Kairo: Alltag und Ausnahmezustand

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Ein Jahr in Ägypten. Ein Jahr in einem Land, das seit der Revolution 2011 nicht mehr zur Ruhe gekommen ist. Krisen, Missstände und viele Tote hat das Land seitdem zu beklagen. Insbesondere die Hauptstadt Kairo glich einem Pulverfass und genau dort hinein wagte sich Anfang 2013 der Deutsche Matthias Fabian. Ein Jahr lang besuchte er eine dort ansässige Sprachschule und lernte Alltag und Menschen in einer hochbrisanten Zeit kennen.

Es ist Anfang 2013, die Muslimbrüder sind an der Macht, doch es brodelt bereits in Ägypten. Fabian erlebt die neue Revolution, die Absetzung Mursis durch das Militär und den unaufhaltsamen Aufstiegs des Generals Al-Sisi.

Der Autor erzählt uns aus seinem Alltag in Ägypten. Es sind kleine, kurzweilige Geschichten, die ohne großen Faden aneinandergekettet sind. Doch jede dieser kleinen Geschichten hat ihren besonderen Reiz und erzählt vom alltäglichen Leben und Problemen in der Großstadt: Der ordnungsliebende Deutsche trifft auf das chaotische Kairo – da sind skurrile Situationen natürlich vorprogrammiert. Da wäre der ägyptische Elektriker, der eine Energiesparlampe einfach aus der Fassung bricht und über dem ein Funkenregen sprüht als er ohne die Sicherung vorher rauszunehmen einfach ein Stromkabel mit der Zange durchzwackt. „Jetzt ist die Sicherung draußen“ sagt er grinsend und man kann einfach nicht anders, als über den für die Ägypter so typischen Witz und Charme zu lachen.

Doch es gibt auch Momente, in denen der eben genannte ordnungsliebende Deutsche nur den Kopf schütteln kann, wie Fabians Erlebnis in dem berühmt berüchtigten Verwaltungsgebäude Mogamma in Kairo. Für die Verlängerung seines Visums musste er zwei Tage lang mehrere Schalter abklappern und sich in meterlange Schlangen einreihen. Und da meckern wir Deutschen über eine halbe Stunde Wartezeit in unseren Behörden. Das Erlebnis Mogamma endete dann auch noch in einer Verlängerung des Visums für drei Monate, anstatt der gewünschten sechs Monate.

Doch neben diesen kleinen, unterhaltsamen Anekdoten berichtet Fabian auch über das politische Kairo und seine Auswirkungen. Es ist ein Zwiespalt zwischen Tradition und Moderne, Muslimbrüdern und Al-Sisi Anhängern, den Revolutionären, die nicht aufgeben wollen, und denen, die es einfach nur noch leid sind. Ägyptens Bevölkerung ist in viele kleine Teile zerbrochen. Auf der einen Seite ist da der politische Vertreter der Muslimbrüder, der in einem Interview auf die kritische Frage, was er denn gegen den explosionsartigen Bervölkerungszuwachs und die damit verbundene Probleme zu tun gedenke, antwortete, es wäre doch toll, dass der islamische Glaube die am schnellsten wachsende Religion der Welt sein. Auf der anderen Seite ist da der 15-jährige junge Mann, dessen Eltern von seiner ersten Liebe über seine Facebook-Seite erfahren, während der ältere Bruder Monate gebraucht hatte, um es seinen Eltern irgendwie beizubringen.
Auch Freunde und Bekannte von Fabian sind sich oft uneins. Doch glücklicherweise endet hier vieles in fruchtbaren Diskussionen, während auf den Straßen Kairos Ägypter gegen Ägypter kämpfen.

Der Autor hat eine Momentaufnahme der ägyptischen Gesellschaft eingefangen, fernab von der einseitigen Berichterstattung, die uns von den Medien unter die Nase gehalten wird. Ein hochinteressantes und brisantes Buch über „Alltag und Ausnahmezustand“ in Kairo.

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