Im Dienst der Pharaonen

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Dieses äußerst ungewöhnliche Buch verfolgt ein Jahr im Leben einer ägyptischen Familie zur Zeit Ramses II. in der Hauptstadt Waset. Nebetiunet, genannt Nebet, arbeitet in der Kleiderkammer des Tempels. Gleichzeitig steht sie einem großen Haushalt vor. Ihr Mann Amenmose, Sekretär des Wesirs Paser, hat einen einträglichen Beruf und liebt Nebet. Aber bei sechs Kindern und neun Bediensteten gibt es natürlich trotzdem jede Menge Unruhe und Sorgen im Haus.
So hat Nebets jüngste Tochter soeben ihre Monatsblutung bekommen und ist damit nach ägyptischer Sitte zur Frau geworden. Zwei ihrer Söhne brechen ihre Ausbildung zum Schreiber ab. Der eine wegen einer (damals unheilbaren) Sehschwäche, der andere, weil er vom Soldatenleben träumt. Er meldet sich freiwillig zum Heer und zieht in den Krieg. Die mittlere Tochter ist zwar schwanger, aber mit einem Mann verheiratet, von dem Nebet nicht weiß, ob er ihre Tochter wirklich liebt. Die älteste Tochter dagegen hat einen guten Ehemann, hat ihm aber in mehreren Ehejahren bislang noch kein Kind geboren, was in der ägyptischen Gesellschaft einen wirklichen Makel darstellt. Nebets mütterliche Fähigkeiten werden bei diesen sechs Kindern also wirklich gebraucht.
Und auch unter den Bediensteten läuft nicht alles reibungslos. Die alte Köchin hat ihren eigenen Kopf und lässt sich nichts sagen und die junge Iset, die Nebet zur Kammerfrau ausbilden soll, ist frech und hat anscheinend überhaupt keine Lust, die ihr aufgetragenen Arbeiten zu erledigen. Viel lieber streitet sie sich mit Nebets jüngster Tochter. All diese Probleme versuchen Nebet und Amenmose mit Fürsorge und Liebe zu bewältigen. Und das ist wahrlich nicht einfach. Richtig problematisch wird es aber erst, als Amenmoses Vater stirbt und seine unverheiratete Schwester Satra auch noch in die ohnehin schon beengt lebende Familie aufgenommen werden muss. Die alleinstehende Schwester kann sich nicht in die Familie integrieren bringt mit ihrer schnippischen und verletzenden Art jede Menge Ärger in den Haushalt.

Das Ungewöhnliche an diesem Buch ist: Der Roman hat eigentlich keine Handlung. Es wird keine Geschichte erzählt, die irgendwo anfängt, Irrungen und Wirrungen übersteht und dann zu einem Ende kommt. Der Leser nimmt einfach ein Jahr lang teil am Leben von Nebet und ihrer Familie. So erfährt man komprimierter und detaillierter als in allen anderen Romanen, die ich bisher gelesen habe, wie das Alltagsleben einer ägyptischen Mittelstandsfamilie ausgesehen haben mag. Der Leser lernt z.B., welche Lebensmittel die Familie selbst anbaute, welche haltbar gemacht wurden und welche sogar auf dem Markt verkauft werden konnten. Oder welche Zutaten in den gebräuchlichen Speisen waren. Oder welche Stoffe verwendet wurden, um hochwertige Kleidung herzustellen. Man „erlebt“ zusammen mit Nebets Familie Feiertage, eine Geburt, eine Begräbniszeremonie, eine Prozession des Königshauses, Auszug und Rückkehr des Heeres und vieles mehr, was das ägyptische Leben ausmachte. Und man erkennt, wie sehr der ägyptische Alltag vom Glauben an die Götterwelt beeinflusst wurde, denn die alte Köchin kennt viele Zaubersprüche und Heilformeln, und wo selbst sie nicht mehr weiter weiß, gibt es immer noch die Priester oder professionelle Beschwörer.

Der Roman folgt auch formal einem ägyptischen Kalenderjahr. Er ist, den drei Jahreszeiten mit jeweils vier Monaten folgend, in 12 Kapitel eingeteilt und hat einen kurzen Epilog unter der Überschrift „Die fünf Zusatztage am Jahresende“.
Am Anfang des Romans kehrt Nebet mit ihrer Tochter von der Neujahrsfeier zurück und macht zunächst einmal einen Kontrollgang durch ihr Haus, um zu sehen, ob nach ihrer mehrtägigen Abwesenheit noch alles an seinem Platz ist. Bei diesem Rundgang vom Keller bis zum Dach erfährt der Leser ganz genau, wie Nebets Haus aufgebaut ist. Zusammen mit der Grundrisszeichnung am Anfang des Buches begreift man leicht, welche Funktionen in welcher Etage untergebracht waren und welche Zimmer von den Bediensteten bzw. den Familienmitgliedern bewohnt wurden. Eine Toilette hat es bspw. im Keller gegeben, erfährt man hier.
Im Gegensatz zu anderen Romanen beschreibt dieses Buch Alltagsszenen und Personen, ohne dass diese Erzählung einem Zweck dient, wie z.B. dem Vorantreiben eines Handlungsstrangs oder der Entwicklung der Figuren. Nach kurzer Eingewöhnung fand ich es faszinierend, einfach dem ägyptischen Alltagsleben zusehen zu können. Die Sorgen und Nöte einer Mutter zu teilen, deren Kinder durch schwierige Entwicklungsphasen gehen. Einer Frau, die mit einem Ehemann, sechs Kindern und neun Bediensteten einen sehr großen Haushalt führen muss, die daneben dennoch einen Beruf ausübt und in ihrer „Freizeit“ auch noch im Chor der Göttin Mut singt. Man versteht, welchen Belastungen die Frauen in jener Zeit ausgesetzt waren und warum ihre Lebenserwartung so viel niedriger war, als die der Männer. Auf die besondere Rolle des Geburtsvorgangs und die damit verbundenen Gefahren für Mutter und Kind wird in diesem Zusammenhang deutlich hingewiesen.
Einer der wenigen Kritikpunkte der „Geschichte“ ist die plötzliche Charakterwendung der Schwester Satra. Dies hätte die Autorin besser vorbereiten oder zumindest langsamer beschreiben müssen. Vielleicht deutet das auf mangelnde literarische Qualitäten der Autorin hin. Aber Hilary Wilson wird sich mit diesem Buch wohl ohnehin nicht als große Schriftstellerin platzieren wollen. Ihre Stärken liegen auf einem anderen Gebiet, nämlich der detailreichen Erzählung und der historisch präzisen Beschreibung. Und darin kann sie wirklich glänzen.

Ein wenig formale Kritik an die Adresse des Verlags: Es ist ein Witz, dass als Inhaltsauszug auf Seite 2 die einzige Stelle der Erzählung zitiert wird, in welcher von Ramses und Nefertari die Rede ist. Beide sind in dieser Passage Teil einer Prozession im Rahmen des Opetfests und ziehen, bewegungslos auf einem Schiff sitzend, langsam an den Zuschauern am Ufer vorüber, unter denen auch Nebet mit ihrer Familie sitzt. Und diese Szene hat nur den Zweck, zu beschreiben, welch hohen Stellenwert es für die Bevölkerung hatte, das gottgleiche Königspaar sehen zu dürfen und mit welchen Vorbereitungen und Riten ein solcher Tag von der gesamten Familie begangen wurde. Ansonsten kommt der größte ägyptische Pharao samt seiner Familie im Buch nicht vor. Vielleicht wollte man mit diesem Textauszug trotzdem auf das altbekannte Klischee setzen, nämlich dass ein Ägyptenroman von einem Pharao und dessen Taten handelt. Der Auszug vermittelt hier jedoch ein völlig falsches Bild und steht einem Verlag, der ein so außergewöhnliches Buch herausbringt, nicht gut zu Gesicht.
Positiv erwähnt werden muss der Anhang, in welchem kurz aber informativ einige in der Geschichte vorkommende Fakten erläutert werden, z.B. der ägyptische Kalender, die Bedeutung der Titel der Personen, sowie die Information, welche der Romanfiguren wirklich gelebt haben. Hilfreich ist auch die Auflistung der handelnden Personen mit ihren vollen Namen, dem Alter, Beruf und vor allem ihren Kose- oder Rufnamen. Denn es ist am Anfang nicht leicht, zu begreifen, wer denn mit „Muti“, „Ameni“ oder „Mimi“ gemeint ist, wenn keines der Familienmitglieder tatsächlich so heißt. Wer das Buch beginnt, sollte sein Lesezeichen gleich in diese Seite des Anhangs stecken, um ab und zu dort nachsehen zu können. Eine Liste der Götter und der verwendeten Königsnamen rundet diese Zusatzinformation ab. Abgeschlossen wird der Anhang von einer Zeichnung, wie Waset (das heutige Luxor) zur Zeit Ramses II. ausgesehen haben mag.

Ich komme zurück zum Anfang: Dieses Buch hat eigentlich keine Handlung. Es ist daher nicht spannend. Es weckt auch keine großen Gefühle. Die Charaktere werden lediglich angedeutet, aber nicht besonders herausgearbeitet. Das Buch hat nichts von all dem, was ich bislang für einen guten Roman wichtig fand. Vielleicht ist dies auch gar kein Roman sondern eher eine Art Dokumentation. Als hätte ein Kamerateam von »Arte« eine Zeit lang eine ägyptische Familie begleitet. Ohne zu kommentieren oder zu werten. Einfach nur, um zu zeigen, wie es war. Und diese Dokumentation ist ziemlich gut gemacht. Sie hat mich durch ihre Ungewöhnlichkeit, ihre Gradlinigkeit und vor allem durch ihre historische Qualität fasziniert. Ein echter Tipp für Leser, die sich für all die kleinen Details interessieren, die in anderen Romanen so oft zu kurz kommen.
Und wenn am Ende des Buches das ägyptische Jahr mit den fünf Feiertagen zuende geht und Nebets Familie sich versammelt, um die Mutter zu ehren, dann hat der Leser einen sehr guten Eindruck davon bekommen, wie diese Familie gelebt hat und wie das alte Ägypten (vielleicht) wirklich gewesen ist.

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