Ein Liebesgedicht


Jüngling:

Die Eine, die Geliebte, die ohne ihres Gleichen,
sie ist schöner als jede Frau!
Schau, sie ist wie der Stern, der aufgeht
zu Beginn eines glücklichen Jahres.

Leuchtend vor Tugend, glänzend an Aussehen,
beide Augen blicken so klar.
Bezaubernd sind ihre Lippen beim Sprechen,
sie sagt kein Wort zuviel.

Sie ist hoch gewachsen, mit herrlicher Brust,
wie echter Lapislazuli ihr Haar.
Ihre Arme sind schöner als Gold
und ihre Finger wie Knospen des Lotus.

Weich gerundet die Hüften und schmal die Taille,
und ihre Schenkel tragen das Schönste.
Edel ist ihr Gang, wenn sie schreitet.
Durch ihren Gruß stiehlt sie mein Herz.

Sie zwingt die Hälse aller Männer
sich umzudrehen, um sie anzuschauen.
In Wonne gerät jeder, den sie berührt,
er fühlt sich als erster unter den in Liebe Entbrannten.

Tritt sie aus dem Haus, so ist es
als erblicke man jene Göttin, die Eine!

Mädchen:

Die Stimme des Geliebten verwirrt mein Herz,
sie hat mich mit Krankheit geschlagen.
Er wohnt ganz nahe am Haus meiner Mutter,
doch wie an ihn zu gelangen, das weiß ich nicht.

Gut wäre es, wenn meine Mutter mir sagte:
"Hör endlich auf, ihn anzusehen!"
Mein Herz weigert sich ja, an ihn zu denken
und doch hält Liebe zu ihm mich gepackt.

Er hat kein Herz!
Aber bin ich nicht genauso wie er?
Er weiß nichts von meiner Sehnsucht, ihn zu umarmen,
sonst würde er zu meiner Mutter schicken!

Oh mein Geliebter, wäre ich dir nur anbefohlen,
von der goldenen Göttin der Frauen!
Komm doch zu mir, dass ich deine Schönheit schaue
und Vater und Mutter sich freuen!

Alle Menschen zusammen sollen dich preisen,
ja, sie jubeln dir zu, o mein Geliebter.

...

Mädchen:

Mein Herz schlägt schneller
denk ich an meine Liebe zu dir,
es will nicht, dass ich herumgehe wie ein Mensch!
Es pocht auf seinem Platze.

Es lässt nicht zu, dass ich ein Kleid anlege,
meinen Fächer darf ich nicht nehmen.
Meine Augen kann ich nicht schminken,
auch salben darf ich mich nicht.

"Verweile nicht, du kommst zum Ziel!"
Sagt es zu mir, so oft ich an ihn denke.
Oh mein Herz, mach mir keinen Kummer.
Warum nur willst du mir Sorgen bereiten?

Ruhig, der Geliebte wird kommen zu dir,
dazu aber auch die Blicke der Menschen.
Lass die Leute nicht über mich lästern:
"Ein Weib, das der Liebe verfiel!

Bleibe stark, so oft du an ihn denkst,
mein Herz, schlag nicht so heftig!

Jüngling:

Die goldene Göttin bete ich an, ich preise ihre Majestät!
Ich rühme die Herrin des Himmels!
Jubel gebe ich Hathor,
Ruhm sei der Gebieterin!

Ich flehte zu ihr und mein Bitten hat sie erhört!
Sie schickte mir meine Herrin.
Von selbst ist sie gekommen, um mich zu sehen.
O wie groß ist das, was mir geschah!

Ich jubelte, Freude ergriff mich, groß fühlte ich mich,
als es hieß: "siehe, sie ist da!"
Schau, als sie kam, verbeugten sich die Jünglinge,
weil die Liebe zu ihr so mächtig war.
Meiner Göttin machte ich ein Gelübte,
damit sie mir die Geliebte gewährte.
Drei volle Tage sind vergangen,
seit ich sie bat bei ihrem Namen.
Aber meine Geliebte verließ mich vor fünf Tagen.

Mädchen:

Ich wollte vorübergehen, ganz nahe bei seinem Haus,
da fand ich dessen Tür offen.
An der Seite seiner Mutter steht der Geliebte da,
und seine Geschwister sind alle bei ihm.

Und die Herzen aller, die vorübergehen,
packt die Liebe zu ihm,
er ist ein vortrefflicher Jüngling, es gibt keinen Gleichen!
Ein Geliebter von erwähltem Charakter.

Da ich vorbeigehe, schaut er mich an,
ich juble in meinem Inneren.
Oh, wie froh ist mein Herz vor Freude,
Geliebter, seit ich dich sah.

Oh, dass doch meine Mutter mein Herz kenne,
oder dass sie es bald durchschaue!
O du Goldene, gib es doch in ihr Herz,
dann eile ich zu meinem Geliebten.

Ich küsse ihn vor den Seinen,
ich schäme mich nicht vor den Leuten,
ich freue mich über ihren Neid,
weil du mich kennst!

Meiner Göttin bereite ich ein Fest!
Mein Herz schlägt gar heftig und möchte zerspringen,
weil ich den Geliebten schaue in dieser herrlichen Nacht,
wie schade, dass sie vorübergeht.

Jüngling:

Sieben Tage habe ich die Geliebte nicht gesehen,
da hat mich Krankheit befallen.
Meine Glieder sind schwer,
und ich vernachlässige meinen Leib.

Wenn die Ärzte zu mir kommen,
ist mein Herz nicht zufrieden mit ihren Künsten
und auch Magier finden keinen Ausweg,
denn mein Leiden wird nicht erkannt.

Doch sagt man zu mir: "Jetzt ist sie da!", so bin ich belebt.
Ihr Name richtet mich auf.
Das Kommen und Gehen ihrer Boten
belebt mein Herz.

Besser als Heilmittel ist für mich die Geliebte.
Sie ist mir mehr als Arznei.
Ihr Eintritt von draußen ist mein Amulett,
und wenn ich sie sehe, dann bin ich gesund.

Öffnet sie ihre Augen, dann ist mein Leib jung.
Spricht sie, dann werde ich stark.
Umarme ich sie, verjagt sie mein Übel.
Aber sie verließ mich vor sieben Tagen.


Aus "Sprüche der großen Herzensfreude" aus dem Papyrus Chester Beatty - "Der Zyklus der sieben Stanzen" (die dritte Strophe ist hier nicht wiedergegeben)
nach Hermann A. Schlögl

 

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