Eine Liebe für die Ewigkeit

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Kate McKinnon studiert am Museum in Denver die Röntgenbilder einer Mumie. Als medizinische Zeichnerin soll sie eine Abbildung erstellen, wie die Mumie innerhalb ihrer Bandagen aussieht. Aber die Röntgenbilder werfen einige Fragen auf. Die Knochen der Mumie sind mehrfach gebrochen, insbesondere die linke Hand scheint regelrecht zertrümmert. Ihre Fußsohlen sind zerschnitten – eine Praxis, die man bei Ehebrechern anwandte. Und dann ist da ein zweiter Schädel zwischen ihren Beinen…
Der Aufschrift des Sarges zufolge war sie die Frau eines Adligen zur Zeit der 18. Dynastie und hieß Taschat. Allerdings ist auch diese Bemalung des Sarkophags rätselhaft, denn es sind gleich drei Daten als Sterbejahr dort aufgeführt. Wer war diese Taschat? Warum wurde eine Adlige in einem so schlichten Sarkophag bestattet? Woher hat sie die vielen Verletzungen, oder sind diese ihrer Mumie erst nachträglich zugefügt worden?
Zusammen mit dem Radiologen Max stellt Kate weitere Untersuchungen an und versucht, den vielen Rätseln auf die Spur zu kommen. Je mehr sie herausfinden, desto mehr ist Kate von Taschats Schicksal fasziniert. Sie fühlt sich dieser Frau, die vor mehr als 3000 Jahren lebte, auf unerklärliche Weise verbunden. Und dann stellt sie beim Versuch, das Gesicht mit Hilfe einer Computertomografie des Schädels zu rekonstruieren, fest, dass Taschats Gesicht dem der berühmten Büste der Nofretete sehr ähnlich gewesen sein könnte.

Parallel zu dieser Geschichte aus der Jetztzeit erzählt uns Carol Thurston von dem Arzt Senachtenre, der zur Zeit Tutanchamuns in Waset lebt. Er wird mitten in der Nacht zum Hohepriester Ramose gerufen, um dessen Frau bei der Entbindung zu helfen. Völlig perplex stellt er fest, dass es sich bei dieser Frau um Nofretete handelt, die gemeinsam mit ihrem Ex-Mann Echnaton von den Amunpristern verjagt wurde und als verschollen galt. Nachdem er einem kleinen Mädchen auf die Welt geholfen hat, stellt Ramose ihn als Arzt seiner Familie und als Erzieher seiner neugeborenen Tochter ein, die den Namen Aset erhält. Da Nofretete ihre Tochter ablehnt und Ramose ebenfalls kaum Zeit für Aset hat, entwickelt sich eine starke Bindung zwischen Aset und dem viel älteren Senachtenre.

Bereits nach wenigen Kapiteln glaubt man zu wissen, wie beide Geschichten zusammenhängen. Dass nämlich die Mumie, die Kate untersucht, trotz des Namens Taschat in Wirklichkeit das Mädchen Aset aus der 18. Dynastie ist. Nur wie das alles zusammenhängen soll, das ist einem nicht klar. Ganz langsam führt die Autorin den Leser immer ein Stückchen dichter an die Auflösung heran. Immer wieder entdecken Kate oder Max ein neues Detail in den Röntgenbildern oder haben eine neue Idee, wie die medzinischen Befunde gedeutet werden könnten. Gleichzeitig enthüllt die parallel erzählte Geschichte von Aset und Senachtenre immer neue Informationen, die den Leser zu Spekulationen veranlassen, wie Aset wohl als Mumie mit gebrochenen Knochen, aufgeschnittenen Fußsohlen und zertrümmerter Hand enden konnte – noch dazu in einem viel zu schlichten Sarg, der auch noch einen falschen Namen trägt.

Etwas bemüht und unnötig empfand ich die Versuche, Parallelen im Leben der Protagonistinnen herzustellen. Kate und Aset sind beides junge Frauen, die mit einem deutlich älteren Arzt zusammenarbeiten. Beide Frauen zeichnen gerne – mit Vorliebe auch medizinische Sachverhalte. Beide Männer empfinden bald mehr für die jeweilige junge Frau, mit der sie zusammenarbeiten, versuchen jedoch wegen des Altersunterschieds, die professionelle Distanz zu wahren. Dennoch schenken beide ihnen eine Perlenkette mit äußerst ungewöhnlichem Verschluss, usw. …

An manchen Stellen – etwa wenn Kate in kurzen Visionen Szenen aus Taschats Leben sieht – soll wohl auch eine Prise Wiedergeburt die ganze Geschichte würzen, obwohl dies nie tatsächlich ausgeprochen wird. Die beiden Geschichten sind jedoch auch ohne diese künstlich hervorgehobenen Parallelen miteinander verbunden, denn je mehr Kate und Max über die Mumie herausfinden, umso mehr ahnt der Leser, dass die Geschichte von Aset und Senachtenre vielleicht wirklich auf eine Katastrophe zusteuert. Beide Geschichten, die von heute und die von damals, sind interessant und wirklich gut geschrieben und die altägyptische Geschichte konnte mich gegen Ende sogar richtig fesseln. Die seltsame esoterische Beziehung zwischen Kate und Aset hätte ich daher nicht benötigt.

Ganz erstaunlich ist die medizinische Kenntnis, die in den radiologischen Befunden, die Kate und Max diskutieren, zum Ausdruck kommt. Woher hatte Carol Thurston ihre Informationen auf dem Gebiet? Da sie selbst wohl keine medizinische Ausbildung hatte, muss sie die Handlungsfolge, die ja eine Art medizinische Detektivgeschichte ist, wohl mit einem Radiologen gemeinsam entwickelt haben. Sie schreibt dennoch nachvollziehbar und verständlich, und ich hatte stets den Eindruck, dass hier tatsächlich die richtigen medizinischen Fachausdrücke benutzt und korrekte Schlussfolgerungen gezogen wurden.
Ausdrücklich muss ich auch den Anhang loben. Zunächst teilt Carol Thurston in einem Nachwort mit, dass es in Minneapolis tatsächlich ein Mumie namens Taschat gibt, deren Röntgenaufnahmen ein zerbrochenes Skelett und einen zusätzlichen Schädel zwischen den Beinen zeigen. Ebenfalls stellt sie kurz einige Fakten aus der beschriebenen geschichtlichen Epoche vor. Eine kurze Götterliste und ein Glossar runden den kurzen, aber informativen Anhang ab.

Das Buch bezieht seine Spannung aus der Tatsache, dass der Leser das Ende kennt: die geschundene und unter falschem Namen bestattete Mumie einer jungen Frau. Wie die Geschichte von Senachtenre und Aset aber zu diesem Ende hinführt, und ob sie das letztlich überhaupt tut, das entwickelt sich nur langsam, in Andeutungen und Vorahnungen. Diesen interessanten Gedanken – das Ende zu kennen, aber nicht den Weg dahin – hat Carol Thurston in ihrer Geschichte handwerklich ganz hervorragend umgesetzt. Wenn dazu dann auch noch eine gute Erzähltechnik kommt, eine interessante Geschichte erzählt wird, eine schöne Liebesgeschichte einfließt und stimmige historische Details verwendet werden, dann handelt es sich definitiv um ein gutes Buch. Als mir am Ende tatsächlich ein paar Tränen in den Augen standen, merkte ich, dass es wieder einmal ein Roman geschafft hatte, mich so sehr in seinen Bann zu ziehen, dass mir das Leid der Hauptfiguren zu Herzen ging. Das passiert mir nicht oft. Aber wenn es passiert, und ich das Buch dann mit einem Seufzer und leisem Bedauern schließe, dann weiß ich, dass ich der Reihe meiner Lieblingsbücher wieder ein neues hinzufügen kann.

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