Hypatia

Der aus der Sklaverei in die Freiheit entlassene Schreiber Thonis will sein Glück im reichen Alexandria versuchen, das von den Griechen verwaltet wird. Alexandria ist in dieser Zeit ein brodelnder Schmelztiegel, in dem nicht nur Ägypter und Griechen aufeinander treffen sondern auch mehrere unterschiedliche Religionsgruppen. Neben den Anhängern der „alten Götter“ gibt es auch Juden und Christen in der Stadt und die Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Gruppen verschärfen sich von Tag zu Tag.

Mit etwas Glück findet Thonis eine Anstellung bei der Gelehrten Hypatia, die am Musaion, der griechischen Hochschule, Vorlesungen über Philosophie hält. Ihre auf Mathematik, Astronomie und Logik basierende Weltsicht stößt allerdings bei Vielen auf Unverständnis, von denen sie als „gottlos“ verunglimpft wird. Insbesonderem dem immer mächtiger werdenden christlichen Bischof Kyrill ist die Freidenkerin ein Dorn im Auge.

Hypatia gerät schließlich zwischen alle Fronten und auch Thonis muss sich für eine Seite entscheiden, als sein alter Lehrer Petrus, der inzwischen im Dienst des Bischoffs steht, von ihm Informationen über seine Herrin fordert. Und Petrus lässt keinen Zweifel daran, wie ernst ihm die Sache ist.

Der Roman spielt ca. 400 n.Chr. in der Zeit, da Ägypten unter der Herrschaft von Griechen und Römern stand und ihnen als Kornkammer diente. Alexandria wird zwar von einem griechischen Statthalter regiert, aber die religiösen Führer der Juden und Christen drängen ebenfall danach, Alexandrias Geschicke zu bestimmen.

Es ist erschreckend, wieviele Parallelen zur Jetztzeit bestehen: religiöse Gruppen, denen man Anschläge zutraut, und Einheimische, die sich von den vielen Fremden im eigenen Land bedroht fühlen und „Ägypten den Ägyptern“ rufen.

Dabei schildert Arnulf Zitelmann die Zuspitzung der Ereignisse relativ emotionslos. Keine seiner Figuren löst beim Leser tiefe Gefühle aus. Nicht einmal die Liebesgeschichte oder das brutale Zusammenschlagen des Helden konnte mich wirklich berühren. Trotzdem ist die Geschichte um die ungewöhnliche Hypatia irgendwie interessant und konnte mich phasenweise sogar fesseln. Zitelmann schafft es außerdem insbesondere in den Beschreibungen des Haushalts der Hypathia, dem ägypteninteressierten Leser auch den Flair der damaligen Epoche zu vermitteln, wenn er z.B. über die Angestellten oder deren Mahlzeiten oder Feste schreibt.

Der Roman zeigt zudem, wie Ägypten endete: als politisch bedeutungslose Provinz unter einem griechischen Statthalter und einem römischen Kaiser. Die alten Götter werden kaum noch verehrt und das aufkommende Christentum verbreitet sich überall, sogar unter den Ägyptern. Die Konflikte ztwischen den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen müssen gerade im griechisch orientierten Alexandria zu massiven Konflikten geführt haben.

In diesem Buch geht es nicht in erster Linie um Ägypten; es geht um die historische Figur der Hypatia, die eine der ersten großen Frauengestalten der Antike war und die von religiösen Fanatikern grausam ermordet wurde. Heute ist leider nur wenig über diese Anhängerin der Lehren Platons und Sokrates‘ bekannt. Keine ihrer Schriften blieb erhalten. Es ist daher schön, dass Zitelmann sie mit seinem Buch ein wenig aus dieser Vergessenheit herausholt. In einem Nachwort stellt er dann auch die wenigen bekannten Fakten vor, die ihm als Grundlage für seine Geschichte dienten.

Das könnte Dich auch interessieren