Von Isis und Osiris zur Schneekönigin

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Neunzehn Mythen und Märchen finden sich in diesem Buch. Angefangen von der Antike, dessen ältester Mythos der von „Isis und Osiris“ ist, bis hin zur „Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen aus dem 19. Jahrhundert. Neunzehn Geschichten von Liebenden und Leidtragenden, Suchenden und Erlösenden: „Das Motiv der Partnersuche und Partnererlösung in Mythen, Märchen und in der Geschlechterpsychologie“, so der etwas sperrige Untertitel, der schon zeigt, dass es sich bei „Von Isis und Osiris zur Schneekönigin“ denn auch um kein „Märchenbuch“ handelt, sondern die Geschichten auch aus psychologischer Sicht beleuchtet werden.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. In der Einführung wird auf die Entstehung und Verbreitung der antiken Mythen und die Entwicklung von „modernen“ Märchen, die antike Texte oft zum Vorbild hatten, eingegangen. Danach folgen die Geschichten in chronologischer Reihenfolge und am Ende (vor dem Literatur- und Abbildungsverzeichnis) steht ein mit 46 Seiten ungewöhnlich umfangreiches Nachwort. Hier wird hinterfragt, warum das Suchwanderungsmotiv über viele Jahrtausende Bestand hatte und uns auch heute noch berührt.

Der erste und älteste Mythos ist der von „Isis und Osiris“, dessen Bruder Seth ihn mit Hilfe einer List tötete und die Lade mit seinem toten Körper in der tanitischen Mündung ins Meer warf. Isis machte sich auf die Suche nach ihrem geliebten Bruder-Gatten bis sie die Lade schließlich in Byblos in einem Ereike-Baum fand. Isis erlöste Osiris und erweckte ihn wieder zum neuen Leben, so dass die beiden den Gott Horus zeugen konnten. Der aus den frühen Anfängen der Mythologie stammende Osiris-Mythos gehört sicherlich zu den bekanntesten Erzählungen aber auch andere Göttergeschichten aus den Nachbarländern, dem Zweistromland (heutiges Nordsyrien und Kleinasien), sind eine Betrachtung wert.
So lesen wir die Geschichte von „Anat und Baal“, die in Ugarit (im heutigen Ras Schamra) in Nordsyrien erzählt wurde (die Kriegsgöttin Anat fand auch ihren Einzug in die ägyptische Götterwelt). Der Todesgott Mot neidet um die Herrschaft des Fruchtbarkeitgottes Ba’al . Durch seine Drohungen wird Ba’al so in Angst versetzt, dass er freiwillig in die Unterwelt absteigt. Die Vegetation der Erde stirbt durch das Fehlen des Fruchtbarkeitsgottes. Anat fordert ihren Geliebten von Mot zurück und als er sich weigert, bereitet sie ihm, wie es sich für eine Kriegsgöttin gehört, ein schmerzhaftes Ende.
Doch auch die beiden anderen Mythen, die sumerisch/akkadische Fassung von „Inanna/Ischtar (Ischtar war der akkadische Name der Göttin) und Dumuzi“, in der die machtgierige Inanna in die Unterwelt reist, um ihre Schwester zu entmachten und der Mythos des hethitischen Fruchtbarkeitsgottes „Telepinus“, nach dessen Verschwinden sich der Vater auf die verzweifelte Suche nach ihm begibt, gehören in die Reihe der ägyptisch-/vorderasiatischen Göttermythen.

Es folgen griechische und römische Mythen von „Demeter und Kore“, „Kybele und Attis“, „Aphrodite und Adonis“, „Orpheus und Eurydike“ sowie „Amor und Psyche“. Letztgenannter ist der längste und auch der bekannteste Mythos. Während die voranstehenden frei erzählt (teilweise werden mehrere Varianten zusammengefasst) und mit Original-Zitaten angereichert werden, wird hier die Original-Übersetzung herangezogen, und zwar sowohl eine gekürzte Fassung von Apuleius (1. Jh. n.Chr) als auch eine mit wenigen Sätzen erzählte deutsche Übersetzung nach Fulgentius (6. Jh n.Chr.) mit anschließender Interpretation des Übersetzers. Dieser wundervolle Mythos erzählt von der schönen Prinzessin Psyche, die wegen ihrer unglaublichen Schönheit wie eine Göttin verehrt wird. Venus Aphrodite ist zornig über die Schönheit und Anmaßung der Prinzessin, sich wie eine Göttin verehren zu lassen und schickt ihren Sohn Amor los, um das Mädchen „durch Liebe und Ehe mit dem Allernichtswürdigsten der Menschen zu verbinden“. Und auch Psyche, die voller Gram ist, da alle Welt sie bewundert aber keiner sie liebt, wird durch ein Orakel eine unglückliche Verbindung mit einem Ungeheuer prophezeit. Doch es kommt zuerst ganz anders. In einem wundersamen Palast mit unsichtbaren Dienern findet sie Unterschlupf. Dort empfängt sie ihr neuer Gemahl, allerdings nur in der Nacht, damit sie ihn in der Dunkelheit nie zu Gesicht bekommt. Dennoch liebt sie ihn mit der Zeit. Doch ihre neidischen und herzlosen Schwestern gönnen ihr das Glück nicht. Sie säen Zweifel in Psyche und reden ihr ein, dass ihr „unsichtbarer“ Ehemann eigentlich das Monster aus der Prophezeiung ist. Als sie sich entschließt, ihren Mann zu töten, erkennt sie jedoch, wer vor ihr liegt: der Gott Amor. Er verlässt sie wegen ihrer geplanten Tat, aber Psyche ist so voller Sehnsucht nach ihrem Gemahl, dass sie sich auf die Suche nach ihm macht…

Den Abschluss bilden Märchen aus den letzten Jahrhunderten. Weniger bekannte, wie „Orthodosio und Isabella“, „Pintosmalto“ oder „Der grüne Ritter“, aber auch geläufigere wie „Die Schöne und das Tier“, „Das singende, springende Löweneckerchen“ und schließlich Andersens „Die Schneekönigin“, das auch heute noch den Kindern dieser Welt erzählt wird (werden sollte)

Im Nachwort erfahren wir noch viele interessante Hintergrundinformationen darüber, wie Mythen mit dem „Suchwanderungs- und Erlösungsmotiv“ überhaupt entstanden sind. Welche Rolle spielten das Umfeld und die Gemeinschaft dabei? Warum sind es in den meisten Fällen Frauen – Mutter, Schwester, Geliebte – die sich in „aufopfernder Liebe“ auf die Suche nach den Männern machen? So emanzipiert, wie es vielleicht auf den ersten Blick klingen mag, ist dieses Motiv nämlich nicht, zeigt es doch eher wie „der patriarchalische Mann sich selbst, seine Wünsche, seine Probleme sieht und welche Erwartungen er an seine künftige Frau stellt“. Wir bekommen noch viele weitere interessante Einblicke in die gesellschaftlichen Normen der antiken und vor allem auch der neueren Zeit, sowohl im Kontext zu den Märchen als auch aus heutiger psychologischer Sicht. Die Autorin zieht das Suchwanderungsmotiv bis in die heutige Zeit und erklärt, warum es bis heute überdauert hat und wie die Emanzipation dieses Bild mittlerweile verändert hat.

„Von Isis und Osiris zur Schneekönigin“ bietet einen Streifzug durch 5000 Jahre Mythen und Märchen und bewegt uns mit den Bildern von suchenden Liebenden. Insbesondere dank des sehr guten Nachwortes bekommen wir tiefe Einblicke in die menschliche Psyche und erfahren sogar, wie man den Begriff „Liebe“ richtig definiert. Wir erkennen, dass sich zwar die gesellschaftlichen Rollen von Mann und Frau im Laufe der Jahrhunderte verändert haben, ihre Sehnsüchte und Träume jedoch die gleichen geblieben sind.

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