Vor dem Totengericht des Osiris

Das Totengericht

Eine Waage entscheidet über das Schicksal

Der Verstorbene betrat eine große Halle. Über ihm saßen 42 Götter, vor ihm thronte der Totengott Osiris hinter einer großen Waage. Der schakalköpfige Anubis nahm das Herz des Verstorbenen und legte es auf eine Waagschale, als Gegengewicht lag eine Feder oder eine kleine Statuette der Göttin Maat auf der anderen Waagschale. Der ibisköpfige Gott Thot stand daneben, um das Ergebnis zu protokollieren.

Totengericht im Grab des Menna

Der Schreiber Menna steht vor dem Totengericht des Osiris.
Auf der linken Waagschale liegt das Herz des Grabherrn, auf der rechten eine kleine Statue der Göttin Maat. Hier überprüft der Gott Horus die Wägung, während Thot oben das Ergebnis niederschreibt. Der Totengott Osiris beobachtet die Szene.
(Eine weitere Totengericht-Szene findet ihr unter → Das Totenbuch)
Grab des Menna (TT69), Theben-West
Neues Reich, 18. Dynastie

Das negative Sündenbekenntnis

Während die beiden Waagschalen hin- und herpendelten begann der Tote das „Negative Sündenbekenntnis“ zu rezitieren.

„(…) Ich habe kein Unrecht gegen die Menschen begangen,
und ich habe keine Tiere mißhandelt.
Ich habe nichts „Krummes“ anstelle von Recht getan.
(…)
Ich habe keinen Gott beleidigt.
Ich habe kein Waisenkind an seinem Eigentum geschädigt.
(…)“
nach E. Hornung: Das Totenbuch der Ägypter
Spruch 125, S. 234

Der Verstorbene betonte mit seinem negativen Sündenbekenntnis, dass er nichts Unrechtes getan hatte. Er habe immer die Maat, die für Gerechtigkeit und Ordnung steht, befolgt. Durch sein sündenfreies Leben war er dazu berechtigt, im Reich des Totengottes Osiris bis in alle Ewigkeit zu leben.

Die Namen der 42 Götter

Der Verstorbene sagte daraufhin die Namen und Herkunft der 42 Götter auf, die dem Totengericht beiwohnten:

„O Weitausschreitender, der aus Heliopolis hervorgeht:
ich habe kein Unrecht getan.
O du, der die Flamme umarmt, der aus Cheraha hervorgeht:
ich habe nicht gestohlen.
(…)
nach E. Hornung: Das Totenbuch der Ägypter
Spruch 125, S. 236

War das Herz frei von Sünde und Unrecht?

War das Herz scher von Sünde, verschlang es die "große Fresserin" und der Verstorbene war auf ewig verdammt

War das Herz schwer von Sünde, verschlang es die „große Fresserin“ und der Verstorbene war auf ewig verdammt
Tempel von Deir el Medinah, Theben-West
griechisch-römische Zeit

Die Mitglieder des Totengerichts waren aber erst überzeugt, wenn das Herz des Verstorbenen genauso leicht wie das Gegengewicht der Maat war – das Herz des Verstorbenen also frei von Sünde und Unrecht.

Die „große Fresserin“

Unter der Waage lauerte die „Große Fresserin“ Ammit, ein Mischwesen mit dem Hinterteil eines Nilpferdes, dem Vorderteil eines Löwen und dem Kopf eines Krokodils.

Wenn das Herz so voll von Sünden war, dass es schwerer war als die Symbole der Maat, verschlang die „Große Fresserin“ das Herz des Unglückseligen und er war verdammt an einem Ort zu leben, der unserer Vorstellung der Hölle sehr ähnlich war.