Der Grabräuber

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Nemenhat stammt aus einer Familie von Grabräubern. Schon früh begleitet er seinen Vater und Großvater auf ihren Raubzügen. Allerdings ist dies kein wirklich einträgliches Geschäft, denn die meisten Gräber sind bereits geplündert oder enthalten nur ärmliche Grabbeigaben. Zudem steht auf Grabraub die Todesstrafe und so ist die Familie stets auf der Flucht. Nach dem Tod des Großvaters versucht Nemenhats Vater, Schepsenure, ein ehrliches Leben zu beginnen. Aber die Arbeit als Tischler bringt nicht genug ein, um seinen Sohn und sich zu ernähren. Daher geht Schepsenure schließlich auf das Angebot des zwielichtigen Schreibers Anch ein, der die Lage einiger reicher Gräber kennt. Doch Schepsenure ist vorsichtig: Er vergräbt seinen Anteil an der Beute und arbeitet weiter als Tischler. Nur ab und zu verkauft er einen Ring oder ein Amulett, um das Überleben zu sichern. So leben er und Nemenhat jahrelang sehr zurückgezogen, aber sorglos und in Frieden in Memphis.

Schepsenure freundet sich mit dem Einbalsamierer Seneb an, der zusammen mit seiner intelligenten Tochter Nubet sehr gottesfürchtig ist und nach den alten Traditionen lebt. Dies steht in völligem Gegensatz zur Einstellung von Nemenhat und Schepsenure, die nicht an die Götter glauben und mit der wichtigsten Tradition Ägyptens ja bereits gebrochen haben. Von diesem Teil ihres Lebens darf daher niemand je erfahren.
Nemenhat arbeitet zunächst in der Tischlerwerkstatt seines Vaters, interessiert sich aber viel mehr für das pulsierende Leben im Hafen. So nimmt er schließlich eine Stellung bei dem reichen phönizischen Händler Hiram an, der im Hafen von Memphis mit den verschiedensten Waren handelt. Dabei stellt sich Nemenhat so gut an, dass Hiram ihm immer wichtigere Arbeiten anvertraut und ihn schließlich zu seiner rechten Hand macht. Nun hat Nemenhat einen einträglichen Beruf und führt eigentlich ein zufriedenes Leben.
Als es für Schepsenure und Nehmenhat scheint, als könnten beide endlich ein ehrliches und anständiges Leben führen, werden sie von den Schatten ihrer Vergangenheit eingeholt. Der Schreiber Anch strebt ein hohes Amt an und muss dazu eine weiße Weste haben. Hierfür muss er die beiden einzigen Personen loswerden, die über seine früheren Geschäfte Bescheid wissen.

Antonio Cabanas macht es seinen Lesern nicht leicht. Das 600 Seiten starke Buch hat keinerlei Unterteilungen, keine Abschnitte, nicht einmal Kapitel. Zudem macht er am Anfang der Geschichte noch nicht einmal einen größeren Absatz! Der Text geht einfach seitenlang hintereinander weg. Erst auf Seite 25 findet sich die erste Leerzeile. Das ist schon rein formal sehr anstrengend zu lesen.
Was aber danach folgt, ist eine durchaus interessante und auch gut erzählte Geschichte, der man allerdings anmerkt, dass Cabanas möglichst viele seiner Fachkenntnisse darin unterbringen wollte. So versucht er anscheinend, sämtliche bekannten und unbekannten Götternamen irgendwie zu erwähnen. Oder er unterbricht den Fluss der Handlung, um dann seitenlang zu erzählen, wie die innen- oder außenpolitischen Umstände zu dieser Zeit waren oder wie die Thronfolge während verschiedener Dynastien verlief. Das vermittelt manchmal den Eindruck, als hätte er die Geschichte „um sein Wissen herum“ geschrieben. Andererseits macht für mich einen guten Ägyptenroman eben gerade aus, dass ich auch etwas über das Leben, die Wissenschaft oder die Geschichte dieser einmaligen Hochkultur erfahre. Und dazu tragen diese Einschübe zweifelsohne bei, wenngleich ein geschickterer Autor dieselben Informationen vielleicht in die Handlung hätte integrieren können. Aber auch innerhalb der Geschichte finden sich sehr detaillierte Beschreibungen bspw. über die Ingredienzen damaliger Arzneien (denn Nubet beschäftigt sich mit Heilkunde) oder über die einzelnen Schritte beim Einbalsamieren einer Leiche (denn Nubets Vater ist Einbalsamierer) oder auch über die Lebensumstände ganz einfacher Menschen. Dabei gelingt es ihm sehr schön, aufzuzeigen, warum der Niedergang Ägyptens gerade in dieser Epoche seinen Anfang nahm.

Zusätzlich bemüht sich Cabanas, stets die originalen Ausdrücke bspw. für Ämter oder Städte zu verwenden und diese dann in Fußnoten auch zu erklären. Das ist nicht nur interessant sondern manchmal auch lehrreich. Etwas überrascht dabei allerdings, dass er dann seine Figuren die Höhe von Bauwerken in »Metern« angeben lässt. Aber das ist nur ein kleiner Schönheitsfehler.
Weil sich die meisten Romane ja mit dem Leben der Pharaonen oder reicher Adliger beschäftigen, hat Cabanas seine Geschichte bewusst in der untersten Gesellschaftsschicht angelegt. Er wollte einen Roman über die Lebensumstände der einfachen Leute schreiben. Und das ist ihm m.E. auch gut gelungen. Vielleicht ist ihm nicht die ganz große Charakterentwicklung der einzelnen Figuren geglückt und manche Szene finde ich etwas „platt“ dargestellt, z.B. wenn Schepsenure überfallen wird und die Räuber anschließend auf ihn urinieren. Letztes hätte er getrost weglassen können. Aber insgesamt finde ich die Geschichte inhaltlich durchaus interessant, bisweilen sogar packend. Außerdem schafft es der Autor durch seine genauen und ausführlichen Beschreibungen, dass einem die Handlungsorte fast plastisch vor Augen treten.

Es gibt ja eine Reihe von Büchern, in denen eine wirklich gute Geschichte erzählt wird, die aber außer den Namen der Personen und Orte mit Ägypten nicht viel zu tun hat. Und daneben gibt es hochkompetente Ägyptologen, die zwar Fachwissen vermitteln, aber einfach nicht gut schreiben können. Ein guter Ägyptenroman muss für mich aber beides haben: sowohl eine interessante Geschichte als auch Details über das Ägypten der beschriebenen Zeit. Und dieser Roman hat beides. Für denjenigen Leser, der sich auf die etwas schwierige Schreibweise und die manchmal abschweifenden Exkurse einlassen kann, ist dies daher ein sehr interessantes Buch.

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