Der Sonnengott

Die Reise durch die Nacht beginnt

Während ihrer Reise durch die Duat zog die Sonnenbarke durch die unterschiedlichsten Landschaften und begegnete den seltsamsten Geschöpfen.

An den fruchtbaren Wiesen und Feldern jubelten die Verstorbenen dem Sonnengott zu und erfreuten sich an seinem lebenspendenden Licht. Eine Ehre war es für sie, die Sonnenbarke mit einem langen Seil durch unwegsame Strecken zu ziehen. Doch in den trockenen, unwirtlichen Einöden konnte sich die Barke nur in eine Schlange verwandeln, um über den trockenen Wüstenboden dahingleiten zu können.

Beschwörungen gegen Kreaturen

Der Feueratem der Schlange spendete nun das Licht in der Dunkelheit und unheimliche Schlangen mit Beinen und Flügeln, manche sogar mit mehreren Köpfen, wurden durch das Licht angezogen. Diese Kreaturen und die „Schlächter“, die hinter den Hügeln lauerten, mussten von der Besatzung beschworen werden, den Sonnengott nicht anzugreifen. Donnergrollen ließ die Barke erbeben und aus den Tiefen eines Feuersees schallten die gepeinigten Schreie und Rufe der verdammten Seelen, die dort unendliche Qualen erleiden mussten.

Res Vereinigung mit Osiris

In der 6. Nachtstunde erreichte Re den tiefsten Bereich der Unterwelt. Hier lag der Körper von Osiris, der gleichzeitig auch der Körper von Re war (die alten Ägypter versuchten so, die Wichtigkeit Res und Osiris‘ in der Unterwelt gleichzustellen). Die Ba-Seele des Sonnengottes vereinigte sich mit dem Leichnam, der von der vielköpfigen Schlange „Vielgesicht“ bewacht wurde. Verjüngt und gestärkt verließ Re wieder den Körper. Die neue Kraft hatte er bitter nötig, denn hinter der nächsten Pforte lauerte sein größter Feind – die Schlange Apophis.

Götter mit Zaubernetzen im Grab Ramses VI.

Zwei Götter mit Zaubernetzen
Grab Ramses VI. (KV9), Theben West
Neues Reich, 20. Dynastie

Die böse Schlange Apophis

Eine magische Zahl
Die Sandbank, die Apophis erschuf und an der die Sonnenbarke auf Grund lief, war genau 230m lang und breit. Anscheinend eine magische Zahl, denn der Grundriss der Cheopspyramide hatte exakt die gleiche Größe.

Die Schlange Apophis Grab des Sennedjem (TT1), Theben-West Neues Reich, 19. Dynastie

Die Schlange Apophis
Grab des Sennedjem (TT1), Theben-West
Neues Reich, 19. Dynastie

Apophis – dieser bösartige Dämon verfolgte nur einen einzigen Plan: die Barke des Re zu stoppen. Dann würde die Sonne am nächsten Tag nicht aufgehen. Ewige Dunkelheit würde die Welt überschatten und sie ins Chaos stürzen. Um sein Ziel zu erreichen, schlürfte Apophis jede Nacht so viel Wasser aus dem Fluss, dass eine große Sandbank entstand und die Sonnenbarke auflief.

Die Schlacht gegen Apophis

Sein lautes Gebrüll ließ Re und seine Mannschaft zusammenzucken. Apophis‘ Schlangenauge versuchte, die Insassen der Barke zu hypnotisieren und dadurch handlungsunfähig zu machen. Re musste schnell handeln. Er löschte sein Licht. Totale Finsternis umgab sie nun. Isis und andere zauberreiche Götter versuchten, Apophis durch die Kraft der Magie zu zerstören. Der Gott Seth stieß seinen Speer in den Leib der Schlange. Andere Götter stürzten sich auf ihn und versuchten, ihn zu fesseln oder ihn mit ihren Messern zu zerstückeln. Andere Götter versuchten, ihn mit magischen Zaubernetzen aufzuhalten.

Mit vereinten Kräften schafften sie es schließlich jede Nacht, Apophis zu besiegen. Das zuvor aufgesogene Wasser floss in großen Schwällen wieder aus Apophis‘ Leib in das Flussbett zurück und die Sonnenbarke konnte ihren Weg fortsetzen. Immer weiter nach Osten führte der Weg. In der elften Stunde gesellten sich Sterne zu der Barke, die den Aufgang des Sonnengottes am Himmel ankündigten. In der 12. Stunde war es dann soweit. Nun, der Gott des Urgewässers, durch das die Barke in der Nacht fuhr, hob sie hoch hinaus in den Himmel, wo sie ihren Lauf am Körper der Himmelsgöttin Nut fortsetzen konnte.