Neith

„Die Große“

Die Göttin Neith ist eine der ältesten Gottheiten des alten Ägypten. Als Unterägypten das Nildelta eroberte, war die Göttin Neith, die ihre Heimatstadt im westlichen Delta hatte, die beliebteste Göttin des eroberten Königreiches.

Wahrscheinlich stiftete Hor-Aha, ein früher Herrscher der 1. Dynastie, auch deswegen einen Tempel für Neith in Sais, um seinen guten Willen gegenüber den Eroberten zu zeigen.

Die rote Krone von Sais wurde zusammen mit der Biene (in Sais gab es ein „Haus der Biene“, das entweder eine Bezeichnung für ihren Tempel oder des Stadtpalastes war), zu einem wichtigen Symbol des Königtums


Die Göttin Neith

Die Göttin Neith mit der roten Krone Unterägyptens
Luxor-Tempel

Neiths Aufstieg und Fall

Symbol der Göttin Neith © Martin Heinz

Symbol der Göttin Neith – zwei Bögen, die in einem Bündel zusammengehalten werden.
© Martin Heinz

Spätestens im Alten Reich bekam Neith im gesamten ägyptischen Götterpantheon eine hohe Bedeutung und wurde mit einem Heiligtum in Memphis bedacht. Sie wurde analog zu dem hier heimischen Ptah verehrt, der „südlich seiner Mauer“ genannt wurde, während Neith „nördlich der Mauer“ ein Heiligtum besaß, in der edle Damen ihre Götterdienste verrichteten.

Im Mittleren und Neuen Reich, als sich das Königshaus in Oberägypten ansiedelte, schwand die Bedeutung der Göttin, bis sie in der 26. Dynastie unter der Herrschaft der Könige von Sais zu neuer Blüte fand.

Kriegs- und Jagdgöttin

Neiths Rolle als Kriegsgöttin ist unbestreitbar, doch ist dies nicht die Hauptrolle der Göttin sondern nur ein Nebenaspekt. Schon in frühester Zeit war das Schild mit den beiden gekreuzten Pfeilen ihr Symbol. Sie finden sich schon auf einem Amulett in Form einer Schabe in einem Grab der 1. Dynastie bei Naga ed-Deir. Ihre Beinamen lauteten „Herrin des Bogens…Herrscherin der Pfeile“. Sie ist „die, die Wege öffnet“ und steht vor dem Pharao und seinem Heer als siegreiche Kraft

Neith – die „den Samen der Götter und Menschen schuf“

Neith wurde als populäre Göttin Ägyptens natürlich auch eine Schöpferrolle zuteil. So sagte man von ihr, dass sie „den Samen der Götter und Menschen schuf“. Auf den Säulen des Tempels von Esna steht in römischer Schrift die Geschichte von Neiths Erschaffung der Welt, nachdem sie aus dem Urgewässer herausgestiegen war. Sie folgte dem Strom des Nils, um zusammen mit dem Nilfisch die Stadt Sais zu gründen. Hier wird also versucht, Neiths Ursprung in Oberägypten zu suchen – ein weiterer Beleg für die hohe Bedeutung der Göttin.

Neith als wütende Ratgeberin

Im Streit zwischen Horus und Seth, auf einem Papyrus der 20. Dynastie, ist sie die „Älteste, Mutter der Götter, die das erste Antlitz erleuchtete“. Im gleichen Papyrus drängt der Gott Banebdjedet Re dazu, den Rat bei dem nunmehr 80 Jahre andauernden Streit bei Neith zu suchen. Sie rät daraufhin, Horus den Thron zu überlassen und Seth als Entschädigung die Hand der beiden Göttinnen Astarte und Anat zu geben. In ihrem Brief an das dem Streit vorstehende Gericht droht sie damit, sehr wütend zu werden und der Himmel würde auf die Erde stürzen, wenn Horus nicht gewinnen sollte.

Muttergöttin

Die Göttinnen Neith und Selket

Die Göttinnen Neith (rechts unten mit Schild und zwei Pfeilen auf dem Kopf) und Selket stützen Mutemwia, die Mutter Amenophis III., und Amun-Re
Luxor-Tempel
Neues Reich, 18. Dynastie

In den Pyramidentexten war sie Gemahlin des Seth und Mutter des Krokodilgottes Sobek. Sie war die „Amme der Krokodile“ und soll sogar die Erfinderin der Geburt gewesen sein. Der Aspekt der göttlichen Mutter weitete sich auf andere Gottheiten aus. So soll sie Isis oder sogar den Sonnengott höchstpersönlich geboren haben. In diesem Zusammenhang wird sie zu einer Himmelsgöttin mit dem Namen „Große Kuh“. Im Widerspruch zu ihrer Verbindung zu Re, sehen sie späte Inschriften im Esna-Tempel als Mutter von Res Erzfeind Apophis, dessen Geburt durch Neiths Ausspucken in das Urgewässer beschrieben wird.

Neith stützt zusammen mit anderen Göttinnen wie Selket das Bett, in dem sich die Königin und Amun umarmen, wird also Zeugin der göttlichen Verbindung zwischen der Mutter des Pharaos und dem Reichsgott. Zu sehen ist so eine Szene z.B. im Geburtstraum Amenophis III. im Luxor-Tempel.

Neith im Totenkult

In den Pyramidentexten wachte sie zusammen mit Selket, Isis und Nephthys über den toten Osiris. Auf Sarkophagen steht sie an der östlichen Ecke und breitet schützend ihre Arme aus. Sie war zudem Beschützerin für den Gott Duamutef, der für den Magen des Verstorbenen zuständig war.

Bei dem Totengericht des Osiris war sie eine der Richter. Verstorbene wurden mit Neith gleichgesetzt oder sie half ihnen bei ihrer Reise durch die Unterwelt. Auch Re schützt sie vor den Gefahren während seiner Nachtfahrt durch die jenseitigen Gefilde. Als Erfinderin des Webens wurden in ihren Tempeln Mumienbinden für die Bestattungsriten gewebt.

Zauber- und Heilgöttin

Ihre Zaubermächte hielten Einzug in den bürgerlichen Glauben. Kopfstützen, die den Schlafenden vor bösen Mächten schützen sollten, waren mitunter mit dem Antlitz von Neith versehen (öfter aber mit Hathor oder Bes). Bei den Gründungszeremonien von Häusern und Tempeln wurden in ihrem Namen Schutzzauber rezitiert. Auch in der Heilkunst hat sie eventuell eine Rolle gespielt, denn der medizinische Papyrus Ebers nennt Sais neben Heliopolis als Stätte der Heilkunst

Neith und Libyen

Eine besondere Verehrung scheint Neith bei den Libyern genossen zu haben, die sich im Neuen Reich das Symbol der Göttin auf ihren Körpern tätowierten. Sie wird auch als „Neith von Libyen“ benannt.

Neith und der König

In einer Krönungszeremonie im Karnak-Tempel steht sie hinter dem Pharao und dem sitzenden Reichsgott Amun. In der 26. Dynastie soll der Pharao die Krone selbst aus den Händen der Göttin empfangen haben. Bis in die römische Zeit opfert der König Neith zu Ehren Pfeile.

„Tochter des Nils“ – „Herrin des Meeres“

Neith galt als „Tochter des Nils“ und in einem ptolemäischen Text wird sie „Herrin des Meeres“ genannt

 

Darstellung

Neith im Grab des Paschedu Theben-West Neues Reich, 19. Dynastie

Neith im Grab des Paschedu
Theben-West
Neues Reich, 19. Dynastie

Die Göttin Neith war eine der frühsten Gottheiten, die in menschlicher Gestalt dargestellt wurden. Sie wurde als Frau mit der roten Krone Unterägyptens abgebildet. Eine der ältesten Darstellung mit der nördlichen Krone befindet sich im Sonnentempel von Userkaf (5. Dynastie) bei Abu Ghurob.

Auf ihrem Kopf trägt sie ihr Symbol, das sich auch in ihrer Namenshieroglyphe wiederfindet: zwei Bögen, die in einem Bündel zusammengehalten werden. Als Kriegsgöttin hielt sie Pfeile und Bogen oder eine Harpune in ihren Händen.

Neith in Tiergestalt

Neith in Tiergestalt kommt eher selten vor. Herodot berichtete, dass er bei einem Fest in Sais die Göttin als Kuh mit Himmelscheibe gesehen hat und auf einem Relief in Esna erscheint sie als Rind.

In Schlangengestalt ist sie die Beschützerin des Re oder des Königs. Als Muttergöttin (siehe unten) wurde sie stillend gezeigt. In Verbindung mit dem Krokodilskult auch mit zwei kleinen Krokodilen, die an jeder Brust der Göttin gesäugt werden.

Erste Erwähnung des Namens

In der Prädynastischen Zeit.

Der Name Neith

Der Name könnte sich von der Bezeichnung der unterägyptischen Krone n.t abgeleitet haben. Eine andere Theorie deutet den Namen als „Die Schreckliche“

Neith in Hieroglyphen

Neith in Hieroglyphen

Erste Erwähnung des Namens

In der Prädynastischen Zeit.

Familie

Siehe unter Muttergöttin

Verbindungen mit anderen Göttern

Durch den kriegerischen Aspekt der Göttin wurde sie von den Griechen mit der Göttin Athene verbunden.

In Esne (Latopolis) wurde sie mit der Gemahlin des Chnum, Menhit zu Neith-Menhit verbunden.

Orte/Zeiten der Verehrung

Die Göttin Neith wurde in ganz Ägypten verehrt. Ihr Hauptkultort war die Stadt Sais. In der 26. Dynastie wurde die Stadt Hauptsitz der Pharaonen

Das Fest zu Ehren der Göttin fand am 13. Tag des 3. Monats der Sommerzeit statt