Fettnäpfchenführer Ägypten

von Brigitte Jäger-Dabek

„Lernen Sie mit unseren Protagonisten, wie man fettnäpfchenfrei durch Ägypten kommt“. Dieser Satz im Vorwort des „Fettnäpfchenführer Ägypten“ drückt schon bestens aus, was dieses Buch erreichen will: kulturelle Unterschiede und Vorurteile abzubauen und damit das Leben und das Reisen in Ägypten zu erleichtern.

Die (fiktiven) Protagonisten des Fettnäpfchenführers sind Jürgen und Karin Schröder, die es nach Ägypten zieht. Nicht etwa um dort, wie so viele andere Deutsche, Urlaub zu machen, sondern des Berufs wegen. Jürgen Schröder wird von seiner Firma in das hochmoderne IT-Zentrum Smart Village in Kairo versetzt, um die dortigen Mitarbeiter zu schulen.

Irrungen und Wirrungen in der Großstadt Kairo

Nun müssen sich die Schröders herumschlagen mit den Irrungen und Wirrungen der Großstadt Kairo. Das Leben dort ist für die beiden Deutschen, die völlig unvorbereitet sind, nicht einfach. Zwei gänzlich verschiedene Kulturen prallen aufeinander und daher gibt es Missverständnisse an jeder Ecke. Doch an ihrer Seite stehen Assad Hamzawy, ein Kollege Jürgen Schröders, und dessen Frau Karima, sowie Hani El Zawak mit seiner deutschen Frau Monika. Sie helfen den Schröders, und somit auch dem Leser, sich in Kairo und mit den Menschen dort zurechtzufinden.

Das Buch ist in 4 große Kapitel unterteilt

  1. Die Schröders und das Leben in Ägypten
  2. Die Schröders im ägyptischen Geschäftsleben
  3. Die Schröders und die ägyptischen Benimmregeln
  4. Die Schröders und der Islam

Geschichten aus dem Alltag

In den einzelnen Kapiteln werden dazu passende Geschichten aus dem Alltag erzählt. Das können ganz banale Dinge sein, wie einen Ägypter nach dem Weg zu fragen, oder aber wichtigere Ereignisse, wie ein Geschäftsessen. Immer wieder angesprochen wird hier der Dresscode, bei dem Jürgen Schröder eigentlich immer daneben liegt. Mal erscheint er zu einem Empfang mit hellbeiger Hose und kurzärmligen Hemd, dann bei einem Firmenfest mit kurzer Hose, was zur allgemeinen Belustigung beiträgt, denn ein nacktes Männerbein gilt in Ägypten nicht gerade als attraktiv.

Nachdem eine kurze Begebenheit der Schröders erzählt wurde, folgt ein Kapitel mit so aussagekräftigen Überschriften wie „Was ist denn hier schiefgelaufen?“ oder die Steigerung „Was ist denn da dermaßen schiefgegangen“, in dem die Aufklärung durch ihre ägyptischen Freunde erfolgt und vor allem durch Monika, die sich nach 25 Jahren in Ägypten mit den Gepflogenheiten mittlerweile auskennt.

„Knigge“-Anleitungen und weiterführende Infos

Des Weiteren befinden sich am Ende von einigen Unterkapiteln zudem noch „Knigge-Anleitungen“, z.B. wie man sich in einer Moschee verhalten sollte. Doch auch einige weiterführende Informationen, die zum besseren Verständnis der ägyptischen Kultur beitragen (Warum gibt es ein Bilderverbot im Islam? Warum existieren Khawaja-Preise (Touristen-Preise)? usw.), sind in dem Fettnäpfchenführer zu finden.

Während einige Kapitel über kulturelle Missverständnisse berichten und wie man ihnen bestmöglich aus dem Weg geht, berichten andere darüber, wie man in der ägyptischen Gesellschaft gut zurechtkommt, wobei das eine das andere oft nicht ausschließt. Schmunzelnd las ich Herrn Schröders Versuch, einen Ägypter nach dem Weg zu fragen, was natürlich völlig in die Hose geht. Meine Erfahrung hat das ein oder andere Mal ebenfalls gezeigt, dass die Ägypter aus reiner Höflichkeit einen Weg genannt haben, obwohl sie ihn anscheinend gar nicht wussten. Ganz pragmatisch folgt natürlich gleich der passende Tipp dazu: am besten gleich mehrere Ägypter fragen und dann den Weg wählen, den die Mehrheit beschrieben hat.

Hintergründe der ägyptischen Gesellschaft

Obwohl die Bereiche aus dem ägyptischen Geschäftsleben für einen Normal-Touristen auf den ersten Blick eher weniger interessant sind, helfen sie einem, die Hintergründe der ägyptischen Gesellschaft zu verstehen. Allen voran wäre da natürlich die Vetternwirtschaft, die für unser deutsches Rechtsbewusstsein völlig unverständlich ist. Als Assad Jürgen zu einem seiner Freundestreffen mitnimmt, ist er einerseits sehr stolz auf seinen deutschen Freund, andererseits nutzt er aber auch die Gelegenheit, ihm einen gut qualifizierten ägyptischen Freund vorzustellen und so entpuppt sich das zwanglose Treffen bald zu einem Vorstellungsgespräch. In Ägypten ist es ganz normal, einem Hochrangigen seine halbe Verwandtschaft und seine Freunde zu empfehlen. Für die Ägypter ist es selbstverständlich, einer nahestehenden Person zu helfen und ihr einen Job zu verschaffen.

In diesem Kapitel findet man gar Parallelen zum alten Ägypten, als sich die Höhergestellten mit mannigfaltigen Rängen und Titeln schmückten. So soll es auch heute noch ein absoluter Fauxpas sein, seine Geschäftspartner nicht mit Titeln wie Muhedins (Ingenieur) oder Doktor anzusprechen.

Der Islam

Sehr schön und interessant ist das letzte Kapitel geschrieben, bei dem es um die Missverständnisse des Westens gegenüber dem Islam geht. Doch auch der intensive Glaube der Ägypter und warum der Islam in den letzten Jahren wieder einen größeren Stellenwert in der ägyptischen Gesellschaft gefunden hat, ist Gegenstand dieses Buches, das dieses Thema sensibel und vorurteilsfrei aufgreift.

Kritik – manchmal zu pauschalisierend

Das Buch treibt sowohl die Ägypter als auch die Ausländer von einer extremen Ecke in die nächste. Nicht alle Ägypter werden so reagieren, wie es in dem Buch geschrieben steht. Die Reaktionen der Schröders auf ihre Umwelt empfinde ich teilweise als sehr übertrieben. Ich denke dabei vor allem an den beschriebenen Moschee-Besuch, bei dem Frau Schröder eine derartige Respektlosigkeit den Betenden gegenüber an den Tag legt, dass es an Peinlichkeit kaum zu überbieten ist.

Dennoch ist der „Fettnäpfchenführer Ägypten“ eine große Hilfe, die kulturellen Unterschiede zwischen uns „Westlern“ und den Ägyptern richtig zu verstehen. Ich konnte noch vieles lernen und einiges für meine letzte Kairo-Reise mitnehmen. Ein durchaus empfehlenswerter Ratgeber und Leitfaden für den nächsten Ägypten-Aufenthalt.