Schwangerschaft und Geburt

Eine Familie mit Kindern, welche die Eltern im Alter ernährten und nach deren Ableben für das Begräbnis und den Totenkult sorgten (→ Flüche, Totenopfer, Briefe), war im alten Ägypten ein hohes Gut. Wenn eine Frau unfruchtbar war – und dies lag immer an der Frau und nie an dem Mann – war das ein Scheidungsgrund oder ein vorgeschobener Grund, sich noch eine Zweitfrau mit ins Haus zu holen (→ Eheglück und Eheweib). Es existieren sogar magische Tests, mit denen man(n) herausfinden sollte, ob die zukünftige Gattin Kinder gebären konnte oder nicht.

Die schwangere Mutemwia (erkennbar an ihrem dicken Bauch) wird von den Göttern Hathor und Chnum in den Geburtsraum begleitet. Dort wird sie den zukünftigen Pharao Amenophis III. das Leben schenken
Luxor-Tempel
Neues Reich, 18. Dynastie

Der große Kinderwunsch

Ihr Wunsch nach einem Kind, ließ Frauen allerlei göttlichen Beistand einholen. Sie beteten den zwergengestaltigen Bes, die Nilpferdgöttin Taweret und die Göttin Hathor an, die alle mit Fruchtbarkeit und Geburt in Verbindung gebracht wurden. Auch kleine Fruchtbarkeitsstatuetten in Form von nackten Frauen galten als magische Helferinnen. Solcherlei Bitten richteten Frauen und Männer auch in Form von Briefen an die verstorbenen Verwandten. Sie erhofften sich dadurch einen positiven Einfluss auf die Fruchtbarkeit der Frau und baten bei den Verblichenen um Hilfe, den „Fluch“ der Kinderlosigkeit (meist ausgelöst durch andere schlecht gesinnte Verstorbene) zu verscheuchen.

Wenn das Paar trotz aller Mühe nicht mit Kindern gesegnet wurde und sich der Mann nicht von ihr scheiden lassen oder eine Zweitfrau nehmen wollte, gab es noch die Möglichkeit der Adoption, wie wir aus Urkunden und Inschriften wissen. Ein Ostrakon aus der 19. Dynastie legt einem kinderlos gebliebenen Mann nahe, ein Waisenkind zu adoptieren, damit sein späterer Totenkult gesichert war.

Schwanger oder nicht?

Um diese Frage zu beantworten, gab es verschiedene Möglichkeiten. Natürlich war das Ausbleiben der Periode meist ein sicheres Zeichen für eine Schwangerschaft. Um nun aber ganz sicher zu gehen, führten die Frauen einige Tests durch. Sie bestanden darin, den Puls zu messen, eine eventuelle Vergrößerung der Brüste festzustellen und die Farbe der Haut zu begutachten.

Ein weiterer Schwangerschaftstest, der in Ägypten weit verbreitet war, bestand darin, jeden Tag auf zwei Säckchen zu urinieren. Im ersten fanden sich Samen der Gerste, in dem anderen lagen Emmerkörner. Wenn die Samen keimten, war die Frau schwanger. Und sogar das Geschlecht des zukünftigen Kindes sollte dieser Test vorhersehen. Spross zuerst die Gerste, war es ein Junge. Keimte als Erstes der Emmer, so stand die Geburt eines Mädchens ins Haus. Den Ägyptern war es übrigens egal, ob sie nun einen Jungen oder ein Mädchen bekamen. Das war nicht selbstverständlich, denn in anderen antiken Kulturen, wie in Rom oder in Griechenland, wurden Mädchen auch mal „beiseite geschafft“ weil die Eltern die Mitgift für eine spätere Hochzeit des Mädchens nicht tragen konnten oder wollten. Da in Ägypten aber in der Regel männliche Nachkommen für den Totenkult der Eltern vorgesehen waren, freuten sie sich ein kleines bisschen mehr über die Geburt eines Jungen.

Lieber doch kein Kind – Mittel zur Empfängnisverhütung

Obwohl jede Ägypterin von einem reichen Kindersegen träumte, gab es sicherlich auch Situationen, in denen es besser war, nicht schwanger zu werden. Der Erfolg der meisten beschriebenen Methoden war eher dürftig. Doch einige Mittel könnten durchaus ihren Sinn und Zweck erfüllt haben. Ein klebriges Gemisch aus Honig und Natron könnte tatsächlich den einen oder anderen Samen aufgehalten haben. Ein Mittel aus Krokodildung, das ebenfalls für Empfängnisverhütung empfohlen wurde, hatte wahrscheinlich den gleichen Effekt. Ein anderes Verhütungsmittel bestand u.a. aus Akazienspitzen, die in einer Art Tampon eingeführt wurden. Akazien enthalten Gummi arabicum, das an seinem ägyptischen Bestimmungsort Milchsäure produzierte, die auch heute noch den Ruf hat, Spermien abzutöten. Verhütung war Sache der Frau. Männer hatten damit nichts am Hut bzw. es gab keine probaten Mittel für den Mann.

Das Kind kommt! – Die Geburt

Wenn die Frauen in den Wehen lagen, brachten Hebammen sie eiligst in eine Wochenlaube (eine Art Hütte mit einem Matten- oder Schilfdach, das von hölzernen Säulen in Form von Papyrusstängeln getragen wurde), die im Garten, Hof oder auf dem Dach des Hauses stand. Dort konnte sie in aller Ruhe ihr Kind gebären.

Die Schwangere nahm auf einen Hocker Platz, denn die Ägypterinnen gebaren ihre Kinder in der Hocke. Manchmal dienten auch vier oder zwei magische Ziegel, Symbole der Geburtsgöttin Meschenet, als Hockerersatz. Eine Hebamme stellte sich hinter die Gebärende, während eine andere vor ihr stand und darauf wartete, das Kind aufzufangen. Magische Worte wurden rezitiert, die für eine einfache Geburt sorgen sollten.

Wenn es zu Komplikationen kam, legten die Wöchnerinnen Breiumschläge und Kompressen auf den Unterleib, notfalls wurde das Kind sogar durch einen Schnitt aus dem Bauch herausgeholt, wobei die Überlebenschancen der Mutter nicht sehr hoch waren. Anhand der Stimme glaubten die Hebammen feststellen zu können, ob das Kind überlebte oder nicht. Stieß es einen schwächlichen, jämmerlichen Schrei aus, standen die Überlebenschancen nicht gut. Schrie es hingegen aus voller Kraft würde es wahrscheinlich weiterleben.

Die Namenswahl

Der Name war für die alten Ägypter sehr wichtig. Er war ein Element des Menschen, wie bei uns die Seele. Wenn jemand den Namen eines Menschen kannte, konnte er ihn angeblich beherrschen. Wenn man den Namen eines Verstorbenen vernichtete, indem man ihn z.B. aus allen Inschriften auskratzte, starb er den zweiten und endgültigen Tod. Ohne Namen in der diesseitigen Welt gab kein Leben im Jenseits. Dennoch waren die Eltern bei der Namenswahl nicht gerade erfinderisch, obwohl es – genau wie bei uns – in jeder Epoche neue Modenamen gab. Manchmal wurden die Kinder nach dem bevorzugten Gott oder dem gerade regierenden Pharao benannt. Des Öfteren hießen die Kinder alle gleich, nur mit Anhängen wie „der Ältere“ (wer), „der Jüngere“ (nechen) oder bei Mädchen „die Jüngere“ (tascherit) versehen. Wir kennen aber auch einige hübsche Kosenamen, wie „Miu“, was so viel wie – man erkennt es schon am Laut – „Kätzchen“ heißt.

Eine Mutter, die ihr Kleinkind mit einem Leinenband um ihren Bauch trägt, pflückt die Früchte eines Johannisbrotbaums.
Grab des Menna (TT69), Theben-West
Neues Reich, 18. Dynastie

Langes Stillen

Die Ägypterinnen stillten ihre Kinder 3 Jahre lang. Was für uns sehr lang erscheint, war für antike Kulturen durchaus üblich. Durch das lange Stillen verringerte sich die Wahrscheinlichkeit, dass die Frauen erneut schwanger wurden. Während die Mütter ihre Kinder in der Regel selbst stillten, übernahm diese Aufgabe in der Königsfamilie (teilweise auch in der Oberschicht) eine Amme, die aus gutem Hause kam. Auch wenn das Kind, das sie einst gestillt hatte, schon längst erwachsen war, genoss sie weiterhin die hohe Gunst der Königsfamilie. So schenkte Tutanchamun seiner Amme Maja ein eigenes Grab in der Totenstadt Sakkara, was eine hohe Auszeichnung war.

Magie zum Schutz des (ungeborenen) Kindes

Schlimm war es, damals wie heute, sein ungeborenes Kind zu verlieren. Die Ägypterinnen versuchten natürlich mit allen möglichen Mitteln, dies zu verhindern. Neben den obligatorischen Schutzamuletten knoteten sie während der Schwangerschaft ihre Haare und Kleider zusammen. Diese Vorgehensweise sollte das Kind im Bauch der Mutter halten. Sobald die Geburt anstand, lösten sie dann ihre Haare und ihre Kleider.

Schutz vor bösen Geistern und Dämonen

Waren diese Rituale erfolgreich und das Kind geboren, hörten die Schutzmaßnahmen aber noch lange nicht auf. Ständig war das Kind in Gefahr, bösartigen Dämonen über den Weg zu laufen (die Ägypter glaubten, dass Krankheiten durch böse Mächte, wie Dämonen oder Geister, hervorgerufen wurden). Der Kopf dieser bösartigen Gesellen lag umgekehrt auf ihren Schultern, ihr Gesicht zeigte also nach hinten. „Der Tod, der sich im Dunkeln anschleicht, möge verschwinden. Sein Gesicht möge sich abwenden. Er möge vergessen, weshalb er gekommen ist. Er soll das Kind nicht küssen, er soll es nicht wegnehmen!“1, sollte eine Mutter jeden Morgen und Abend über einem Goldkügelchen, mehreren Amethystperlen und einem Siegelstein rezitieren. Die Dämonen sollten durch diese magische Formel das Kind nicht küssen und damit nicht die Lebenskraft aus ihm heraussaugen. Zudem benannten die Ägypterinnen jedes Körperteil mit dem Namen eines Gottes, um jede Gliedmaße von den Göttern beschützen zu lassen.

Eine weitere Vorsichtsmaßnahme bestand darin, alles um das Kind herum mit einem Schutzzauber zu belegen. Die Kleidung, die Milch, die Brust der Mutter, den Namen des Kindes und den Ort, wo sich das Kind gerade aufhielt. Schutzgottheiten und Tiere, wie Katzen und Antilopen, die Symbole der Katzengöttin Bastet waren, trugen Mutter und Kind um den Hals. Sie waren auch als kleine Figürchen immer anwesend oder man malte sie auf Plaketten mit magischen Sprüchen, die als immerwährender Schutz fungierten. Um die magische Wirkung von Amuletten noch zu verstärken, knüpfte die Mutter Knoten in die Halsketten oder band andere magische Dinge wie die Knochen einer Maus (die das Kind vorher essen musste) an das Band.

Zaubermesser und Götterdekrete

Die Biegung dieses Stabes folgt der des Stoßzahns eines Nilpferdes, aus dem er gemacht wurde, aber seine flache Form erinnert an die gebogenen Wurfhölzer für die Vogeljagd. Mächtige Schutzgötter, wie Thoëris und Bes, sind zusammen mit schützenden Uräus-Schlangen und anderen mythischen Figuren dargestellt. Viele der Figuren schwingen Messer, um böse Geister zu vertreiben.
ca. 1880-1700 v. Chr. (Mittleres Reich – Zweite Zwischenzeit
Magic Wand Depicting a Procession of Deities“ – The Walters Arts Museum
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Im Mittleren Reich und in der 2. Zwischenzeit waren so genannte Zaubermesser aus den Stoßzähnen eines Nilpferdes (= Göttin Thoëris) beliebt. Der Stoßzahn wurde mit einem Querschnitt geteilt und mit verschiedenen Schutzgottheiten und Zauberinschriften versehen. Die Zaubermesser wurden sogar in die Gräber gelegt, um die Wiedergeburt des Verstorbenen zu sichern.

Im Neuen Reich beschrieb man kleine Papyruszettelchen und legte sie in zylinderförmige Amulettanhänger. Auf ihnen standen Dekrete, die aus der Sicht der Götter niedergeschrieben wurden. Diese beschworen nicht nur den Schutz des Kindes heute, sondern bedachten auch die Zukunft des Kindes: „Ich werde den Leib seiner Frauen öffnen, damit sie männliche und weibliche Kinder gebären [kann],(…)Ich werde sie veranlassen zu leben. Ich werde [sie] veranlassen gesund zu sein, ich werde sie veranlassen heranzuwachsen, ich werde [sie] veranlassen, klug zu werden…“2. Der Junge sollte also im späteren Alter mit seiner Frau Mädchen und Jungen in die Welt setzen, die gesund und klug waren.

Der Tod eines Kindes

Doch oft half dies alles nichts. Nur die wenigsten Kinder erlebten ihren 5. Geburtstag. Die ägyptische Durchschnittsfamilie hatte nicht mehr als 2 Kinder. Wie groß muss die Trauer und die Enttäuschung gewesen sein, wenn trotz Anflehung der Götter ein Kind starb: „(…) Ich, ein kleines Mädchen, liege in einem öden Ort, mich dürstet, obwohl es Wasser in meiner Nähe gibt. Allzu früh wurde ich meiner Kindheit entrissen(…)Ich bin zu jung, um allein zu sein, wo ich doch gern viele Menschen sah und immer fröhlich war!(…)“3, ist auf einem Stelentext der Spätzeit zu lesen. Neben der großen Trauer klingt hier vielleicht auch ein wenig der Vorwurf an die Götter durch, die das Mädchen trotz aller Schutzmaßnahmen viel zu früh aus dem Leben gerissen hatten.

1 zitiert nach Christian Jacq: Die Ägypterinnen. Eine Kulturgeschichte, S. 190
2 zitiert nach Edwards, Hieratic Papyri in the British Museum, 1960, in Gay Robins: Frauenleben im alten Ägypten, S. 101/102
3zitiert nach Christian Jacq: Die Ägypterinnen. Eine Kulturgeschichte, S. 191