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Die Pyramiden von Giza

Hrsg: Jürgen Sorge

Das Buch enthält 33 mehr oder weniger kurze Reiseberichte über die Besuche verschiedener historischer Persönlichkeiten bei den großen Pyramiden. Die Spannbreite der Autoren reicht dabei von Herodot (5. Jh. v.Chr.) bis zu Frida Schubart (20. Jh.). Unter ihnen sind sowohl wissenschaftlich orientierte Autoren (Belzoni, Lepsius) als auch prominente Persönlichkeiten (Fürst von Pückler, Kaiser Franz Josef von Österreich) und daneben auch ganz einfache Privatleute. Und so unterschiedlich, wie die Autoren, sind auch die Inhalte der Berichte. Mal wird in nur wenigen Sätzen der Gesamteindruck festgehalten, den die gigantischen Bauwerke auf die/den jeweiligen Reisende/n machten, ein anderes Mal haben wir es mit einer sehr detaillierten Beschreibung zu tun, wie man die Pyramiden erklettern konnte oder wie die engen Gänge und Kammern innerhalb der Pyramiden aussahen, in denen sich die Besucher teilweise nur kriechend fortbewegen konnten. Mancher Reisende ist überwältigt, ein anderer ist enttäuscht. Es gibt poetische Berichte, welche die Farben und Stimmungen einer Wüstennacht beschreiben, andere Reisende machen sich Gedanken über die wirtschaftlichen Auswirkungen des zunehmenden Tourismus. Wieder andere stellen wissenschaftliche Überlegungen zu Geometrie, Architektur und Bauweise an. Und Manchen ereilt die philosophische Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit im Angesicht der scheinbar unvergänglichen Ewigkeit; so wie es der Satz des arabischen Schriftstellers Abdallatif zum Ausdruck bringt: »Alles fürchtet die Zeit – die Zeit aber fürchtet die Pyramiden«.

Sowohl den Berichten selbst als auch den kurzen Einleitungen des Herausgebers kann man einige interessante Informationen entnehmen. Zum Beispiel die, dass die Cheops-Pyramide, würde man sie mit den heutigen technischen Mitteln nachbauen, ca. 3,5 Mrd. Euro kosten würde und dass man dafür mehr als 8 Jahre, aber nur ca. 68 Arbeiter benötigen würde. Oder jene, dass der Alabastersarg Sethos I. so fein gearbeitet ist, dass man eine Kerze durch das Material hindurchschimmern sieht. Interessant auch, dass die Beduinen damals eine Art „Aufzugsservice“ für die Reisenden erfanden, indem sie diese mit großer Geschwindigkeit an beiden Händen die Stufen der Pyramiden hinaufzogen.
Weniger informativ, dafür aber unterhaltsam ist die Bemerkung Kaiser Franz Josefs, dass man den voraneilenden Beduinen dabei weit unter ihr einziges Bekleidungsstück sehen konnte, und wahrscheinlich genau das der Grund dafür sei, warum manche Engländerinnen so gerne und so häufig die Pyramiden besuchten. Ebenfalls amüsant der Bericht einer Dame, die nach dem Besuch der Pyramiden feststellen musste, dass sie während der „Hilfestellung“ durch die Beduinen um ihre Geldbörse erleichtert worden war.

Der Herausgeber Jürgen Sorge ordnet die Reiseberichte chronologisch an und stellt jedem Bericht eine kurze Personenbeschreibung voran, aus der hervorgeht, welchen Bezug der oder die jeweilige Autor/in zu Ägypten hatte und wann die Reise stattfand. Oft umreißt er auch kurz die politische Lage oder die gesellschaftlichen Verhältnisse in Ägypten zur jeweiligen Zeit. Im Anhang sind die wichtigsten Daten zu den großen Pyramiden und ihren Erbauern zusammengefasst. Daneben findet sich eine Literaturliste mit den 33 Quellen der Reiseberichte, aus denen hier ja nur kurze Auszüge abgedruckt sind.

Durch die chronologische Anordnung der Berichte lässt sich sehr schön verfolgen, wie sich die Erkenntnisse über die Pyramiden im Laufe der Zeit verändert haben, und zwar sowohl, was ihre Erbauung, als auch was ihren Zweck angeht. Im Laufe der Geschichte hielt man die Pyramiden u.a. für Bollwerke gegen den Wüstensand, Wasser- oder Getreidespeicher, Orientierungspunkte für die Wüstenwanderungen oder für Sternenwarten. Die Berichte zeigen in einer Art Zeitreise auch diese Entwicklung von Mythen und Märchen bis hin zum modernen Kenntnisstand.
Am eindrucksvollsten fand ich die wenigen Berichte über die Begehung des Inneren der Pyramiden. Sich vorzustellen, wie man dort im 18. Jahrhundert mit einer Kerze in der Hand durch die dunklen Gänge kroch und versuchte, eine Kammer zu finden, von der frühere Besucher behauptet hatten, dass es eine solche gäbe, muss ein Abenteuer und ein großes Wagnis gewesen sein. Ebenso faszinierend fand ich die „Goldgräberstimmung“, die z.B. in dem Bericht Giovanni Belzonis deutlich wird, der nach langem Suchen als erster Mensch nach tausenden von Jahren den Eingang in die Chephren-Pyramide fand.

Ein ganz neuer Blick eröffnete sich mir allerdings auf Herodot durch dessen Bericht. Herodot wird ja mancherorts als „Vater“ der ägyptischen Geschichtsschreibung gesehen, auf dessen Beschreibungen so manche Information über das alte Ägypten beruht. Sein Bericht über den Bau und die Finanzierung der Pyramiden aber hat in Teilen derart phantastische Züge, dass er eher wie ein Märchen klingt, und nicht wie die angebliche Auswertung priesterlicher Aufzeichnungen. Und auch seine eigenen Erkundungen vor Ort rufen leichtes Stirnrunzeln hervor. So gibt er an, er habe Längen und Höhen selbst gemessen und die große Pyramide sei acht Plethren breit und ebenso so hoch. Mit einfachsten geometrischen Mitteln (man zeichne ein Dreieck in ein Quadrat) hätte man aber darauf kommen können, dass „Höhe=Breite“ einen viel steileren Neigungswinkel ergibt, als dies bei den Pyramiden der Fall ist. Ein Anhänger der Lehren seines Landsmanns Pythagoras war er also nicht gerade…

Natürlich kann bei einer Zusammenstellung so unterschiedlicher Fragmente aus über 2000 Jahren kein einheitliches Werk entstehen. Das war sicher auch nicht die Absicht des Herausgebers. Er wollte vermutlich einfach nur zeigen, wie die gewaltigsten Bauwerke der Menschheit auf ihre Besucher wirkten und ob sich diese Wahrnehmungen im Laufe der Zeit verändert haben. Und dies gelingt ihm auch. Außerhalb dieses Ansatzes sind jedoch nur wenige der Berichte wirklich interessant. Viele sind recht kurz (33 Berichte auf ca. 135 Seiten) und manche fand ich einfach nur banal. Zudem wiederholt sich natürlich Vieles. Wenn man zum fünften Mal liest, wie die Beduinen die/den Reisenden die Pyramide hochzogen, dann ist man versucht, diese Seite zu überspringen und mit etwas anderem weiterzumachen.

Interessant ist das Buch wohl hauptsächlich für solche Leser, die sich für historische Reiseliteratur im Allgemeinen oder für die Geschichte der Erkundung der Pyramiden im Besonderen interessieren. Aber auch der „normale“ Ägypteninteressierte findet hier sicher die ein oder andere neue Information über die Pyramiden. Und wer das Plateau von Giza selbst schon besucht hat, wird vielleicht ein wenig wehmütig werden ob der Freiheiten, die man noch vor 100 Jahren dort hatte, als man die Pyramiden noch besteigen und sogar seinen Namen in die Spitze ritzen durfte.

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