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Es gibt nur den geraden Weg

von

Wafaa El Saddik wird 1950 als viertes von fünf Kindern in eine gebildete und wohlhabende Familie geboren. Sie verlebt eine glückliche Kindheit, in der es ihr an nichts mangelt. Vier der fünf Kinder, darunter alle drei Mädchen, studieren. Ihre Eltern empfehlen ihr einen Studiengang, der in eine diplomatische Karriere führen würde, doch Wafaa will lieber Journalistik studieren. Im ersten Semester nimmt sie an einer Studentenexkursion nach Luxor teil. Danach ist für sie klar, was sie wirklich studieren will: Ägyptologie und Archäologie! Davon sind ihre Eltern noch weniger begeistert; die Arbeit im heißen und schmutzigen Wüstensand sei doch nichts für eine Frau. Aber Wafaa setzt auch hier ihren Willen durch. „Du kannst sagen, was Du willst, sie wird ja doch machen, was sie will“, sagt ihr Vater seufzend zur Mutter.
Dieser Satz ist in zweierlei Hinsicht kennzeichnend für das Buch: Erstens wird es zwischen Wafaa und ihren Eltern noch häufiger zu Meinungsverschiedenheiten kommen, z.B. über das Heiraten oder über ein mehrjähriges Promotionsstudium in Wien, aber immer wird sich Wafaa durchsetzen. Zweitens zeigt es die Aufgeklärtheit der Eltern, die ihren Kindern viele Freiheiten lassen und deren Entscheidungen respektieren. Die Mehrheit der ägyptischen Mädchen hatte sicher nicht dieses Glück.

Gleich mit dem ersten Kapitel schlägt einen das Buch in seinen Bann. El Saddik beginnt ihre Autobiografie mit dem 28. Januar 2011, dem Tag der ägyptischen Revolution gegen Mubarak. Sie schreibt im Präsens; man hat fast das Gefühl, dabei zu sein. In den Bericht, wie sie die folgenden Tage erlebte, mischt sie Erinnerungen an ihr letztes Treffen mit dem Diktator, den sie zusammen mit dem italienischen Präsidenten Berlusconi erst ein Jahr vorher durch eine Sonderausstellung in Rom geführt hatte. Wie solch eine Ausstellung für Staatsmänner vorbereitet wird und schließlich abläuft, liest sich schon recht amüsant. Und bei Sätzen wie: „Mubarak ist offensichtlich müde … das Stehen fällt ihm schwer“ oder „Berlusconi zeigt deutliches Desinteresse“ und „im Hintergrund gibt man mir Zeichen: Schneller! Schneller!“, muss man unweigerlich schmunzeln. Da werden die schönsten Stücke aus den Kairoer Museen in einer Art Hau-Ruck-Aktion nach Italien transportiert, und dann haben beide Staatsmänner, für die der ganze Zirkus veranstaltet wurde, eigentlich kein Interesse daran!
Aber auch, wie ein Insider die Tage nach der Revolution erlebt, z.B. die Plünderung des Ägyptischen Museums, von der El Saddik noch am gleichen Abend erfährt und die von Zahi Hawass im Fernsehen umgehend dementiert wird, macht dieses erste Kapitel für jeden, der die Ereignisse damals verfolgt hat, sehr spannend zu lesen.

Zahi Hawass kommt in diesem Buch – wen wundert’s – mehrfach vor, denn beide entstammen der gleichen Archäologengeneration und begegnen sich immer wieder. Sie bezeichnet ihn einerseits als langjährigen Weggefährten, mit dem sie schon bei ihrer ersten Arbeit auf dem Pyramidenplateau zusammengearbeitet hat und lobt seine fachlich unbestreitbaren Leistungen. Aber sie spart auch nicht mit Kritik an seiner Selbstherrlichkeit, hebt seinen „ins Manische gesteigerten Geltungsdrang“ hervor und beschreibt seinen Jähzorn als unberechenbar. Am Ende ist es Hawass, der sie aus Deutschland zurückholt nach Ägypten, aber er ist es auch, mit dem sie als Leiterin des Ägyptischen Museums immer wieder aneinander gerät. Ihr Verhältnis bleibt stets zwiespältig.

Das Buch ist in 9 Kapitel unterteilt. Nach der Einführung, die sich mit der ägyptischen Revolution beschäftigt, folgen 8 Kapitel, in denen sie chronologisch von den Etappen ihres beruflichen Werdegangs erzählt. Dabei ist das zweite Kapitel über ihre Kindheit und Familiengeschichte etwas zu lang geraten. Geschichten über Urgroßeltern, Großonkel oder gar einen Urahn aus dem 13. Jahrhundert tragen kaum zum besseren Verständnis der Person bei. Die darauf folgenden Kapitel über ihre Ausbildung, die erste Anstellung, die erste eigene Ausgrabung, die Auslandsaufenthalte in Boston, Wien oder Köln und vor allem natürlich die Zeit als Direktorin des Ägyptischen Museums in Kairo, tun das dafür umso mehr.

Die Biografie hat so viele Facetten, dass hier wahrlich nicht alle aufgezählt werden können. Natürlich beschreibt das Buch in erster Linie den beeindruckenden Lebensweg von Wafaa El Saddik, die stets ihren eigenen Kopf hatte und diesen meist auch durchsetzen konnte. Sie ist die erste ägyptische Frau, die eine Ausgrabung leiten darf und wird die erste Frau an der Spitze des Ägyptischen Museums. Aber für mich waren einige Informationen am Rande dieses Lebensweges mindestens ebenso interessant: die Antwort auf die Frage, warum nach der Revolution ausgerechnet die Muslimbrüder an die Macht kamen, ihre Einstellung zum Kopftuch, das in ihrer Jugend viel weniger das Straßenbild prägte als heute, der absurde Befehl Sadats, den Farbunterschied zwischen den Stufen der Chephren-Pyramide und ihrer Spitze abzuschaffen, ein Museum, das 45 Mio. Euro im Jahr einspielt, dessen Jahresetat für Instandhaltung aber nur 200 (!) Euro umfasst oder die von ihr entwickelten Museumskonzepte für behinderte und nichtbehinderte Kinder. Das sind nur einige dieser Facetten, die zusammen mit den vielen Fotos das faszinierende Bild einer sehr ungewöhnlichen Ägypterin zeichnen.

Ob man sich für das alte Ägypten von Nofretete und Kleopatra oder für die moderne Entwicklung unter Nasser, Sadat und Mubarak interessiert, ob für Ausgrabungsmissionen, für die korrupte Welt der ägyptischen Antikenbehörde oder für die Frage, wie es hinter den Kulissen des weltbekannten Ägyptischen Museums wirklich zugeht, für jede dieser Interessengruppen ist das Buch gleichermaßen interessant. Ebenso für all jene, die lesen wollen, wie sich eine Frau in einer von Männern dominierten Welt durchsetzt. Allerdings ist El Saddik keine Frauenrechtlerin; es ging ihr mit ihrem Kampf nie darum, die Situation der ägyptischen Frauen insgesamt zu verbessern. Sie kämpfte für sich selbst und ihre ganz persönlichen Ziele. Dass sie damit Vorreiterin war und es andere Frauen nach ihr leichter hatten, macht sie allerdings stolz.

„Es gibt nur den geraden Weg“ ist ein Satz, den ihre Mutter ihr sagte. Ich weiß nicht, ob auch ich diesen Rat meinen Kindern geben würde. Natürlich muss man zu seinen Überzeugungen stehen, aber manchmal bringen einen Diplomatie und Kompromissfähigkeit deutlich weiter. Man sollte abschätzen können, wann man mit dem Kopf durch die Wand kann und wann man ihn lieber einziehen sollte. Waafa El Saddik hat ihren Kopf selten eingezogen. Sie hat damit manchen Vorgesetzten und manchmal sogar ihre eigenen Eltern vor den Kopf gestoßen. Aber ihr Lebensweg wäre ohne dieses Motto nicht derselbe.

Am Schluss des Buches überkommt einen dann der Eindruck, dass dies noch nicht das Ende ihres beruflichen Weges sein kann. Mit 63 Jahren und ihren herausragenden Qualifikationen kann man sich einen Rückzug ins Privatleben kaum vorstellen und – viel wichtiger – sie selbst würde damit wohl auch nicht zufrieden sein. Sicher würde sie gerne noch einmal in verantwortlicher Position für den Erhalt der ägyptischen Altertümer eintreten. Es fragt sich nur, ob die aktuelle Regierung sie auch „aushalten“ könnte. Denn sie würde vermutlich auch zukünftig immer ihren „geraden Weg“ gehen!

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