Medizin und Krankheiten

Die Kunst des Heilens

Wir wissen heute so einiges über die Heilkunst der ägyptischen Ärzte, u.a. dank des medizinischen Papyrus Ebers (benannt nach Georg Ebers, der den Papyrus 1872/73 für das Leipziger Museum erwarb), der irgendwann nach 1800 v. Chr. entstanden sein muss.

Er ist eine Art Leitfaden für Ärzte, denn in ihm sind Untersuchungsregeln, Diagnosen, Therapien und Heilungsaussichten vermerkt. Daneben beinhaltet er auch magische Texte (die Unterstützung der Götter konnte man ja immer gebrauchen) und kurze Einweisungen in die Anatomie. Diese mutet mit unserem heutigen Wissen allerdings sehr seltsam an.

Magie und Medizin

Für die alten Ägypter war beides kein Widerspruch. Bei den magischen Ritualen wurden Götter angerufen und angefleht, die Krankheit der betreffenden Person zu heilen. Es gab dabei keinen Leitfaden, bei welchen Krankheiten die ägyptischen Ärzte Magie und bei welchen sie „normale“ Behandlungsmethoden verwendeten. In den meisten Fällen erhoffte man sich eine Genesung durch die Kombination beider Methoden.

Zaubersprüche und göttlicher Beistand

Egal ob die Krankheit durch unerklärliche Umstände (z.B. Fieber) oder durch Ungeschick oder Unachtsamkeit (z.B. Skorpionstich) hervorgerufen wurde – ein Dämon war, wie bereits oben erwähnt, in der Regel immer in Spiel. Ein böser Dämon konnte einen Skorpion dazu angestachelt haben, den Patienten zu stechen. Das Fieber, das für die Ägypter auf unerklärliche Art und Weise nach so einem Stich auftrat, konnte ebenfalls von einer übelgelaunten höheren Macht stammen. Und neben einer angesetzten Therapie oder eines zusammengebrauten Heilmittels konnte es bestimmt nicht schaden, mit Hilfe von Zaubersprüchen ebenfalls Genesung zu erflehen und zusätzlich auch noch nach göttlichem Beistand zu rufen.

Rezitiert wurden die Zaubersprüche hauptsächlich vom Arzt. Es gibt Vermutungen, dass ein spezieller Magier die Sprüche aufsagte, was aber noch zu beweisen wäre. In einigen Fällen musste der Patient auch selbst darum bitten, dass der böse Dämon seinen Leib verlässt.

Die Regeln der Magie

Der Arzt bzw. der Patient durfte die Sprüche aber keinesfalls einfach so herunterspulen. Sie mussten mehrere Male wiederholt werden (zumeist vier oder sieben Male; die Vier und die Sieben galten als magische Zahlen), der Rezitierende musste vorgegebene Kleider oder Objekte (z.B. eine Pflanze) tragen und bestimmte Formeln durften nur zu einer bestimmten Tageszeit vorgetragen werden. Bei einem Spruch durfte auch keinesfalls ein Esel in der Nähe sein (der Esel galt als Tier des bösen Gottes Seth).

Es gab verschiedene Behandlungsmethoden mit Zaubersprüchen:

  • Der Patient und dessen Krankheit wurde mit Göttern gleichgesetzt und Vergleiche aus der Mythologie gezogen und zitiert (Beispiel: in einem Mythos verletzte der böse Gott Seth den Gott Horus am Auge. Bei einer Augenverletzung war der Patient also der Gott Horus, die Verletzung sein Feind Seth. Also wurde die Göttin Isis angerufen, um ihren Sohn Horus (den Patienten) vor Seth (der Krankheit) zu beschützen.
  • Bei den so genannten „Begleitsprüchen“ rezitierte der behandelnde Arzt die Zaubersprüche bei seinen Handlungen (beim Verabreichen von Medizin, beim Auftragen einer Salbe oder beim Lösen eines Verbandes)
  • Der Arzt erkannte den bösen Gott oder den Dämon, der die Krankheit ausgelöst hatte und nannte ihn bei seinem Namen. „Fließe aus, Schnupfen, Sohn des Schnupfens, … komme heraus auf die Erde, verfaule, verfaule!“2 Der böse Dämon „Sohn des Schnupfens“ sollte mit dem Spruch möglichst schnell aus dem Körper des Patienten verschwinden.
  • Der Patient musste sich den Spruch „einverleiben“, indem ein Spruch auf die Hand des Patienten geschrieben wurde und dieser ihn ablecken musste. Bei einer offenen Wunde schrieb der Arzt einen magischen Spruch oder legte ein Amulett direkt an die Stelle des Verbandes, der auf die Wunde gelegt wurde.
  • Der Patient musste schutzbringende Amulette tragen, die teilweise zusätzlich mit einem heilenden Gebräu getränkt wurden. Götter-Modelle aus Ton oder Wachs wurden auf die zu behandelnde Stelle gelegt oder als Orakel für den Ausgang einer Krankheit benutzt.
  • Der Arzt rezitierte magische Worte bei der Zusammensetzung eines Heilmittels (es gab dazu noch bestimmte Sprüche für einzelne Ingredienzien wie Öl, Honig und Bier sowie für Hilfsmittel wie Messbecher und Scheffel)
  • Krankheiten wurden mittels Magie auf Tiere übertragen
Der ibisköpfige Weisheitsgott Thot galt als der Verfasser von sechs medizinischen Texten und wurde daher besonders häufig um Genesung gebeten Grab des Sennedjem, Theben-West Neues Reich, 19. Dynastie

Der ibisköpfige Weisheitsgott Thot galt als der Verfasser von sechs medizinischen Texten und wurde daher besonders häufig um Genesung gebeten
Grab des Sennedjem, Theben-West
Neues Reich, 19. Dynastie

Beliebte Götter für die Genesung

Am häufigsten wurde der Gott Thot angerufen, der als Verfasser von sechs medizinischen Texten galt (über den Körperbau, über Krankheiten, über die Geräte des Arztes, über Heilmittel, Augenkrankheiten und Frauenleiden). Ein weiterer wichtiger Gott war Horus, der über den bösen Gott Seth siegte und somit Sinnbild für einen erfolgreichen Kampf gegen alles Üble war. Die löwenköpfige Sachmet war ebenfalls eine gern angerufene Göttin, denn sie galt sowohl als Verursacherin von Krankheiten als auch als Heilerin der von ihr verursachten Unpässlichkeiten.

Arzneien und Rezepturen

Die Arzneien der ägyptischen Ärzte wurden aus etlichen pflanzlichen und tierischen Stoffen hergestellt. Die Produkte wurden aber im Gegensatz zu heute nicht gewogen sondern in Volumen gemessen. Die kleinste Einheit war ein „ro“ und entspricht ungefähr 14 Milliliter. Die Heiler gingen dabei sehr akribisch zur Sache. Die überlieferten Rezepturen konnten bis zu 37 Komponenten enthalten.

160 Pflanzenprodukte

Insgesamt gab es mindestens 160 Pflanzenprodukte, wie z.B. Myrrhe, Datteln oder Sellerie. Da es keine detaillierten Pflanzenbeschreibungen gibt, ist es den Ägyptologen bis heute noch nicht gelungen, alle verwendeten Pflanzen eindeutig zu bestimmen. Bisher sind nur ungefähr 30 identifiziert.

Bei den Tierprodukten wurde z.B. Honig für die Heilung von Magen-Darm-Verstimmungen und Brandwunden sowie Geschwüren benutzt. Honig hat eine keimabtötende Wirkung, seine Verwendung war bei weniger schlimmen Fällen also durchaus von Erfolg gekrönt.

Die Heilkräfte der Mineralien

Neben den tierischen und pflanzlichen Produkten kannten die alten Ägypter aber auch schon die Heilkräfte von Mineralien. So wurde ein Gemisch aus Natronsalzen auf die Wunde gelegt, um den Eiter aus ihr rauszuziehen. Das Umranden der Augen mit Malachit war nicht nur modisch sondern auch keimtötend

Erfolgreich gegen Bandwürmer

Auch viele andere Rezepturen waren nach Meinung der heutigen Mediziner erfolgreich. Der Papyrus Ebers schlägt z.B. eine Rezeptur „Zum Töten der Schlange im Bauch“ vor (mit der Schlange ist mit ziemlicher Sicherheit ein Bandwurm gemeint). Die Zutaten waren die Wurzel eines Granatapfelbaumes, Wasser und Tau. Die Wirkstoffe der Rezeptur sind Pyridin-Alkaloide, die das Nervensystem des Bandwurmes lähmen, so dass er sich von der Darmwand löst und schließlich ausgeschieden werden konnte.

Meister der Chirurgie

Medizinische Instrumente Kom Ombo

Relief eines Schrankes mit medizinischen Instrumenten.
Tempel von Kom Ombo
Ptolemäer-Zeit

Erfolgreicher als die Ärzte des 20. Jahrhunderts

Während die ägyptischen Ärzte in ihren Behandlungsmethoden mal mehr, mal weniger erfolgreich waren, schienen sie im Bereich der Chirurgie über sich hinauszuwachsen. Sie konnten erfolgreich Kopfverletzungen verarzten, in dem sie die Kopfhaut aufschnitten, Knochensplitter vorsichtig herausnahmen und anschließend die offene Wunde wieder vernähten. Damit waren die Heiler der alten Ägypter erfolgreicher als die Ärzte Anfang des 20. Jahrhunderts.

Erfolgreiche Amputationen

Sogar Amputationen wurden erfolgreich durchgeführt. Bei der Mumie einer Frau fanden die Forscher eine Holzprothese für den großen Zeh, den die Frau – die Nutzungsspuren bezeugen dies – zu Lebzeiten tatsächlich angelegt hat. Zudem zeugt ein gut verheilter Amputationsstumpf von dem Können ihres behandelnden Arztes. Doch auch bei anderen Mumien fanden Forscher Belege für gut durchgeführte Amputationen, bei denen Gliedmaßen entweder abgeschnitten oder abgesägt wurden. Die Patienten mussten nach dem schweren Eingriff noch einige Zeit gelebt haben, denn die Stümpfe waren wie bei der oben genannten Patientin gut verheilt.

Desweiteren konnten die ägyptischen Heiler auch Knochenbrüche schienen und sogar eine Art Gipsverband anlegen. Sie nähten offene Wunden zu und renkten erfolgreich Schultern und Unterkiefer ein.

2zitiert aus Wolfhart Westendorf, Erwachen der Heilkunst. Medizin im alten Ägypten, S.29