Tausend Meilen auf dem Nil. Die Ägyptenreise der Amelia Edwards 1873/74

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Die Engländerin Amelia Edwards war eine bemerkenswerte Frau. Anders als viele Frauen des 19. Jahrhunderts entschied sie sich nicht für ein Leben an Heim und Herd, sondern bereiste zusammen mit ihrer Freundin Nordbelgien, die Dolomiten und schließlich Ägypten. Ihre Begeisterung und tiefe Bewunderung für das Land und seine Geschichte nahm sie mit zurück nach England, wo sie den „Egypt Exploration Fund“ (heute: „Egypt Exploration Society“) gründete, der sich damals wie heute für die Erforschung und Erhaltung der ägyptischen Altertümer einsetzt.
Die Eindrücke und Erlebnisse ihrer Ägyptenreise schrieb Amelia Edwards als Reisebericht in dem Buch „Tausend Meilen auf dem Nil“ (Originaltitel: „A Thousand Miles up the Nile“) nieder, das in England ein voller Erfolg wurde.

Der Beginn ihrer Reise war Kairo, wo die Autorin mit ihrer Freundin und einer Reisegesellschaft eine Dahabije (Nilsegler) mietete, mit der sie über viele Stationen bis in die Grenzregion des Sudan und wieder zurück reiste. Als kulturell interessierte Frau besuchte sie viele antike Stätten, wie die Pyramiden, Memphis, Abydos, Dendera, Esna, Edfu, Elephantine und natürlich Abu Simbel, wo die Reisegruppe in den Genuss kam, 14 Tage lang vor den Füßen der Ramses-Statuen zu campieren. Dort fand auch Edwards‘ sicherlich aufregendstes Erlebnis statt, denn durch einen glücklichen Zufall entdeckten sie und ihre Begleiter die vom Wüstensand verdeckte südliche Kapelle des Tempels. Ebenfalls unvergesslich ist ihre „Reinigungsaktion“ einer der vier Statuen von Ramses II., die Jahre zuvor von einem Engländer durch einen missratenden Gipsabdruck verschandelt worden war und dessen weiße Flecken sie, ganz unkonventionell, mit Kaffee(!) wieder braun machte.

Neben den Eindrücken der Autorin erfährt der Leser auch viel über Taten und Auswirkungen der Ausländer und Einheimischen, welche die ägyptischen Altertümer bis heute prägen. Der eben erwähnte Gipsabdruck ist nur eine von vielen Aktionen, die von Europäern und Amerikanern zum Füllen ihrer Museen und privaten Haushalte betrieben wurde. Früher war es kein Problem, an jeder Ecke eine Mumie oder Antiquitäten (wenn sie denn echt waren) zu kaufen. So erstanden zwei Damen der Reisegesellschaft in Luxor eine Mumie, die sie aber nach kurzer Zeit wegen ihres Gestanks wieder über Bord warfen. Was heute wie Frevel anmutet, wird in Edwards’ Buch als lustige Anekdote erzählt. Dennoch waren die damaligen Kolonialherren bemüht, die ägyptischen Altertümer weitestgehend vor Antiquitätensammlern – und letztendlich auch vor ihren eigenen Nachfahren – zu schützen. Denn schon Edwards beschreibt in ihrem Reisebericht das große Desinteresse der Ägypter an ihrer eigenen Geschichte und der Erhaltung ihrer Altertümer, und wie sie die Vorliebe der Europäer für die ägyptische Kultur belächelten. Doch nicht nur diesbezüglich hat sich bei den Ägyptern nicht allzu viel geändert. Lachend musste ich feststellen, dass es dem damaligen Touristen auch nicht anders erging als dem heutigen, wenn Edwards von einer ihnen entgegenkommenden Horde von fliegenden Händlern erzählt, die ihre Waren anboten und ihre Esel (heute Kutschen) anpriesen. Oder wenn sie von einer Horde Kindern berichtet, die nach Bakschisch schrien. „…und alle betrachten uns gleichermaßen als ihre rechtmäßige Beute“ wie Edwards treffend feststellt.

Zu einem Reisebericht gehören natürlich auch die Erläuterungen der Lebensumstände der damaligen Bevölkerung. Neben den zahlreichen Einladungen von reichen und einflussreichen Persönlichkeiten des Landes, fand Amelia Edwards auch die Zeit, kleine Dörfer zu besuchen, wo die Menschen in Armut und tiefer Gläubigkeit lebten und arbeiteten. Sie erzählt von Sitten und Gebräuchen, die sich seit der Pharaonenzeit nicht geändert haben und auch von wahren „Kulturschocks“, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die Autorin vielleicht etwas falsch interpretiert hat oder ob es gar heute noch so ist. In Minia, so berichtet sie, herrschten schreckliche hygienische Zustände. Weil sie glaubten, ihre Kinder könnten krank davon werden, ließen Mütter ihre Kinder nicht waschen. Fliegen wegzujagen galt als gottlos und so lungerten diese auf den Augen der Kinder und Erwachsenen und viele Einwohner schlugen sich mit Augenkrankheiten und Blindheit herum.
Doch größtenteils ist es sehr amüsant zu lesen, wie zwei völlig unterschiedliche Kulturen aufeinanderprallen, und die Schlitzohrigkeit der Ägypter war 1873/74 schon ebenso berühmt-berüchtigt, wie heute.

Um den Textfluss nicht zu stören, den Leser aber dennoch umfassend zu informieren, hat die Autorin viele Fußnoten in ihrem Reisebericht gemacht, in denen teilweise sehr ausführliche Informationen über das Land und insbesondere über die altägyptische Kultur stecken. Obwohl erstaunlich vieles mit heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmt, sind 140 Jahre alte Bemerkungen zur ägyptischen Kultur natürlich mit Vorsicht zu genießen. Zudem sind einige Namen im Laufe der Jahrzehnte durch andere ersetzt worden und einige Darstellungen, wie der Djed-Pfeiler, der hier als Nilometer bezeichnet wird, sind einfach falsch interpretiert worden. Für den Wissenden ist es aber durchaus interessant, Vergleiche zwischen damals und heute zu ziehen. Ich habe Edwards‘ Beschreibungen über die Zustände der ägyptischen Tempel, die damals noch größtenteils mit Bergen von Sand halb zugedeckt waren, mit großem Interesse verfolgt. So konnte ich den einen oder anderen Vergleich ziehen, welche Sehenswürdigkeiten heute in einem schlechteren Zustand als damals oder mittlerweile sogar zerstört sind. In dem Buch befinden sich zudem einige Stiche, die von der Autorin selbst gezeichnet worden sind.

Auch heute noch, 140 Jahre später, begeistert das Buch durch den Witz und Charme der Autorin. Durch Edwards’ frischen Schreibstil merkt man dem Buch die vielen Jahre, die es mittlerweile schon auf dem Buckel hat, kaum an. Die Autorin findet immer die passenden Worte, um Land und Leute treffend zu beschreiben. An einigen Stellen musste ich herzhaft lachen, wie bei der urkomischen Beschreibung der verschiedenen Reitstile auf einem Kamel.
An manchen Stellen merkt man dem Buch aber doch sein Alter an und einiges wirkt regelrecht befremdlich auf den Leser von heute. In einem langen Kapitel über Ramses II. beschreibt sie Moses‘ Anwesenheit am Hof, ohne diese Tatsache im Geringsten kritisch zu hinterfragen. Sie zieht dabei Forscher wie Brugsch und Maspero heran, die Moses wie selbstverständlich in den Kontext der Geschichte einbinden. Letztendlich bedauert sie es, dass Moses in der Bibel nur von einem „Pharao“ spricht, ohne diesen näher zu benennen. Wissenschaft und Religion ließen sich damals noch gut vereinbaren.

Auf 434 Seiten (+Anhang mit einigen weiterführenden Informationen und einer kurzen Biografie von Amelia Edwards) begleitet der Leser die Autorin auf eine amüsante und abenteuerliche Reise in das Ägypten vor 140 Jahren. Wer Reiseberichte aus längst vergangener Zeit mag, wird „Tausend Meilen auf dem Nil“ lieben. Doch auch allen anderen Ägypten-Interessierten sei dieses Kleinod auf jeden Fall ans Herz gelegt.

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