akzeptieren, dass dies eine Sklavin aus dem unterdrückten Volk ist? Und Kemni kann im Traum die Vergangenheit und Zukunft sehen und als Vogel an ferne Orte reisen? Das ist mir einfach zuviel Fantasy. Sicher gibt es auch viele Fans dieses Genres, aber mein Geschmack ist es eben nicht. Allerdings tauchen diese Handlungsteile nur vereinzelt auf und stehen nicht im Vordergrund der Geschichte. Daher überwiegt für mich insgesamt das Positive. Wir haben es hier mit einem spannenden Zeitabschnitt der ägyptischen Geschichte zu tun: Halb Ägypten ist von den Hyksos besetzt und König Ahmose versucht aus Theben heraus, den Widerstand zu organisieren. Das Thema ist aus sich heraus schon interessant. Dazu wird es erzählt von einer Autorin, die besonderen Wert darauf legt, uns die Gefühle und Stimmungen der handelnden Personen nahezubringen. Dadurch fällt es leicht, diese Figuren vor dem geistigen Auge auferstehen zu lassen und zusammen mit ihnen durch die Geschichte zu gehen.
Positiv auch das kurze Nachwort, in dem Judith Tarr erläutert, welche Personen und Handlungsteile historisch belegt sind und an welchen Stellen sie sich ein paar künstlerische Freiheiten genommen hat.

Auch andere Autoren (z.B. Christian Jacq und Pauline Gedge) haben über diese spannende Epoche schon Romane geschrieben und zumindest den Dreiteiler von Pauline Gedge würde ich persönlich diesem Buch vorziehen. Dennoch kann ich diesen Roman insgesamt empfehlen. Denn wenn eine Geschichte so lebendig erzählt wird, kann man ein paar störende Kleinigkeiten leicht verschmerzen.

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