Tage des Ra

von

Bai, ein nach Macht strebender Beamter am Hofe des Pharaos Merenptah, hat ein heimliches Verhältnis mit der Prinzessin Henutmira. Als sie schwanger wird, tut er alles, um dies zu verheimlichen. Denn wenn sein „ungebührliches“ Verhältnis bekannt würde, wäre seine Karriere am Hofe beendet. Aber er bringt es nicht fertig, seine beiden neugeborenen Zwillingssöhne wie geplant zu töten. Statt dessen gibt er sie getrennt in befreundete Familien. Niemand – auch sie selbst nicht – darf je erfahren, wer sie wirklich sind, denn die Tatsache, dass göttliches Blut in ihren Adern fließt und sie somit eine potenzielle Gefahr für die Thronfolge darstellen, wäre ihr sicherer Tod und Bais Ende als Hofbeamter.

So wachsen der verkrüppelt geborene Djehuti und sein schöner Bruder Irinefer getrennt und ohne Wissen voneinander auf. Bai behält seine Söhne im Auge, fördert ihre Entwicklung aus dem Hintergrund und schützt sie, so gut ihm das heimlich möglich ist. Aber auch so hat er genug zu tun, denn die Tatsache, dass am Hofe ein Spion sein Unwesen treibt und dass Bai der scharfsinnigen aber kaltherzigen großen königlichen Gemahlin verpflichtet ist, machen sein Leben und seinen weiteren Aufstieg schwierig. Zu allem Überfluss kommt es nach dem Tode Merenptahs zum Bruderkampf zwischen Sethos und Amenmesse. Beide beanspruchen den Pharaonenthron für sich. Das Land zerfällt in zwei Teile und Bai muss sich für eine Seite entscheiden.

Diese Spaltung trifft auch Pa-Tíme, das Dorf der Handwerker für die Ausgestaltung der Königsgräber, die nun von zwei Pharaonen Aufträge für die Errichtung von Grabstätten erhalten, natürlich verbunden mit dem Verbot, eine ebensolche für den jeweiligen Widersacher anzulegen. Der ruhige und gütige Vorarbeiter Neferhotep ist eher Pharao Sethos zugetan. Sein Stellvertreter und Stiefsohn, der jähzornige Steinmetz Paneb, stellt sich dagegen in den Dienst von Pharao Amenmesse. Und als dieser für seinen Kampf gegen Sethos immer mehr Gold braucht, wird Paneb für ihn zum Grabräuber und schließlich auch zum Mörder. Als nach dem Tode Neferhoteps, in dessen Haus Irinefer inzwischen lebt, der gewalttätige Paneb zum Vorarbeiter der Handwerkerkolonnen aufsteigt, bricht eine düstere Zeit für Irinefer und alle Bewohner Pa-Tímes an.
Immer wieder kreuzen sich die Lebenswege Bais und seiner Söhne und es fällt Bai dabei immer schwerer, das Geheimnis zu hüten. Als schließlich beide Söhne in bzw. in der Nähe Pa-Tímes leben, ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann die Wahrheit ans Licht kommen muss.

Dieser 1000 Seiten starke Roman hat es wirklich in sich: Mehrere sich umrankende Handlungsstränge, genaue Charakterzeichnungen, große Gefühle, eine Fülle historisch belegter Details, eine ebensolche Fülle von Originalzitaten und Sprüchen, geschrieben in einer Sprache, die sich um Authenzität der Namen, Ausdrücke und Lebensumstände bemüht und das alles vor einem geschichtlich stimmigen Hintergrund.
Aber Judith Mathes hat nicht nur sehr genau recherchiert, sie hat vor allem eine wirklich fesselnde Geschichte geschrieben. Das Los der beiden Jungen, die im Laufe ihres Lebens so viel Leid erfahren, hat mich tief bewegt. Im unaufhaltsamen und doch stets spannenden und unvorhersehbaren Finale des Buches musste ich das ein oder andere mal mit den Tränen kämpfen, so groß war die Identifikation und das Mitleid mit den Hauptfiguren. Selten habe ich mit so großem Bedauern gesehen, wie die Zahl der ungelesenen Seiten immer geringer wurde. Man möchte, dass diese Geschichte nicht zuende gehen und man die liebgewonnen Figuren nicht verlieren muss.

Ein ganz großer Roman, der alles hat, was mich an einem Buch begeistern kann: Eine bewegende Geschichte, stimmige Charaktere, eine große Liebe, ein spannendes Finale und die Identifikation mit den Hauptfiguren. Plus ein Nachwort, in dem die Autorin sehr detailliert sagt, welche Teile der Geschichte historisch verbürgt sind, welche Fakten sie aus dramaturgischen Gründen ein bisschen „verbiegen“ musste und was gänzlich erfunden ist. Plus ein Personenverzeichnis, aus dem hervorgeht, welche Romanfiguren historisch belegt und welche fiktiv sind. Plus exakte Karten, aus denen sogar die Lage der Häuser hervorgeht, in welchen die historischen Personen wirklich gelebt haben. Plus ein umfangreiches Glossar aller verwendeten ägyptischen Ausdrücke. Plus eine Genealogie der späten 19. Dynastie. Plus eine Übersicht über die im Roman auftauchenden Königsnamen, sowohl die Eigennamen als auch die Thronnamen incl. ihrer Übersetzungen ins Deutsche. Bei diesem Buch bleiben wirklich keine Wünsche offen – außer dem einen, dass es nie zuende gehen möge…

In seiner Verbindung von fesselnder Geschichte, hervorragend recherchierten historischen Details und reichlichem Begleitmaterial ist dieses Buch für mich die absolute Referenzklasse unter den Romanen aus dem alten Ägypten.

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