Das Erbe des Echnaton

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„Das Erbe des Echnaton – und sein Atmen im Mose-Land“, so der vollständige Titel, den Peter Grabowski seinem neuesten Gedichtband gegeben hat. Der Autor sieht sich in der Tradition der sogenannten Beamtendichter vergangener Jahrhunderte, die tagsüber einem „anständigen“ Beruf nachgingen, sich in ihrer Freizeit aber der Lyrik und dem Dichten hingaben. Auf Grabowski, der im Hauptberuf tatsächlich im öffentlichen Dienst arbeitet, trifft dieser Begriff daher in doppelter Hinsicht zu, ist doch „Das Erbe des Echnaton“ bereits sein 16. Gedichtband.

Fast 100 Gedichte finden sich in diesem Buch, das in drei Kapitel untergeteilt ist. Im ersten Kapitel widmen sich die Werke Echnatons Versuch, die Sonenscheibe Aton als einzigen Gott in Ägypten zu verankern. Wir wissen, dass dieser Versuch scheiterte und die Ägypter nach Echnatons Tod schnell wieder zu ihren vielen Göttern zurückkehrten. In den Gedichten sind es daher nicht nur Echnaton und Nofretete, die mit Lobpreisungen „zu Wort kommen“, sondern auch Schreiber, Bildhauer oder Priester, die häufig ein ganz anderes Bild von Echnatons Neuanfang zeichnen. Manche sind unsicher, ob der neue Weg der richtige ist, andere verärgert, dass sie den vertrauten Göttern nicht mehr huldigen dürfen, und einige glauben zu wissen, dass Echnaton das ganze Land in den Untergang führen wird. Mit dieser Bandbreite an Stimmungen zeigt Grabowski auch die Widersprüche auf, die Ägypten und seine Bevölkerung zur damaligen Zeit tatsächlich spalteten.

Die Gedichte in Kapitel 2 sind thematisch der Zeit Moses zuzuordnen. Auch hier überwiegen kritische Gedichte, die sich mit der Unschlüssigkeit über Moses Herkunft oder der Veränderung der biblischen Geschichte im Laufe der Jahrhunderte auseinandersetzen.
In Kapitel 3 finden sich Gedichte aus der Jetztzeit. Sie erzählen von den Erlebnissen und Gefühlen eines Ägyptentouristen. Jeder, der das Land schon einmal bereist hat, kann sich darin wiederfinden, wird einige der beschriebenen Situationen wiedererkennen.

In einer Art Vorwort stellt der Autor die beiden Protagonisten seines Gedichtbandes vor: Echnaton und Mose, die beide eine Abkehr von einer Vielgötter- zu einer Ein-Gott-Religion vollzogen. Echnaton scheiterte damit, Mose war erfolgreich. Grabowski stellt Gemeinsamkeiten und Unterschiede dar und beleuchtet ihr Bemühen aus geschichtlicher und philosophischer Sicht.

Das Buch hat eine sehr ansprechende Aufmachung. Es kommt im Hochglanz-Hardcover, ist auf hochwertigem Papier gedruckt und fest gebunden. Die unübliche Schriftart unterstreicht selbstbewusst die Außergewöhnlichkeit des Buches. In loser Folge eingestreute, farbige Gemälde der ägyptisch-amerikanischen Künstlerin Susan Osgood passen thematisch hervorragend zum Buchinhalt.
Erfreulich ist, dass die aufgeführten Fakten und Meinungen über die Epoche Echnatons alle fest auf dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand stehen. Das ist sicher auch Dr. Christian E. Loeben zu verdanken, dem Leiter der ägyptischen Sammlung des Museums August Kestner in Hannover, der beratend tätig war.
Negtiv fällt dagegen auf, dass die Texte, die der Autor den historischen Figuren in den Mund legt, oft eine zu moderne Sprache verwenden. Worte wie Kulturnation, Norm oder Zensor wollen einfach nicht passen und wirken beim Versuch, sich in die jeweilige Zeit zu versetzen, wie Stolpersteine.

Mit ihrem Inhalt oder ihrer lyrischen Kraft konnten mich nur wenige Gedichte berühren. Mit vielen konnte ich dagegen nichts anfangen. Insbesondere die gereimten Gedichte führten bei mir häufig zu Stirnrunzeln. Die Reime sind oft sehr bemüht und manche Zeilen musste ich mehrfach lesen, um dem Sinn auf die Spur zu kommen. Hier zeigen sich auch handwerkliche Mängel, wenn Versmaße verrutschen oder Gedanken mitten in Zeilen enden und nur durch den unerwarteteten Großbuchstaben des folgenden Wortes abgegrenzt werden. Obwohl ich ein Freund von gereimten Versen bin, war ich froh, dass die überwiegende Anzahl der Gedichte in diesem Buch nicht in Reimform geschrieben ist. Der Autor tut sich damit einfach deutlich leichter.

Für wen hat Peter Grabowski dieses Buch geschrieben? Religionsphilosophen? Lyrikliebhaber? Ägyptenfreunde? Das fragte ich mich während des Lesens mehrfach. Für mich selbst habe ich die Frage beantwortet, als ich mir überlegte, in welche Abteilung meines Bücherregals ich den Band nach der Lektüre stellen würde. Mein erster Gedanke war natürlich, es zu den Gedichtbänden zu stellen, aber je länger ich darin las, umso mehr wurde mir klar, dass das Buch einfach nicht zu Rilke, Kästner oder Meerbaum-Eisinger passt. Ich werde es lieber zu meinen Ägyptenbüchern stellen, und das nicht nur wegen des Titels oder des Bildes auf dem Einband sondern auch deshalb, weil die Gedichte des ersten Kapitels neben Stimmungen tatsächlich auch Informationen über Echnaton und seine Zeit vermitteln.
Dass die Zielgruppe für das Werk aber eher klein ist, wissen auch Autor und Verlag. Die 1. Auflage beträgt daher nur 100 Exemplare. Und wer ein so hochwertiges Material in einer so kleinen Auflage verwendet, für den steht Geldverdienen vermutlich nicht an erster Stelle. Die Veröffentlichung ist daher wohl eher in die Kategorie Liebhaberei als Kommerz einzuordnen.

Kunst liegt – wie Schönheit – im Auge des Betrachters. Jeder muss sie für sich selbst beurteilen. Was ich nicht interessant fand, mag andere begeistern, was mich die Stirn runzeln ließ, mag anderen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Das Buch ist in jedem Fall etwas ganz Besonderes. Ich habe bisher zum Thema Ägypten nichts Vergleichbares gelesen und stelle es daher gerne hier vor. Wer sich für das Buch interessiert, kann es nur direkt beim Autor bestellen. Auf seiner Homepage grabolyrik.de finden sich, neben einem Auszug aus dem oben erwähnten geschichtlich-philosophischen Vorwort, auch ein paar ausgewählte Gedichte, so dass man einen Eindruck davon gewinnen kann, was einen in diesem Buch erwartet.

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