Recht und Ordnung in Ägypten

Natürlich gab es auch schon früher Polizisten, die im alten Ägypten für Recht und Ordnung sorgten. Was es nicht gab, war der Berufsstand Richter, es gab vielmehr Gerichtskollegien, die "kenbet" genannt wurden. Folgende waren bekannt:

1. Das Große kenbet: Es setzte sich aus hohen Staatsbeamten zusammen, die dem Vorsitz - dem Wesir - untergeordnet waren.
Hier wurden alle Prozesse geführt die Staatsangelegenheit waren, z.B. Besitzansprüche an Grund und Boden, denn damit wurden Steuern eingetrieben. Weiterhin wurden im Großen kenbet auch Grabräuberprozesse behandelt und das Vergehen von Beamten verurteilt, die in Ägypten oft korrupt waren.

2. Regionale Richterkollegien: Sie setzten sich aus dem Bezirksgouverneur und mehreren Priestern zusammen.
Die genaue Funktion ist nicht bekannt

3. kenbet aus der Arbeitersiedlung in Deir-el Medineh: Hier sind die meisten Quellen zur Rechtssprechung bekannt. Mitglieder waren Vorarbeiter, Schreiber und Arbeiter aus anderen ehrbaren Stellungen

Was wurde angeklagt?
Angeklagt wurden z.B. Diebstahl, Mord, nicht erfüllte Vereinbarungen, Ehebruch und Schläge in der Ehe

Prozessverlauf:
Einer der Anwohner trat als Kläger auf - das konnten übrigens auch Frauen oder Kinder sein. (So verklagten zwei Geschwister ihren Vater, weil er sie misshandelte und den Erbteil der verstorbenen Mutter vorenthielt. Die Klage wurde erhört und der Vater schließlich verurteilt). Das Gericht untersuchte den Fall und fällte schließlich das Urteil. Während des Verlaufs ging es anscheinend nicht gerade zimperlich zu: Während der Anhörung versuchte man durch Folterungen, wie z.B. Stockschläge, das Erinnerungsvermögen des Angeklagten ein wenig "aufzufrischen".

Das Urteil:
Das Urteil richtete sich nach der Schwere des Vergehens. Vergleichsweise "milde" Strafen waren: Strafzahlungen, Stockschläge, Konfiszierung des Besitzes und Zwangsarbeit. Im Neuen Reich begann man auch damit die Verurteilten zu verstümmeln: Mund, Nase und/oder Ohren wurden ihnen abgeschnitten. Bei besonders schweren Vergehen wurde auch mal das Todesurteil verhängt. In manchen Fällen mussten Verurteilte sogar Selbstmord begehen.
Das Lokalgericht in Deir-el Medinah hatte aber anscheinend nicht unbedingt die Macht das Urteil auch durchzusetzen. Etliche Strafverfahren wurden immer wieder aufgerollt, weil der Verurteilte einfach nicht dem Urteil nachkam. Die Bezahlung eines Topfes Fett wurde beispielsweise über ein Jahrzehnt lang prozessiert. Schwere Vergehen, wie z.B. Mord wurde übrigens an das Große kenbet weitergegeben. Andere Urteile wiederum ließ man sogar vom Gottesorakel entscheiden. Hierbei fällte der vergöttlichte Pharao, oder besser gesagt sein Kultbild, die Entscheidung bei einer Festprozession. Noch besser gesagt war es wohl eher ein Priester, der unbemerkt das Urteil fiel.

 


Dieses Gerichtsprotokoll aus der Zeit Ramses' IX beinhaltet das Geständnis eines Grabräubers:"...wir sammelten das Gold, das wir auf der ehrwürdigen Mumie dieses Gottes (=Königs) fanden zusammen mit seinen Amuletten und Juwelen, die an seinem Hals waren."
Papyrus Leopold II., wahrscheinlich aus Theben, 20. Dynastie, um 1110 v. Chr.