Die Erzählung des Schiffbrüchigen

Die Abenteuer eines Seereisenden

Die Erzählung des Schiffbrüchigen ist eine bekannte Geschichte aus dem alten Ägypten. Die hier vorliegende Übersetzung erfolgte so nah wie möglich am Original. Die Geschichte beginnt ohne erklärende Einleitung, doch konnte der Anfang durch den weiteren Verlauf gut rekonstruiert werden:

Ein Fürst sorgt sich bei seiner Heimkehr nach Ägypten darüber, wie er die erfolglose Expedition seinem König beibringen kann. Einer seiner Gefolgsmänner hört sein Klagen und kommt auf ihn zu:

Daraufhin sagte der fähige Gefolgsmann: „Mögest du heil sein, Fürst! Siehe, wir haben die Residenz erreicht. Der Schlegel wurde genommen, der Landepflock eingeschlagen. Das Bugtau wird aufs Land geworfen und es wird Lobpreis gespendet. Gedankt wird dem Gott und jeder umarmt seinen nächsten. Unsere Truppe ist wohlbehalten angekommen, nicht gab es eine Dezimierung unserer Truppen. Wir erreichten das Hinterland von Wawat, nachdem wir an der Insel Senmet (= Bigga, bei Assuan) vorbeigekommen sind. Siehe doch, wir sind gekommen in Frieden und unser Land, wir haben es erreicht.

Hieroglyphen Schiffbrüchige

Die ersten Zeilen des Schiffbrüchigen in Hieroglyphen

Höre auf mich, Fürst. Ich bin einer der frei ist an Übertreibung. Wasche dich und gib Wasser auf deine Finger. Mögest du antworten wenn du angesprochen wirst. Mögest du reden vor dem König wenn dein Herz bei dir ist (= wenn du dich gesammelt hast) und du antworten kannst, ohne zu stottern. Der Mund eines Mannes vermag ihn doch zu retten. Seine Rede vermag doch nachsichtig für ihn zu sein. (Aber) dein Tun ist gemäß deines Herzensbefinden, ermüdend ist es zu dir zu sprechen!

Die ersten elf Zeilen des Schiffbrüchigen auf hieratisch

Die einzig bekannte antike Ausgabe des Schiffbrüchigen ist in hieratisch geschrieben und befindet sich auf dem Papyrus pPetersburg 1115 aus der 12. Dynastie. Auf dem Bild ist eine Nachzeichnung der ersten elf Zeilen (zu lesen von rechts nach links und von oben nach unten) des Schiffbrüchigen auf hieratisch

Ich werde dir dennoch etwas Ähnliches erzählen, was mir selbst geschehen ist:

Ich zog los zum Bergwerk des Herrschers und ich stieg hinab zum Meer, hinein in ein Schiff von 120 Ellen Länge und 40 Ellen Breite. 120 Seeleute waren in ihm von Ägyptens Elite. Wenn sie den Himmel erblickten, so erkannten sie darin die Erde. Tapferer waren ihre Herzen als die von Löwen. Sie prophezeiten einen Sturm, noch bevor er kam, ein Unwetter, noch bevor es entstand.

Ein Sturm brach los, während wir auf dem Meer waren, noch bevor wir Land erreichen konnten. Das Segel wurde gehisst, er brach erneut los. Eine Welle von acht Ellen war in ihm (= den Sturm). Der Mast brach als sie zuschlug. Dann sank das Schiff. Die, die in ihm waren, nicht einer war mehr da.

Dann wurde ich auf eine Insel geworfen durch eine Welle des Meeres. Ich verbracht drei Tage, völlig alleine. (Nur) mein Herz war mein Gefährte. Ich schlief im Inneren einer Schutzhütte aus Holz, die mich mit Schatten umhüllte.

Dann habe ich meine beiden Beine gestreckt, um zu erkunden, was ich in meinem Mund geben könnte. Da fand ich Feigen, Weintrauben und allerlei herrliches Gemüse. Unreife Sykomoren waren dort mit reifen und Rosinen wie gemacht. Fische waren dort und Vögel. Nicht gab es das, was es nicht in ihrem (= der Insel) Inneren gab. Dann sättigte ich mich und legte es (= den Rest) auf die Erde, wegen der großen Menge in meinem Armen. Ich nahm den Feuerbohrer und so ließ ich ein Feuer entstehen und bereitete ein Brandopfer für die Götter vor.

Dann hörte ich ein Donnergrollen. Ich glaubte es war eine Welle des Meeres. Bäume knickten um und die Erde erzitterte. Ich enthüllte mein Gesicht und erkannte, dass es eine Schlange war, die da (auf mich) zukam. Sie war 30 Ellen lang und ihr Götterbart! – Er war größer als zwei Ellen. Ihr Körper war mit Gold bedeckt, ihre beiden Augenbrauen waren aus echtem Lapislazuli. Sie hatte sich aufgerichtet. Sie öffnete ihr Maul zu mir ( = in meine Richtung) und ich war auf meinem Bauch vor ihr.

Sie sprach zu mir: Wer hat dich hergebracht? Wer hat dich hergebracht, Wicht? Wer hat dich hergebracht? Wenn du zögerst mir zu sagen, wer dich auf diese Insel gebracht hat, so werde ich veranlassen, dass du dich kennenlernst, indem du wie Asche sein wirst – zu einem, der nie gesehen wurde! Sie redete zu mir, ich aber hörte es nicht. Ich war vor mir und erkannte mich nicht.

Dann packte sie mich in ihr Maul und sie schleppte mich zu ihrer Wohnstätte. Ohne mich zu berühren (= zu verletzen), legte sie mich ab. Ich war wohlbehalten, ohne dass mir etwas fehlte. Sie öffnete ihr Maul zu mir und ich war auf meinem Bauch vor ihr. Dann sprach sie zu mir: Wer hat dich hergebracht? Wer hat dich hergebracht, Wicht? Wer brachte dich auf diese Insel des Meeres, deren beiden Seiten im Wasser sind?

Dann antwortete ich es ( = folgendes) zu ihr und meine beiden Arme waren gebeugt vor ihr während ich zu ihr sprach: Es war ich, der hinabgestiegen ist zum Bergwerk in einer Herrschermission mit einem Schiff von 120 Ellen in Länge und 40 Ellen in Breite. 120 Seeleute waren in ihm von der Elite Ägyptens. Wenn sie den Himmel erblickten, so erkannten sie darin die Erde. Tapferer waren ihre Herzen als die von Löwen. Sie prophezeiten einen Sturm, noch bevor er kam, ein Unwetter, noch bevor es entstand. Ein Jeder davon, sein Herz war tapfer und stärker war sein Arm als der seiner Gefährten. Kein Dummkopf war in ihrer Mitte.

Ein Sturm brach los, während wir auf dem Meer waren, noch bevor wir Land erreichen konnten. Die Segel wurden gehisst, er brach erneut los. Eine Welle von acht Ellen war in ihm und der Mast brach als sie zuschlug. Dann sank das Schiff. Die, die in ihm waren, nicht einer meiner Art war noch da. Dann wurde ich zu dieser Insel gebracht durch eine Welle des Meeres.

Schiff aus Punt Tempel der Hatschepsut Neues Reich, 18. Dynastie

Schiff aus Punt
Tempel der Hatschepsut, Deir el Bahari
Neues Reich, 18. Dynastie

Da sagte sie zu mir: Fürchte dich nicht, Wicht. Dein Gesicht soll nicht erbleichen, du hast mich erreicht. Siehe, Gott hat es veranlasst, dass du lebst, und er hat dich auf diese Insel des Ka gebracht. Nicht gibt es das, was es nicht in ihrem Inneren gibt. Sie ist gefüllt mit allen Dingen, die gut sind. Siehe, du wirst verbringen Monat für Monat, bis du vier Monate vollendest im Inneren dieser Insel. Dann wird ein Schiff kommen von der Residenz und die Seeleute, die du kennst, werden in ihm sein und du wirst fortgehen mit ihnen zur Residenz und du wirst sterben in deiner Stadt. Oh, wie froh ist derjenige, der erzählen kann, was er geschmeckt hat, denn auch Dinge, die schmerzlich sind, gehen vorüber.

Aber ich möchte dir nun etwas damit vergleichbares erzählen, was auf dieser Insel geschehen ist. Ich lebte auf ihr zusammen mit meinen Gefährten. Auch Kinder waren unter ihnen. Mit meinen Nachkommen und Geschwistern, haben wir 75 Schlangen vervollständigt. Nicht möchte ich dir gegenüber die kleine Tochter erwähnen, die ich in weiser Voraussicht weggebracht habe (?)

Plötzlich fiel ein Stern herab und durch ihn gingen sie in Flammen auf. So geschah es, ohne dass ich dabei war. Dass sie verbrannten, ohne dass ich in ihrer Mitte war. Dann bin ich wegen ihnen gestorben als einer, der sie als einzigen Leichenhaufen vorfand.

Wenn du tapfer und du festen Herzens bist, dann wirst du deine Umarmung füllen mit deinen Kindern und du wirst deine Frau küssen. Du wirst dein Haus wiedersehen und dies ist schöner als alle Dinge. Du wirst die Residenz erreichen und du wirst inmitten von deinen Verwandten leben. Du wirst leben!

Ich lag ausgestreckt auf meinem Bauch, indem ich den Erdboden vor ihr berührte. Und ich sagte zu ihr: Ich werde dem Herrscher von deiner Macht berichten. Ich möchte veranlassen, dass er von deiner Größe erfahren wird. Ich möchte veranlassen, dass dir Öl, Lobpreis-Öl, Harze und Weihrauch aus der Tempelverwaltung gebracht werden, mit denen jeder Gott befriedigt wird. Ich werde erzählen was mir geschehen ist und was ich von deiner Macht gesehen habe. Gott wird für dich gepriesen werden in der einen Stadt angesichts der Gerichtsversammlung des ganzen Landes.
Ich werde für dich Stiere schlachten in einem Brandopfer, nachdem ich für dich Vögel geopfert haben werde. Ich möchte veranlassen, dass dir Lastschiffe gesandt werden, beladen mit allen Kostbarkeiten Ägyptens, wie das, was für einen Gott gemacht wird, der die Menschen liebt, in einem fernen Land, das die Menschen nicht kennen.

Da lachte sie über mich, über dieses, was ich ihrer Meinung nach törichterweise gesagt habe. Und sie sagte: Du bist nicht reich an Myrrhe, allem was es gibt, oder Weihrauch. Ich aber bin der Herrscher von Punt, und die Myrrhe, sie gehört mir. Jenes Lobpreis-Öl, von dem du sagtest, dass es gebracht werde: Der größte Teil davon ist von dieser Insel! Wenn es geschieht, dass du dich von diesem Ort trennst, dann wirst du niemals wieder diese Insel sehen.

Dann kam jenes Schiff, wie sie es zuvor prophezeit hatte. Da ging ich los. Als ich auf einem hohen Baum stieg, erkannte ich diejenigen, die auf ihm waren. Dann ging ich los, um es zu melden und ich fand sie, indem sie es (bereits) wusste. Dann sprach sie zu mir: Mögest du wohlauf sein, wohlauf sein, Wicht, bis zu deinem Zuhause. Du wirst deine Kinder dort wiedersehen. Nimm meinen guten Namen mit in deine Stadt. Siehe, dies ist mein Wunsch an dich.

Ich warf mich auf meinem Bauch, meine beiden Arme waren gebeugt vor ihr. Sie gab mir eine Schiffsladung Myrrhe, Lobpreis-Öl, Räucherwerk und Harz des „ti-Schepes“ Baumes, „Schasech“-Parfum, Augenschminke, Schwänze von Giraffen, große Klumpen Weihrauch, Stoßzähne von Elefanten, Windhunde, Meerkatzen, Affen und alle schönen Kostbarkeiten. Dann lud ich es in dieses Schiff und es geschah, dass ich auf meinem Bauch lag, um Gott für sie zu preisen.

Dann sprach sie zu mir: Siehe, du wirst in zwei Monaten zur Residenz gelangen. Dann wirst du deine Umarmung füllen mit deinen Kindern und du wirst wieder jung werden in der Residenz und du wirst (dort) bestattet werden.

Dann stieg ich hinab zum Ufer in die Nähe des Schiffes. Daraufhin rief ich der Mannschaft zu, die in diesem Schiff war. Am Ufer spendete ich Lobpreis für den Herrn dieser Insel, und die in ihm ( = dem Schiff) waren ebenso.

Nach zwei Monaten erreichten wir die Residenz, wie all das, was sie gesagt hatte. Dann trat ich vor dem Herrscher und ich brachte für ihn diese Gaben dar, die ich aus dem Inneren dieser Insel geholt habe. Dann pries er Gott für mich vor der Gerichtsversammlung des ganzen Landes. Da wurde ich zum Gefolgsmann befördert und wurde mit 200 Bediensteten ausgestattet. Siehe mich, nachdem ich das Land erreicht habe und nachdem ich zurückblicke auf das, was ich erlebt habe. Höre doch auf meine Rede! Siehe, gut ist es für Menschen zu hören!

Daraufhin sagte er zu mir: Mach hier mal nicht den Vortrefflichen, Freund! Wozu Wasser einem Vogel geben, wenn der Tag seines Schlachten-am-Morgen anbricht?

Es ist vollendet vom Anfang bis Ende, wie es als Schrift im Schriftstück gefunden wurde.
Der Schreiber, vortrefflich mit seinen Fingern, Amunys Sohn, Amuna, er möre leben, heil und gesund sein.

Papyrus Petersburg 1115, 12. Dynastie (ca. 1976-1795 v.Chr.)

Übersetzung: Carina Felske