Die Mumifizierung

Die Einbalsamierung

Die Prozedur

Diesmal erzählen uns keine Bilder oder ägyptische Texte, wie die alten Ägypter ihre Toten mumifiziert haben. Die Kunst der Mumifizierung wurde nur mündlich vom Vater zum Sohn oder vom Meister zum Lehrling weitergegeben. Für die alten Ägypter war es wahrscheinlich nicht so wichtig, den Einbalsamierungsvorgang schriftlich festzuhalten — Hauptsache, er war erfolgreich.

Woher wissen wir, wie die Mumifizierung erfolgte?

Die Mumifizierung wurde von Einbalsamierern in Werkstätten außerhalb von Städten, meistens in der Nähe der Nekropolen (=Totenstädte) durchgeführt. Papyri aus dem 1 Jh. n. Chr. beschreiben zwar den rituellen Vorgang, aber keine Einzelheiten. Nur der griechische Gelehrte Herodot, der etwa im 5. Jh. v. Chr. Ägypten besuchte, beschreibt die Prozedur der Mumifizierung. Wissenschaftler haben in den vergangenen Jahren versucht, seine Beschreibungen nachzuvollziehen.

Moderne Untersuchungen der letzten Jahre unterstützen und verbessern seine Beobachtungen, so dass wir heute ziemlich genau wissen, wie die Mumifizierung vonstatten ging.

341 Mumien
Das Ergebnis von 341 untersuchten Mumien aus Theben-West publizierten mehrere Wissenschaftler im Jahr 2001 (Spektrum der Wissenschaft 8/2001, S. 34-41). Darunter waren Mumien aus dem Neuen Reich und der 3. Zwischenzeit. Der größte Anteil stammt aus der Spätzeit und aus dem römischen Reich. Die nachfolgende Vorgehensweise gibt die Untersuchungsergebnisse zum größten Teil wieder.

1. Entfernung des Gehirns

Als erstes entfernten die Einbalsamierer das Gehirn des Verstorbenen. Manchmal beließen sie es auch im Schädel.

Durch die Nase

Dazu drangen sie mit einem spitzen Gegenstand oder einem scharfem Messer in das Nasenloch ein, erweiterten es und stießen schließlich durch das Siebbein bis in das Gehirn vor. Danach führten sie einen langen Eisenhaken durch die Nase, verquirlten das Gehirn und zogen es durch die Nase heraus.

Durch den Hinterkopf (und die Nase)

Bei einigen Verstorbenen wurde bei der Mumifizierung auch einfach ein Loch in den Hinterkopf gebohrt, um das Gehirn raussickern zu lassen. Bei Tutanchamun holten die Einbalsamierer das Gehirn sowohl aus der Nase als auch durch eine münzgroße Öffnung am Hinterkopf. Reste spülten sie mit einer nicht näher definierten Flüssigkeit heraus.

Gehirn verblieb im Schädel

Da der Kopf auch mit Gehirnmasse gut erhalten blieb, holten die Einbalsamierer das Gehirn nicht immer heraus. Aber nur in wenigen Schädeln fand sich eine getrocknete, verschrumpelte Masse. Bei manchen Verstorbenen flößten die Einbalsamierer noch eine zusätzliche Einbalsamierungsflüssigkeit durch das Nasenloch in den nun leeren Schädel.

Mumifizierte Krokodile im Krokodilmuseum in Kom Ombo

Die Mumifizierung fand nicht nur beim Menschen statt, sondern auch bei vielen Tieren, die von den Ägyptern als heilig betrachtet wurden.
Krokodilmumien im Krokodil-Museum in Kom Ombo

2. Entnahme der inneren Organe

An einer unauffälligen Stelle an der linken Seite, setzten die Einbalsamierer nun das Messer an und schlitzten den Bauch auf. Den Schnitt konnte man nur sehen, wenn man den linken Arm des Verstorbenen hob. Je nach Status und Geldbeutel des Verstorbenen entfernten die Einbalsamierer die inneren Organe (außer den schwer zugänglichen Nieren) oder ließen sie in dem Körper zurück (für Herodots weitere Beschreibung, in der die Einbalsamierer Zedernöl in den After gespritzt haben, das die Organe zersetzte und sie somit nach einiger Zeit herausgespült werden konnten, fanden sich keine Beweise).

Das Herz

Im Neuen Reich wurde das Herz, für die Ägypter Sitz des Fühlens und Denkens und unerlässlich für die Prüfung im Totengericht (siehe Vor dem Totengericht des Osiris) im Körper gelassen. Den nun hohlen Körper wusch man mit Palmwein und wohlriechenden Essenzen aus.

Organe wurden in wohlriechende Harze getränkt

Ebenso verfuhren die Einbalsamierer mit den entnommenen Organen. Sie wurden ebenfalls gereinigt und anschließend entwässert. Zum Schluss wurden sie in wohlriechenden Harzen getränkt und jedes einzelne mit Leinentüchern umwickelt in ein Gefäß, eine so genannte Kanope gelegt.

3. Austrocknung des Körpers im Natronbad

Natronsäckchen

Solche kleine Natronsäckchen wurden für die Mumifizierung in den Körper des Verstorbenen gelegt.
Krokodil-Museum in Kom Ombo

Bei dem nächsten Schritt der Mumifizierung, überdeckte man den nun hohlen Körper mit einem Mineraliengemisch oder die Einbalsamierer füllten damit kleine Säckchen, die sie in den Körper legten. Dieses Gemisch bestand hauptsächlich aus natürlich vorkommendem Natronsalz. Aber auch Alabaster und Sand fand sich in den vergessenen Säckchen.

Diese Stoffe entzogen dem Körper alle Flüssigkeit und verhinderten somit seine Verwesung. Wenn die Organe noch im Körper verblieben waren, wurde der Unterkörper mit einem mehreren Kilogramm schweren Gemisch aus Teeren, Harzen und Wachs bedeckt.

4. Ein Balsambad für schöne Haut

Geheimrezept Einbalsamierung
Die Zusammensetzung der Einbalsamierungsflüssigkeit, die den Körper für die Ewigkeit erhalten sollte, ist schwer zu bestimmen. Sie variiert bei jeder Mumie. Wahrscheinlich hatte jeder Einbalsamierer sein eigenes Geheimrezept.

Nach ungefähr 40 Tagen war der Körper komplett ausgetrocknet. Nach dieser Zeitspanne entfernten die Einbalsamierer das Natrongemisch, wuschen den Körper und befreiten ihn somit von unliebsamen Tierchen.

Die unterschiedlichen Hautfarben der Mumien

Da die Haut und das Gewebe durch den Wasserentzug spröde geworden war, legte man den Leichnam in ein gut temperiertes Balsambad. Je nach Konsistenz veränderte sich dadurch die Farbe der Haut. Mumien des Neuen Reiches haben oft eine rötliche Färbung, die Haut der Mumien aus der Spätzeit hatte eine helle Orangefarbe bis zu einem sehr dunklen Rot, Mumien der römischen Zeit sind fast ausnahmslos schwarz.

Den Körper mit Einbalsamierungsflüssigkeit füllen

Den Verstorbenen legte man nun auf eine Holzbahre, wo der überflüssige Balsam abtropfen konnte. Anschließend wurde der Körper auf die rechte Seite gelegt, um über den linken Schnitt den Körper mit Einbalsamierungsflüssigkeit füllen zu können.

Die Ingredienzien der Einbalsamierungsflüssigkeit

Von der 3. Zwischenzeit bis in die römische Zeit fanden sich in den meisten Mumien Harze und Teere aus Nadelbäumen, Bienenwachs und Bitumen (schwarzes Erdpech) sowie aromatisierende Öle aus Pflanzen. Im Mittleren und Neuen Reich nutzten die Einbalsamierer neben verschiedenen Harzen auch unterschiedliche Gummiarten (=Pflanzensäfte). An der Mumie Ramses’ II. z.B. fanden Wissenschaftler Rückstände einer gallertartigen Flüssigkeit der Pflanzengattung Tragant (Schmetterlingsblütler).

5. Füllung des Körpers

Die von den Eingeweiden entleerte Leibeshöhle füllte man nun mit Leinen oder Sägespänen aus. Dadurch versuchte man, den vom Wasserentzug eingefallenen Körper wieder natürlicher aussehen zu lassen.

Der linke Schnitt wurde vernäht, mit einem Siegel aus Wachs oder Gold verschlossen oder man steckte einfach ein Stoffbündel in den Schnitt.

Augenersatz

Bei wohlsituierten Verstorbenen polsterte man zusätzlich die Backen und legte künstliche Augen in die Augenhöhlen. Bei weniger betuchten Ägypter mussten auch mal bemalte Steine, Leinenbäusche oder sogar Zwiebeln als Augen herhalten.

6. Umwicklung mit Leinenbandagen – letzte Vorbereitungen für die Reise ins Jenseits

Der Körper wurde im letzten Schritt mit Leinenbandagen umwickelt. Dabei umwickelten die Einbalsamierer erst die einzelnen Finger und Zehen, dann die Hände und Arme, Füße und Beine und schließlich der Rest des Körpers.

Magische Amulette

Zwischen die Bandagen legten die Einbalsamierer magische Amulette zum Schutz des Verstorbenen. Auf den Kopf betteten sie eine Mumienmaske mit idealisierten Zügen – also mit einem jugendlichen und schönen Antlitz.

Netz aus Fayenceperlen und Blumenkranz

Über der letzten Schicht Leinen wurde dann ab der 21. Dynastie noch ein Netz aus Fayenceperlen gelegt, auf dem ein Herzskarabäus, die 4 Horussöhne und andere Schutzamulette genäht wurden. Darüber streifte man noch kunstvolle Blumenkränze.

70 Tage lang dauerte nach Herodot der Vorgang der Mumifizierung.