Der Osiris-Mythos

Isis in Byblos - Die Lade im Tamarisken-Baum

Die Geschichte des Königskindes

Die Lade war zwischenzeitlich auf die Äste eines Tamarisken-Baumes gespült worden und er wuchs zu einem prächtigen Exemplar heran, der schließlich so groß wurde, dass er die Lade komplett umschloss und sie somit nicht mehr sichtbar war.

Schon bald sprach sich die Kunde von dem gigantischen Baum mit seinen wundervollen Blüten herum. Auch der König Malkander und seine Frau Königin Athenais hörten von ihm, ließen ihn fällen und als Pfeiler für ihren Palast aufstellen. Doch keiner ahnte, dass in dem Baum die Lade des Osiris steckte.

Die geheimnisvolle Frau

Isis‘ Suche war nach vielen Fehlschlägen nun doch noch erfolgreich. Eines Tages traf sie auf eine Gruppe von Kindern, die tatsächlich beobachtet hatten, wie die Lade in den Nil geworfen und wie sie von der Strömung nach Norden Richtung Meer geleitet wurde.

Daraufhin bestieg Isis ein Schiff und fuhr die Küste entlang bis nach Byblos. Sie ging von Bord und setzte sich schweigend an die Küste. Die Dienstmädchen von Königin Athenais, die zum Baden ans Meer gegangen waren, sahen die Frau dort sitzen und bewunderten sie aufgrund ihrer Schönheit und ihres wundervollen ägyptischen Kleides. Sie kamen mit Isis ins Gespräch und sie zeigte ihnen, wie sie ihre Haare flechten und am schönsten ihren Schmuck tragen könnten

Mit ihrem Atem überzog sie die Kleider der Mädchen mit einem wundervollen Duft. Als die Dienerinnen wieder in den Palast zurückgekehrt waren, fiel ihrer Herrin der atemberaubende Duft ihrer Kleider auf und sie erzählten von der geheimnisvollen Frau am Meer. Athenais ging zu der schönen Fremden. Sie waren sich sofort sympathisch und freundeten sich an. Sie lud Isis ein, mit ihr in den Palast zu kommen.

Das kranke Königskind

Im Palast angekommen, erfuhr Isis, dass der neugeborene Sohn der Königin an einer unheilbaren Krankheit litt. Isis versprach Athenais, den Säugling zu heilen. Doch nur unter der Bedingung, dass sie es auf ihrer eigenen Art und Weise und dies ohne Zeugen machen durfte. Die Königin willigte ein und ihr Sohn wurde unter Isis’ Händen von Tag und Tag stärker. Doch Athenais wurde neugierig und versteckte sich eines Abends im Kinderzimmer, um Isis bei ihrem Handeln zu beobachten. Und was sie sah erschrak sie sehr.

Die „närrische Mutter“

Als Isis die Tür hinter sich verschlossen hatte, ließ sie eine hohe, züngelnde Flamme erscheinen, in der sie das Kind legte. Sie verwandelte sich in eine Schwalbe, die in die Lüfte stieg und klagend um die Flamme herum flog. Die Königin erwachte nun aus ihren Schrecken, riss panisch ihr Kind aus der Flamme und rannte aus dem Raum. Doch plötzlich stand eine Frau vor ihr. Es war nicht die Fremde sondern die Göttin Isis in Person.

‚Närrische Mutter‘, schalt Isis sie. Nur noch wenige Tage und alles Sterbliche wäre aus dem Körper des Kindes verbrannt gewesen und es wäre göttlich und unsterblich geworden. Die Königin bereute ihre Tat zutiefst. Doch wenigstens hatte ihr Kind seine Krankheit überwunden und so waren sie und ihr Gemahl der Göttin Isis sehr dankbar. Die beiden fragten die Göttin, was sie ihr als Dank zum Geschenk machen könnten.

Doch Isis verlangte nur nach dem hölzernen Pfeiler und König und Königin gaben ihr diesen verwundert zum Geschenk.

Osiris‘ Befreiung

Der Djed-Pfeiler, ein Symbol für Stabilität und Dauer, galt als Wirbelsäule des Osiris. Hier richtet Pharao Sethos I. zusammen mit der Göttin Isis den Pfeiler auf. Das Aufrichten des Djed-Pfeilers galt Triumph Osiris gegen Seth. Tempel von Abydos, Neues Reich, 19. Dynastie

Der Djed-Pfeiler, ein Symbol für Stabilität und Dauer, galt als Wirbelsäule des Osiris.
Hier richtet Pharao Sethos I. zusammen mit der Göttin Isis den Pfeiler auf. Das Aufrichten des Djed-Pfeilers galt Triumph Osiris gegen Seth.
Tempel von Abydos, Neues Reich, 19. Dynastie

Isis ließ sogleich nach Zimmermännern rufen, die den Stamm aufschlugen und die Lade aus ihm herausholten. Überglücklich ließ sie den Stamm wieder zusammenbinden und hüllte ihn in weißes Leinen. Sie bestreute ihn mit Blumen und Gewürzen und gab ihn dem König und der Königin zurück (von da an sollen die Menschen in Byblos den „Djed-Pfeiler“ verehrt haben und auch in Ägypten galt er als Schutzsymbol und Glücksbringer).

Isis‘ schreckliche Klage

Als Isis nun auf die Lade mit ihrem toten Gemahl blickte, versank sie wieder in allergrößter Trauer. Sie setzte sich auf die Lade und ihr Klagegesang war so schrecklich, dass einer von den Söhnen des Königs vor Angst dahinschied.

Isis nahm schließlich die Lade mit dem Körper ihres toten Mannes, lud sie auf ihr Schiff und segelte wieder Richtung Heimat. Mit an Bord war der älteste Sohn des Königs von Byblos. Auf ihrer Reise öffnete Isis die Lade und klammerte sich tieftraurig an den Körper ihres Mannes. Der Sohn des Königs schlich sich von hinten an sie heran, um einen Blick in die Lade zu werfen. Doch als Isis ihn bemerkte, versah sie ihn mit einem so furchterregenden Blick, dass er auf der Stelle tot umfiel.