Die Baumeisterin

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Nefrit ist vier Jahre alt, als ihr Vater Kamose, ein armer Bauer, sein Feld verkauft und mit ihr in die frühere Hauptstadt Mempi fährt, um sich dort als Pyramidenarbeiter zu verdingen. Während ihr Vater als Steinschlepper arbeitet, freundet sich Nefrit mit dem obersten Schreiber der Baustelle an, der ihr Lesen und Schreiben beibringt und sie später zu seiner Gehilfin macht. Als sie älter wird, lässt sie sich zum Schreiber und zur Architektin ausbilden und wird schließlich oberste Baumeisterin für die Pyramiden des Pharaos Senefru, der in seiner Amtszeit insgesamt drei Pyramiden baut.

Nefrit ist ein starkes und eigenwilliges Mädchen, das stets nur das macht, was es will. Auch hohen Würdenträgern gegenüber vertritt sie standhaft ihre Meinung, was ihr den Respekt des Wesirs und sogar des Pharaos einbringt. Ohne Scheu tritt sie auch Gesandten anderer Länder gegenüber und knüpft zu einigen gute Kontakte, so dass der Pharao sie später auch als Unterhändlerin einsetzt.

Barbara Goldstein siedelt ihre Geschichte am Beginn der Pyramidenzeit an. Nachdem Pharao Djoser die Stufenpyramide errichtet hatte, versuchte sein Nachfolger Senefru (wir sagen heute Snofru), eine echte Pyramide mit glatten Seiten zu bauen. Wieviele Schwierigkeiten es dabei gab, ist noch heute sichtbar an der sogenannten „Knickpyramide“, bei der man mitten im Bau gezwungen war, den Neigungswinkel der Seiten zu ändern. Die Herausforderung, vor die der Pharao seine Baumeister stellte und deren verzweifeltes Bemühen, die Pläne in Einklang mit den physikalischen Gesetzen zu bringen, wird in dieser Geschichte ganz hervorragend deutlich.

Barbara Goldstein hat für ihren ersten historischen Roman viel recherchiert und schafft es, einiges von diesem Wissen auch an den Leser weiterzugeben. Wenn Kamose seiner kleinen Tochter Nefrit die Krönungsfeierlichkeiten erklärt, dann lernt auch der Leser, wie diese ablaufen und versteht bspw., wie man damals die Jahre zählte. Und wenn Nefrit langsam die Bedeutung der einzelnen Schrift- und Zahlzeichen lernt, dann kann der Leser gleich mitlernen. Insbesondere über den Bau der Pyramiden erfährt man natürlich einiges, wobei sich die Autorin hier auf manche noch unbewiesene Behauptung stützen muss, denn noch heute wird ja gerätselt, wie genau die Arbeiter es schafften, die schweren Steinblöcke in die Höhe zu wuchten. Es geling ihr aber sehr schön, aufzuzeigen, was für ein Mammutprojekt so ein Bau war und wie riesig die Baustelle samt der Unterkünfte für zigtausende von Arbeiten gewesen sein muss.

Die Geschichte von Nefrit, die immer auf sich allein gestellt ist und die sich gegen alle Widerstände durchsetzt, ist ziemlich gut geschrieben. Goldstein schafft es in der ersten Hälfte des Romans, dass sich ein Band zwischen Leser und Hauptfigur bildet; man kann nicht anders, als dieses starke Mädchen zu bewundern. An manchen Stellen übertreibt sie es aber für meinen Geschmack ein wenig. Dass Nefrit für die vielen Respektlosigkeiten gegenüber hochgestellten Personen niemals bestraft wird, ist schwer nachzuvollziehen; dass sie bereits mit 12 Jahren Verantwortung im Pyramidenbau übernehmen darf, ebenfalls. Sehr frei geht Nefrit auch mit ihrem Liebesleben um. Dass sie gefühlt mit der Hälfte aller im Roman vorkommenden Männer das Bett teilt, mag für ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit sprechen, ist aber nicht so ganz das klassische Verhalten einer Romanheldin.

Auch einige andere Handlungsteile wunderten mich, z.B. wenn Vater Kamose, der als Bauer nie Lesen und Schreiben gelernt hat, dem Pharao aus dem Stegreif die bei einer Pyramide wirkenden physikalischen Kräfte erklären kann oder wenn die doch sonst so selbstbewußte Nefrit einen Prinzen heiratet, obwohl sie ihn nicht liebt. Und dass die Damen am Hofe des Pharaos ausgerechnet mittels Bulämie ihre schlanke Gestalt bewahren, wäre auch nicht wirklich nötig gewesen.

Das Wichtigste an einem Roman ist aber immer die Geschichte und die Frage, wie sehr sie den Leser fesseln kann. Ich habe das über 600 Seiten starke Buch immer wieder gerne zur Hand genommen, weil ich wissen wollte, wie es Nefrit weiter ergeht. Insbesondere der Anfang der Geschichte ist toll geschrieben und bis weit in die Mitte hinein hat mich das Buch wirklich begeistert. Im letzten Drittel wirkt die Handlung dann etwas bemüht und konnte mich nicht mehr recht überzeugen. Das Ende kann die Versprechen des Romanbeginns daher nicht ganz halten. Dennoch ist dies ein lesenswertes Buch, geschrieben von einer Autorin, der man die Liebe zur altägyptischen Kultur anmerkt.

Das Buch erschien bereits 2005 und wurde 2012 im Amazon Selbstverlag unter dem Titel »Die Herrin der Pyramiden« und 2013 erneut als »Die Baumeisterin« herausgebracht.

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