Sachmet (Roman)

von

Anna Berger führt ein Leben, wie es sich viele wünschen. Dank ihres reichen Ehemannes hat sie keinerlei Geldsorgen, trägt die teuersten Kleider, jettet von einem Urlaubsort zum anderen und sieht dazu auch noch verdammt gut aus. Dennoch ist sie unglücklich, denn all diese Dinge erfüllen ihr Leben nicht. Nur in Ägypten, wo sie ihrer Tätigkeit als Archäologin nachgehen kann, ist sie wirklich glücklich und nur dort bekommt ihr Leben einen Sinn. Also beschließt sie, das Millennium nicht an der Seite ihres Mannes zu feiern, sondern in Ägypten eine neue Ausgrabung zu leiten. Ihre Reise führt sie nach Luxor, wo sie sich neue Entdeckungen im Arbeiterdorf Deir el Medinah erhofft.

Und tatsächlich stoßen Anna und ihre bunt zusammengewürfelte Gruppe aus Wissenschaftlern und Archäologen auf das Grab eines Beamten. Die Enttäuschung ist zuerst groß, denn das Grab ist leer und nicht geschmückt. Der Name des Grabherrn, der zu seinen Lebzeiten Bildhauer unter Amenophis III. war, ist nicht mehr lesbar. Doch in der Nebenkammer entdecken sie eine über 3000 Jahre alte Inschrift. Es ist ein Fluch, der sich gegen Amenophis, Sohn des Hapu, richtet. Dieser hat dem Grabherrn laut der Inschrift das für ihn Wertvollste genommen – seine Geliebte, die „Tochter der Blüten“.

Die Arbeiten an dem Grab gestalten sich als sehr schwierig. Anna ist mit ihren Kräften beinahe am Ende, denn sie wird von Albträumen und Halluzinationen geplagt. Bei einer Besichtigung des Grabes von Tutanchamun hört sie wie aus dem Nichts Löwengebrüll und Pferdegetrappel. Stimmen rufen „Verzeih mir mein Freund“ und als sie panisch aus dem Grab rennt, raunt ihr eine Stimme zu, dass man sie erwählt hätte. Zudem kommen Sorgen hinzu, wie die weiteren Untersuchungen an dem Grab finanziell weitergeführt werden können.

Doch dann erscheint plötzlich Annas Ehemann Georg, der aufgrund ihres angeschlagenen Gemütszustandes voller Sorge nach Ägypten gereist ist. Dank seiner Finanzspritze kann die Ausgrabung weitergeführt werden und diese hält eine große Überraschung für alle Beteiligten bereit: Die Scheintür erweist sich als ganz normale Tür zu einer Nische in der Form eines Ankh-(Lebens-) Zeichens, in der die überlebensgroße Statue einer Frau steht. Wer ist diese Frau, die keine klassische Schönheit ist, von der aber trotzdem eine starke Ausstrahlung hervorgeht? Und was für eine Geschichte verbirgt sich hinter dieser Dame, dem Grabinhaber und dem Verfluchten?
Es ist tief in der Nacht als Anna, von schlimmen Albträumen geplagt, erwacht. Sie befindet sich im Grab des Bildhauers. Doch wie ist sie hierhergekommen?…

Hier wird die Erzählung von Anna (die in der Ich-Form geschrieben ist) zunächst unterbrochen und es beginnt die Geschichte der „Tochter der Blüten“, der Frau aus dem Grab des Bildhauers:
Als ungeliebtes Stiefkind wächst das Mädchen Bent in dem Haus ihrer Tante auf. Ihre Mutter, eine Prostituierte, ist schon früh verstorben. Die Tante, die keinen unnützen Esser mehr in ihrem Haus haben möchte, schickt das Mädchen als Bedienstete in das Haus des Men. Was Bent zuerst als Unglück betrachtet, erweist sich für sie jedoch als Glücksfall. Endlich findet sie so etwas wie ein zu Hause und muss keine Misshandlungen und Demütigungen ihrer Tante und ihrer Stiefgeschwister mehr ertragen. Die Hauswirtschafterin Satet behandelt das Mädchen gut und schon bald beginnen die körperlichen und seelischen Wunden von Bent zu heilen.
Hier lernt sie auch Bek kennen, den Sohn des Hausherrn, der zusammen mit dem Thronfolger Amenhotep und Amenophis, Sohn des Hapu, die Schule besucht und dessen Familie einen hohen Einfluss hat. Aufgrund ihrer Standesunterschiede treffen sich die beiden heimlich und es entwickelt sich eine zarte Bande zwischen ihnen…

Wer denkt, er weiß, wie diese Geschichte nun weitergeht, hat sich getäuscht. Sicherlich kann man schon erahnen, dass der Inhaber des von Anna entdeckten Grabes Bek ist und dass Amenophis, Sohn des Hapu, deren Zweisamkeit zerstören und die Geschichte wahrscheinlich kein Happy End haben wird. Doch in welche Richtung die Handlung geht, kann zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnen und die Geschichte hält noch die eine oder andere Überraschung bereit.

Doch wie bei allen Romanen Katharina Remys ist es nicht nur die Handlung an sich, die überzeugt, sondern vielmehr sind es auch die Charakterzeichnung der einzelnen Personen, die absolut glaubwürdig rüberkommen. Die Identitätssuche von Bent, deren Name übersetzt einfach nur „Tochter“ heißt, ist genauso überzeugend, wie ihre spätere Verwandlung von einer sanftmütigen und liebenswerten Person hin zu der wütenden und grausamen „Sachmet“. Die Geschichte von Bent und den vielen Schicksalsschlägen, die sie zu verkraften hat, hat mich sehr berührt und stellenweise auch sehr betroffen gemacht.

Auch die am Anfang des Buches erwähnte Ausarbeitung der Dualität der handelnden Personen, die ihren Ursprung in der Weltvorstellung der alten Ägypter hat ist überzeugend. Diese Vorstellung spricht von einer Welt, zu der sowohl Gut als auch Böse gehört, Weltordnung und Chaos, Licht und Dunkelheit. So sind denn auch die Hauptpersonen in dieser Geschichte oftmals gänzlich unterschiedlich, auch wenn das Schicksal sie erst so geformt hat.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die hier geschilderte Beziehung zwischen Amenophis III. und seiner jungen Gemahlin Teje, die ebenfalls unterschiedlicher (Amenophis: emotional, jähzornig – Teje: kalt, berechnend) nicht sein können.

Die Geschichte von Bent hat mir so gut gefallen, dass ich mir sogar gewünscht hätte, die Autorin hätte Annas Erzählung gänzlich weggelassen und sich mehr auf das antike Ägypten konzentriert. Natürlich ist es spannend zu erfahren, wer denn die Frau aus dem Grab nun ist und welche Geschichte hinter dem „Fluch“ steckt, aber letztendlich gerät die Bindung zwischen Bent und Bek doch zu sehr in den Hintergrund als dass es besonders lohnenswert scheint, sie in der Gegenwart wieder aufzugreifen.

Am Ende des Buches wechselt die Handlung noch mal in die Gegenwart zu Anna, deren „Auserwählung“ noch mal aufgegriffen wird. Die Aufklärung sorgt dann noch für ein recht überraschendes Ende.
Die Geschichte Bents wird am Rande von Katharina Remys im Jahr 2000 erschienenen Roman „Am Horizont der Sonne“ weitererzählt.

Mit „Sachmet“ ist der Autorin Katharina Remy ein buntes Potpourri aus Fiktion, Fantasy und Charakterstudie vor einem geschichtlichen Hintergrund gelungen. Annas Erzählung hätte ich mir zumindest etwas kürzer gewünscht, aber Bents schicksalsumwobene Lebensgeschichte macht dieses Buch dennoch unbedingt lesenswert.

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