Schwangerschaft und Geburt

Magie zum Schutz des (ungeborenen) Kindes

„Der Tod, der sich im Dunkeln anschleicht, möge verschwinden.“

Schlimm war es, damals wie heute, sein ungeborenes Kind zu verlieren. Die Ägypterinnen versuchten natürlich mit allen möglichen Mitteln, dies zu verhindern. Neben den obligatorischen Schutzamuletten knoteten sie während der Schwangerschaft ihre Haare und Kleider zusammen. Diese Vorgehensweise sollte das Kind im Bauch der Mutter halten. Sobald die Geburt anstand, lösten sie dann ihre Haare und ihre Kleider.

Schutz vor bösen Geistern und Dämonen

Waren diese Rituale erfolgreich und das Kind geboren, hörten die Schutzmaßnahmen aber noch lange nicht auf. Ständig war das Kind in Gefahr, bösartigen Dämonen über den Weg zu laufen (die Ägypter glaubten, dass Krankheiten durch böse Mächte, wie Dämonen oder Geister, hervorgerufen wurden). Der Kopf dieser bösartigen Gesellen lag umgekehrt auf ihren Schultern, ihr Gesicht zeigte also nach hinten.

„Er soll das Kind nicht küssen, er soll es nicht wegnehmen“

„Der Tod, der sich im Dunkeln anschleicht, möge verschwinden. Sein Gesicht möge sich abwenden. Er möge vergessen, weshalb er gekommen ist. Er soll das Kind nicht küssen, er soll es nicht wegnehmen!“1, sollte eine Mutter jeden Morgen und Abend über einem Goldkügelchen, mehreren Amethystperlen und einem Siegelstein rezitieren. Die Dämonen sollten durch diese magische Formel das Kind nicht küssen und damit nicht die Lebenskraft aus ihm heraussaugen.

Zudem benannten die Ägypterinnen jedes Körperteil mit dem Namen eines Gottes, um jede Gliedmaße von den Göttern beschützen zu lassen.

Schutzzauber

Eine weitere Vorsichtsmaßnahme bestand darin, alles um das Kind herum mit einem Schutzzauber zu belegen. Die Kleidung, die Milch, die Brust der Mutter, den Namen des Kindes und den Ort, wo sich das Kind gerade aufhielt. Schutzgottheiten und Tiere, wie Katzen und Antilopen, die Symbole der Katzengöttin Bastet waren, trugen Mutter und Kind um den Hals. Sie waren auch als kleine Figürchen immer anwesend oder man malte sie auf Plaketten mit magischen Sprüchen, die als immerwährender Schutz fungierten. Um die magische Wirkung von Amuletten noch zu verstärken, knüpfte die Mutter Knoten in die Halsketten oder band andere magische Dinge wie die Knochen einer Maus (die das Kind vorher essen musste) an das Band.

Zaubermesser

Die Biegung dieses Stabes folgt der des Stoßzahns eines Nilpferdes, aus dem er gemacht wurde, aber seine flache Form erinnert an die gebogenen Wurfhölzer für die Vogeljagd. Mächtige Schutzgötter, wie Thoëris und Bes, sind zusammen mit schützenden Uräus-Schlangen und anderen mythischen Figuren dargestellt. Viele der Figuren schwingen Messer, um böse Geister zu vertreiben.
ca. 1880-1700 v. Chr. (Mittleres Reich – Zweite Zwischenzeit
Magic Wand Depicting a Procession of Deities“ – The Walters Arts Museum
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Zaubermesser und Götterdekrete

Im Mittleren Reich und in der 2. Zwischenzeit waren so genannte Zaubermesser aus den Stoßzähnen eines Nilpferdes (= Göttin Taweret) beliebt. Der Stoßzahn wurde mit einem Querschnitt geteilt und mit verschiedenen Schutzgottheiten und Zauberinschriften versehen. Die Zaubermesser wurden sogar in die Gräber gelegt, um die Wiedergeburt des Verstorbenen zu sichern.

Dekrete zum Schutz des Kindes

Im Neuen Reich beschrieb man kleine Papyruszettelchen und legte sie in zylinderförmige Amulettanhänger. Auf ihnen standen Dekrete, die aus der Sicht der Götter niedergeschrieben wurden. Diese beschworen nicht nur den Schutz des Kindes heute, sondern bedachten auch die Zukunft des Kindes: „Ich werde den Leib seiner Frauen öffnen, damit sie männliche und weibliche Kinder gebären [kann],(…)Ich werde sie veranlassen zu leben. Ich werde [sie] veranlassen gesund zu sein, ich werde sie veranlassen heranzuwachsen, ich werde [sie] veranlassen, klug zu werden…“2. Der Junge sollte also im späteren Alter mit seiner Frau Mädchen und Jungen in die Welt setzen, die gesund und klug waren.

Der Tod eines Kindes

Doch oft half dies alles nichts. Nur die wenigsten Kinder erlebten ihren 5. Geburtstag. Die ägyptische Durchschnittsfamilie hatte nicht mehr als 2 Kinder.

„Ich, ein kleines Mädchen, liege in einem öden Ort“

Wie groß muss die Trauer und die Enttäuschung gewesen sein, wenn trotz Anflehung der Götter ein Kind starb: „(…) Ich, ein kleines Mädchen, liege in einem öden Ort, mich dürstet, obwohl es Wasser in meiner Nähe gibt. Allzu früh wurde ich meiner Kindheit entrissen(…)Ich bin zu jung, um allein zu sein, wo ich doch gern viele Menschen sah und immer fröhlich war!(…)“3, ist auf einem Stelentext der Spätzeit zu lesen. Neben der großen Trauer klingt hier vielleicht auch ein wenig der Vorwurf an die Götter durch, die das Mädchen trotz aller Schutzmaßnahmen viel zu früh aus dem Leben gerissen hatten.

1 zitiert nach Christian Jacq: Die Ägypterinnen. Eine Kulturgeschichte, S. 190
2 zitiert nach Edwards, Hieratic Papyri in the British Museum, 1960, in Gay Robins: Frauenleben im alten Ägypten, S. 101/102
3zitiert nach Christian Jacq: Die Ägypterinnen. Eine Kulturgeschichte, S. 191