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Hypatia

Der aus der Sklaverei in die Freiheit entlassene Schreiber Thonis will sein Glück im reichen Alexandria versuchen, das von den Griechen verwaltet wird. Alexandria ist in dieser Zeit ein brodelnder Schmelztiegel, in dem nicht nur Ägypter und Griechen aufeinander treffen sondern auch mehrere unterschiedliche Religionsgruppen. Neben den Anhängern der „alten Götter“ gibt es auch Juden und Christen in der Stadt und die Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Gruppen verschärfen sich von Tag zu Tag.

Mit etwas Glück findet Thonis eine Anstellung bei der Gelehrten Hypatia, die am Musaion, der griechischen Hochschule, Vorlesungen über Philosophie hält. Ihre auf Mathematik, Astronomie und Logik basierende Weltsicht stößt allerdings bei Vielen auf Unverständnis, von denen sie als „gottlos“ verunglimpft wird. Insbesonderem dem immer mächtiger werdenden christlichen Bischof Kyrill ist die Freidenkerin ein Dorn im Auge.

Hypatia gerät schließlich zwischen alle Fronten und auch Thonis muss sich für eine Seite entscheiden, als sein alter Lehrer Petrus, der inzwischen im Dienst des Bischoffs steht, von ihm Informationen über seine Herrin fordert. Und Petrus lässt keinen Zweifel daran, wie ernst ihm die Sache ist.

Der Roman spielt ca. 400 n.Chr. in der Zeit, da Ägypten unter der Herrschaft von Griechen und Römern stand und ihnen als Kornkammer diente. Alexandria wird zwar von einem griechischen Statthalter regiert, aber die religiösen Führer der Juden und Christen drängen ebenfall danach, Alexandrias Geschicke zu bestimmen.

Es ist erschreckend, wieviele Parallelen zur Jetztzeit bestehen: religiöse Gruppen, denen man Anschläge zutraut, und Einheimische, die sich von den vielen Fremden im eigenen Land bedroht fühlen und „Ägypten den Ägyptern“ rufen.

Dabei schildert Arnulf Zitelmann die Zuspitzung der Ereignisse relativ emotionslos. Keine seiner Figuren löst beim Leser tiefe Gefühle aus. Nicht einmal die Liebesgeschichte oder das brutale Zusammenschlagen des Helden konnte mich wirklich berühren. Trotzdem ist die Geschichte um die ungewöhnliche Hypatia irgendwie interessant und konnte mich phasenweise sogar fesseln. Zitelmann schafft es außerdem insbesondere in den Beschreibungen des Haushalts der Hypathia, dem ägypteninteressierten Leser auch den Flair der damaligen Epoche zu vermitteln, wenn er z.B. über die Angestellten oder deren Mahlzeiten oder Feste schreibt.

Der Roman zeigt zudem, wie Ägypten endete: als politisch bedeutungslose Provinz unter einem griechischen Statthalter und einem römischen Kaiser. Die alten Götter werden kaum noch verehrt und das aufkommende Christentum verbreitet sich überall, sogar unter den Ägyptern. Die Konflikte ztwischen den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen müssen gerade im griechisch orientierten Alexandria zu massiven Konflikten geführt haben.

In diesem Buch geht es nicht in erster Linie um Ägypten; es geht um die historische Figur der Hypatia, die eine der ersten großen Frauengestalten der Antike war und die von religiösen Fanatikern grausam ermordet wurde. Heute ist leider nur wenig über diese Anhängerin der Lehren Platons und Sokrates‘ bekannt. Keine ihrer Schriften blieb erhalten. Es ist daher schön, dass Zitelmann sie mit seinem Buch ein wenig aus dieser Vergessenheit herausholt. In einem Nachwort stellt er dann auch die wenigen bekannten Fakten vor, die ihm als Grundlage für seine Geschichte dienten.

Buchcover Monika Mangal: Der Retter der beiden Länder

Der Retter der beiden Länder (2 Bände)

Der junge Arzt und Sechmetpriester Senmut führt ein einfaches, aber glückliches Leben mit seiner Familie in der Hauptstadt Mennefer. Doch seine heile Welt beginnt zu wanken, als eines Tages ein Toter vor seiner Haustür liegt, der ein Anhänger des Aton-Kults zu sein scheint und ihm anscheinend aufgelauert hatte. Kurz darauf wird er in den Palast gerufen zum mächtigsten Beamten des Landes: Amunhotep, Sohn des Hapu. Dieser bittet ihn darum, die Zähne des schwächelnden Pharaos höchstpersönlich zu behandeln. Und niemand, auch nicht der Leibarzt des Pharaos, darf davon wissen. Senmut kann sich das Ganze nicht erklären. Warum wird ein kleiner, unbedeutender Arzt ans Krankenbett des Pharaos gerufen? Warum interssieren sich die Mächtigen auf einmal für ihn? Und will ihn wirklich jemand umbringen? Die Antwort, die er von Königin Teje auf diese Fragen erhält, ist unglaublich: Der Wesir Amunhotep hat in einem Traum gesehen, dass Senmut einmal die beiden Länder vor dem Untergang retten wird. Auf einmal hat Senmut heimliche Förderer – aber auch Feinde. Sein bisher ruhiges Leben gerät allmählich aus den Fugen.

Dieser Zweiteiler ist Monika Mangals dritter Ägyptenroman. Wie auch in ihren beiden früheren Romanen hat sie sich wieder eine interessante Story ausgedacht und viele Details aus der geschichtlichen Epoche recherchiert. Dabei hat sie auch neuere archäologische Funde berücksichtigt, wie die über 100 Skelette eines Friedhofs in Amarna, auf dem überwiegend Kinder und Jugendliche begraben waren. Ihre Skelette zeigten Verletzungen und Deformitäten, wie sie nur von schwerster körperlicher Arbeit kommen können. Die Autorin bindet diese Tatsache elegant in ihren Roman um die Ereignisse am Hofe Echnatons ein.

Auch in diesem Roman würde man sich wieder wünschen, dass die Charaktere der handelnden Personen und ihre Beziehungen zueinander mehr entwickelt würden. Ihren Figuren Komplexität und Tiefe zu geben, ist keine der Stärken der Autorin. Und trotz einiger Spannungsbögen – Senmut wird vor Gericht gestellt, ins Gefängnis geworfen und muss außer Landes fliehen – konnte mich die Geschichte auch nicht so fesseln, dass ich das Buch in einem Rutsch verschlungen hätte. Ich konnte es leicht mal für ein paar Tage beiseite legen.

Aber Monika Mangal ist eben eine gute Erzählerin. Die Geschichte um den Arzt Senmut, dem prophezeit wird, dass er der Retter Ägyptens sein soll und der glaubt, er müsse dafür verhindern, dass Echnaton einen männlichen Nachfolger bekommt, ist nicht nur gut ausgedacht, sondern auch locker und flüssig erzählt. Hinzu kommt die Genauigkeit, mit der die Autorin sich um korrekte Namen und Beschreibungen der Örtlichkeiten bemüht. Die ausführliche Beschreibung des Sed-Festes des alten Pharaos Amunhotep ist ein kleines Highlight für den ägyptophilen Leser. Die Lektüre macht daher durchaus Spaß und man nimmt das Buch auch immer wieder gerne zur Hand, um weiterzulesen.

Der Ausgangspunkt der Geschichte, nämlich dass Senmuts Schicksal einem Hofbeamten in einem Traum vorhergesagt wurde und deswegen ein kleiner Mann umgehend ein sehr hohes Amt erhält, ist allerdings ein wenig an den Haaren herbeigezogen. Ebenso wie der Falke am Himmel, der Senmut bei seiner Flucht den richtigen Weg zeigt. Aber haben nicht auch die alten Ägypter an solche Wunder und die Kraft der Götter geglaubt? Es passt daher wohl in die Zeit, auch wenn wir heute ein wenig darüber die Nase rümpfen.

Sehr informativ ist das Nachwort der Autorin, in dem sie begründet, warum sie Echnaton und Nofretete in dieses spezielle, etwas unschöne Licht gerückt hat und welche Fakten ihr beim Schreiben der Geschichte halfen. Insgesamt ein guter und leicht zu lesender Roman dem es nur ein wenig an Spannung und Charakterentwicklung fehlt.

Anchesenamun. Das Buch des Chaos

Im abschließenden dritten Teil seiner Trilogie um den Ermittler Rahotep wählt Nick Drake als Thema die sogenannte Dahamunzu-Affäre. In einem auf Tontafeln erhaltenen Brief bat eine kinderlose ägyptische Königswitwe den feindlichen Hethiterkönig Schuppiluliuma darum, ihr einen seiner Söhne zu schicken, der dann ihr Gemahl und Pharao von Ägypten werden sollte. Ob diese Königin eine der drei Witwen Echnatons oder aber Tutanchamuns Gemahlin Anchesenamun war, ist bis heute umstritten. In diesem Roman macht sich Rahotep im Auftrag der Königin Anchesenamun auf, den brisanten Brief in die Hauptstadt des Hethiterreiches zu bringen.

Obwohl der Wahrheitssucher Rahotep seiner Frau nach seinem letzten lebensgefährlichen Fall versprochen hatte, die Familie nie wieder allein zu lassen, kann er sich diesem Auftrag, der ihn monatelang von Ägypten fernhalten wird, nicht entziehen. Und er will diesen Auftrag auch gar nicht ablehnen, wurde doch erst kurz zuvor sein Freund Kheti bestialisch ermordet, und die Reise nach Hattuscha bietet Rahotep die Möglichkeit, eventuell die Hintergründe dieses Mordes aufzudecken. Für diese Chance, am Mörder seines Freundes Rache nehmen zu können, setzt er das Wichtigste aufs Spiel, das er hat: das Glück seiner Ehe und Familie.

Auch in diesem dritten Teil der Trilogie muss man Nick Drake bescheinigen, dass er wieder ein interessantes Thema gefunden und ausführliche Recherche dazu betrieben hat. Das wird auch in seinem Nachwort deutlich, in dem er einige Erläuterungen zur historischen Faktenlage gibt.

War schon der zweite Teil etwas gewalttätiger als der erste, so ist dieser abschließenden Teil nun noch deutlich düsterer und brutaler geworden. Wenn Gefangene reihenweise brutal abgeschlachtet werden und abgeschlagene Köpfe am Sattel befestigt herumgetragen werden, dann trifft das sicher nicht Jedermanns Geschmack.

An manch anderer Stelle ist die Geschichte dafür leider etwas zu langatmig geworden. Über mehr als 100 Seiten erzählt der Autor die Reise der ägyptischen Delegation in die hethitische Hauptstadt Hattuscha. Während dieser Reise passiert nichts wirklich Spannendes, dafür beschreibt Drake die verschiedenen Städte, durch die gereist wird, die Landschaften, das Wetter, bis hin zu den Blattformen, welche die fremdländischen Pflanzen haben. Hier hätte ich mehrmals gerne einfach vorgeblättert, bis wieder etwas passiert. Richtig gut und spannend ist der Roman nur am Anfang und am Ende, wenn die Geschichte in Ägypten spielt.

Die vielen modernen Fremdworte, die ich in den ersten beiden Bänden kritisiert hatte, haben mich in diesem dritten Band nicht mehr so gestört (obwohl sie natürlich da waren: Inbsubordination, Warlords, Nonchalant…). Vielleicht hatte ich mich inzwischen aber auch einfach nur daran gewöhnt. Ebenso ägypten-untypisch ist die Anleihe an den Crocodile Dundee Film: „Das nennst Du eine Messer? DAS HIER ist ein Messer!“
Positiv dagegen die unterschwellige Einarbeitung des Themas Homosexualität, von dem wir in kaum einem Ägyptenroman lesen können, obwohl es sie doch in jeder Epoche der Menschheit gegeben haben muss.

Ganz schwach fand ich auch die Auflösung des Mordfalls. Der böse Killer ist am Ende eine Person, der man das nun überhaupt nicht zugetraut hätte. Und diese Überraschung wird auf den vorangegangenen 400 Seiten auch mit keiner Silbe vorbereitet, sondern Bums, da ist sie! Das hätte man wirklich besser machen können.

Erfreulich ist, dass der Autor der Versuchung widerstanden hat, ein Happy End zu basteln. Die Geschichte endet mit einem bitteren Beigeschmack, weil wohl jeder Süchtige, der für seine „Droge“ alles aufs Spiel setzt, letztlich als Verlierer dasteht.

Trotzdem: Wegen der vielen „überflüssigen“ Seiten, auf denen nur gereist und beschrieben wird, und wegen der unglaubwürdigen Auflösung des Bösewichts ist dies für mich, trotz des gelungenen, zu Herzen gehenden Endes, der schwächste Teil der Rahotep-Trilogie.

Buchcover Kathrin Brückmann: Bitter schmeckt der Tod. © Hannah Böving

Bitter schmeckt der Tod. Hori & Nachtmin, Bd. 3

Nach ihrem letzten, gefährlichen Abenteuer erhalten die Palastärzte Hori und Nachtmin vom Pharao einige freie Tage, in denen sie zur Erholung nach Waset reisen wollen. Allerdings bittet der Pharao sie, auf der Reise dorthin die Augen offen zu halten, denn er befürchtet, dass nicht alle südlichen Gaufürsten wirklich fest zu ihm stehen.
Hori hat aber auch noch einen anderen Grund, der ihn nach Waset zieht: die Ärztin Useret, in die er sich verliebt hat, obwohl diese gar nichts von ihm wissen will. Hori will Useret helfen, die Anklage gegen ihren Vater zu entkräften, der angeblich den Tod eines Patienten verursacht haben soll.

Schnell merken Hori und Nachtmin aber, dass ihre Nachforschungen im verzwickten Fall um Userets Vater gefährlich sind. Werden sie beobachtet? Und wieso ist fast jeder, mit dem sie deswegen sprechen, kurze Zeit später tot? Wie in den vorangegangenen beiden Kriminalfällen, wird es auch hier lebensgefährlich für die beiden jungen Ärzte und sie müssen eine Gefahr abwenden, die die Ordnung Ägyptens bedroht.

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Schatten der Verdammten. Hori und Nachtmin, Band 2

Die beiden jungen Ärzte Hori und Nachtmin haben sich gerade an ihre neue Stellung als Palastärzte gewöhnt, da taucht in der Weryt, der Stätte der Einbalsamierer, ein überzähliges Herz auf. Wo ist der Körper dazu? Und wer hat diesen Frevel begangen? Da nur Hori diese Stätte besuchen und wieder verlassen darf, schickt Pharao Sesostris III. ihn los, um diesen Fall zu untersuchen. Schnell stellt sich heraus, dass es noch viel, viel schlimmer ist: Es muss einen Verräter geben, der die geheimsten Sprüche und die gefährlichsten Geheimnisse der Weryt kennt und sie an die Außenwelt verkaufen will. Mit diesem Wissen könnte jemand die Schatten der Verdammten beschwören, also derjenigen Verstorbenen, die nicht ins jenseitige Leben gelangen konnten. Das könnte ganz Ägypten in Gefahr bringen, denn die verderbliche Kraft der Schatten ist unermesslich.

Kathrin Brückmann gelingt es, den zweiten Band dieser Reihe fast nahtlos an den ersten anschließen zu lassen, ohne dass der erste Band zum Verständnis zwingend nötig ist. Anders gesagt: Dieser Band macht auch Spaß, wenn man den ersten nicht gelesen hat. Und Spaß macht das Lesen wirklich. Brückmann schreibt mit viel Sachverstand, Humor und einem guten Gespür für die zwischenmenschlichen Töne. Das wird besonders deutlich, wenn Nachtmin mit seiner scharfzüngigen Frau Mutnofret streitet, oder wenn Hori mit seinen ehemaligen Arbeitskollegen in der Weryt flachst.
Etwas übertrieben fand ich allerdings das Benehmen des verliebten Hori. Dass sich ein Mann im besten Alter erstmals in seinem Leben verliebt und sich dann so trottelig anstellt, empfand ich als nicht sehr glaubwürdig. Sehr schön allerdings der Cliffhanger, mit dem uns die Autorin Appetit auf den dritten Band macht, wenn am Ende Horis über viele Kapitel abgetauchte Angebetete wieder ins Spiel gebracht wird und man ahnt, dass diese Liebe wohl in Band 3 neu erblühen wird.

Die Autorin bleibt ihrem Stil treu, viele Originalbezeichnungen zu verwenden. Dabei versucht sie, diese bei ihrem ersten Auftauchen auch gleich im Text zu erklären, so dass der Leser nicht jedes Mal im Glossar nachschlagen muss. Erfreulich die auch in diesem Band wieder jedes Kapitel einläutenden Zeitangaben nach dem altägyptischen Kalender. Da die ganze Geschichte im selben Monat spielt, wären sie nicht wirklich notwendig gegwesen, aber sie machen einem immer wieder bewusst, wo man sich gerade befindet, nämlich im alten Ägypten.

Dass Kathrin Brückmann nicht einfach nur gut recherchiert sondern tatsächlich Ägyptologie studiert hat, merkt man auch an vielen kleinen Dingen, z.B. an der selbstverständlichen Verwendung des Plural-U hinter manch altägyptischem Begriff, wenn er die Mehrzahl ausdrücken soll. Das könnte den unbedarften Leser allerdings auch verwirren, wenn es mal Wab und dann wieder Wabu heißt. Und leider wird das im (sonst sehr guten) Glossar auch nicht erklärt.

Beschäftigte sich der erste Band mit der Behandlung von Leichnamen und ihrer Mumifizierung, so hat sich die Autorin hier das Leben nach dem Tode und vor allem den starken Glauben der alten Ägypter an Geister, Amulette und Beschwörungen zum Thema genommen. Nach der Lektüre dieses Romans hat der Leser eine gute Ahnung davon, wie sich die Ägypter das vorstellten, was nach dem Tode passieren würde, welche Rituale zu durchlaufen waren und welche Gefahren auf dem Weg ins glückliche Jenseits warten konnten.

Extra loben möchte ich auch die Covergestaltung. Die drei bislang vorliegenden Bände sind im gleichen Stil gehalten: Auf einem Papyrusfetzen, vor einem schwarzen Hintergrund, stellt eine im altägyptischen Stil gezeichnete Szene das Thema des jeweiligen Bandes dar. Für Band 1 war das die Mumifizierung einer Leiche, in diesem 2. Band ist des das Leben nach dem Tode: Hori und Nachtmin mit den Seelen der Verstorbenen, die die Ägypter als Vögel mit Menschenkopf darstellten und – natürlich – mit den Schatten der Verdammten. Die Bochumer Grafikerin Hannah Böving hat mit den Buchcovern nicht nur eine gemeinsame Identität geschaffen – man sieht sofort, dass diese Bücher zur selben Reihe gehören – sie drückt auch das jeweilige Romanthema auf dem Cover aus und schafft es dabei auch noch, dass die Szenen so authentisch aussehen, als wären sie von echten altägyptischen Papyri aus einem Museum abgezeichnet. Brückmann, mit ihrem Bemühen um altägyptische Authenzität und Originalbezeichnungen, hat mit dieser Grafikerin eine kongeniale Mitstreiterin gefunden.

Auch dieser zweite Band ist wieder ein rundum gelungenes Werk, in dem eine interessante Geschichte, ein anregender Schreibstil und viel Fachwissen zusammenkommen. Nach der Lektüre dieses Buches freut man sich schon auf das nächste Abenteuer der beiden jungen Ärzte. Wie gut, dass Band 3 bereits auf meinem Tisch liegt…

Buchcover, Monika Mangal: Der vergessene Prinz

Der vergessene Prinz. Die Herausforderung

Dass Siamun ein leiblicher Sohn des jung verstorbenen Pharaos Tutanchamun ist, hat er sein Leben lang geheim gehalten. Zu gefährlich wäre es für ihn, wenn die derzeitigen Machthaber, die aus keiner königlichen Blutlinie stammen, von seiner Existenz erführen. So macht er eine Ausbildung zum Baumeister und wird aufgrund seines Talents bald vom regierenden Pharao Seti für dessen große Bauvorhaben, die Säulenhalle in Ipet-Sut (Karnak) und einen großen Tempel in Abedju (Abydos) verpflichtet. Hierdurch lernt er auch die Prinzessin Tia kennen und lieben.

Doch immer wieder muss er mitansehen, wie die neuen Machthaber das Andenken an seinen Vater Tutanchamun und Großvater Echnaton vernichten, indem sie deren Inschriften zerstören, ihre Bauwerke usurpieren, und versuchen, ihre Namen aus der Geschichte zu tilgen. Dieser Frevel kann nicht im Sinne der Maat, der Wahrheit und Ordnung, sein. Aber soll er sich wirklich als Königssohn zu erkennen geben, einen Aufstand anzetteln und nach der Krone greifen? Wenn er scheiterte, würde er alles verlieren: seine befriedigende Arbeit, seine große Liebe und vermutlich sogar sein Leben. Doch dann geschieht etwas, dass das Fass zum Überlaufen bringt.

Dieser Roman schließt an Monika Mangals ersten Roman „Tutanchamun und die Tochter des Mondes“ an, der damit endete, dass nach dem Tod Tutanchamuns und seiner Ehefrau Sitiah die Amme Meritamun mit den drei königlichen Kindern flieht, da diese sonst ebenfalls dem Tod geweiht wären. In diesem Buch sind aus den Kindern nun erwachsene Leute geworden, die jedoch noch immer ihre wahre Abstammung verschweigen müssen. Dieser Folgeroman erzählt aber eine eigenständige Handlung – man muss das erste Buch also nicht gelesen haben, um diese Geschichte zu verstehen.

Wie schon in ihrem ersten Roman fällt auch hier wieder positiv auf, dass sich die Autorin um die korrekten Bezeichnungen der Ortsnamen bemüht. Ebenso, dass sie den Eigennamen der Pharaonen nicht die moderne „Nummer“ (also Sethos I.) sondern statt dessen lieber den Thronnamen (also Menmaatre) anhängt. Und auch sonst bemüht sie sich, den Lesern Sitten und Gebräuche der damaligen Zeit zu erklären. So wird bei einer Einbalsamierung der Sinn des Herzskarabäus erwähnt, der zwischen die Mumienbinden gelegt wurde oder die Zeremonie der Grundrissvermessung eines Bauvorhabens durch den Pharao höchstpersönlich. Und die ausführliche Beschreibung des Scheinbegräbnisses des Osiris in Abydos vermittelt nicht nur das Wissen über dieses Fest sondern ist so detailliert, dass man als Leser fast das Gefühl hat, bei dieser Prozession selbst am Straßenrand zu stehen.

Ein wenig inhaltliche Kritik gibt es dennoch. So kommt der Sinneswandel Siamuns, sein Versteckspiel aufzugeben, sehr plötzlich. Das hätte die Autorin besser vorbereiten sollen, indem sie ihn immer wieder und immer mehr damit hätte hadern lassen können. Ebenso wird der Prozess der Aufdeckung viel zu schnell und glatt dargestellt. Hier hat sie eine Chance vergeben, Dramatik und Gefahr in den Roman hineinzubringen. Und auch in diesem Roman sind viele Nebenfiguren wieder eher eindimensional dargestellt, nur ganz wenige Charaktere werden ausführlich und kontrovers entwickelt, z.B. der Pharao Seti, dem sehr wohl bewusst ist, dass in seinen Adern kein einziger Tropfen königlichen Blutes fließt und dem die Ähnlichkeit seines Sohnes Ramses mit seinem ehemaligen Vermögensverwalter nicht entgangen ist.

Dennoch macht sie in diesem Roman auch einiges besser als in ihrem ersten Buch: Die große Liebe des Helden ist hier stets präsent und stellt eine Konstante dar im Auf und Ab der Gefühle und der Handlung der Geschichte. Auch das recht bittere Ende passt sehr gut. Ein durchaus denkbares Hollywood-Happyend wäre einfach zu platt und kitischig gewesen.

Obwohl es diesmal erfreulicherweise Seitenzahlen gibt, zeigen einige Formalien doch deutlich, dass hier kein professioneller Verlag im Hintergrund gestanden hat. Da ist zum einen die große Schrift, die fast an ein Kinderbuch erinnert. An den fehlenden Blocksatz gewöhnt man sich zwar im Laufe des Lesens, dem optischen Eindruck ist es dennoch nicht zuträglich. Auch die Tatsache, dass für die Umschlaggestaltung eine Grafik auf die benötigte Größe hochskaliert wurde und dass dadurch der Text auf der Rückseite stark verpixelt ist, lässt das Buch minderwertig erscheinen.

Aber das Wichtigste an einem Buch ist ja die Geschichte und nicht die Verpackung. Und Monika Mangal beweist mit diesem Roman erneut, dass sie einen ungewöhnlichen Gedanken – hier die Tatsache, dass Tutanchamun Kinder gehabt haben könnte – in eine sehr realistische und gut erzählte Geschichte einpacken kann, die dazu auch noch einige historische Fakten vermittelt.

Buchcover Sati. Töchter der Sonne

Sati. Töchter der Sonne

Die Zwillingsschwestern Majet und Inti werden während einer Sonnenfinsternis geboren. Majet kommt genau in der Zeit der Dunkelheit zur Welt, ihre Schwester Inti kurze Zeit später. Für die Dorfbewohner ist dies ein klares Zeichen, dass von den beiden Mädchen nichts Gutes ausgehen kann, da sich der Sonnengott Re bei Ihrer Geburt abgewendet hat. Die Familie wird daraufhin von der Dorfgemeinschaft gemieden und die Mädchen verspottet. Erst als in der fernen Hauptstadt Men-nefer ein Orakel der Königin Nitokris voraussagt, dass die Dürre, die Ägypten seit Jahren heimsucht, nur durch ein Zwillingspaar beendet werden kann, das zur Zeit der Dunkelheit geboren wurde, ändert sich das Leben der beiden Schwestern. Sie werden in die Hauptstadt geholt und zu Priesterinnen ausgebildet. Was sie nicht wissen: Das Orakel prophezeite auch, dass für die Genesung Ägyptens eines der Zwillingsmädchen sterben muss.

Birgit Fiolkas Heldinnen sind stets starke Frauen, die ihren eigenen Weg gehen. Das trifft auch für ihre bisherigen fünf Ägyptenromane zu. In dieser Erzählung gibt es erstmals eine kleine Variation zu diesem Motiv, denn hier sind es ja zwei Protagonistinnen. Und wie es bei eineiigen Zwillingen häufig ist, so gleichen sie sich zwar äußerlich, unterscheiden sich aber im Charakter deutlich. Majet ist die Härtere und Stärkere, Inti die Zurückhaltende, Weichere der beiden. Und während Majet sich freut, dem ärmlichen Dorfleben und der Verachtung durch die Dorfbewohner entflohen zu sein, und das sorgenfreie Leben in der Hauptstadt in vollen Zügen genießt, hat Inti Heimweh, leidet unter der Situation und zieht sich mehr und mehr zurück. Inti entspricht damit so gar nicht den Frauengestalten, die sonst Birgit Fiolkas Romane bestimmen. Majet fehlt dagegen die Warmherzigkeit, die eine Heldin eben auch haben muss. Die Autorin hat die üblichen Charaktereigenschaften diesmal also auf zwei Figuren aufgeteilt.

Fiolka gelingt es meisterhaft, das langsame Auseinanderdriften der beiden Schwestern, die als Kinder unzertrennlich waren, zu beschreiben. Diese langsame Entfremdung wird natürlich von der Königin Nitokris unterstützt, die ja weiß, dass sie eine der beiden Schwestern töten und die andere diese Entscheidung dann akzeptieren muss. Mit Bangen verfolgt man, wie die beiden Mädchen immer häufiger streiten und sich langsam sogar voneinander abwenden.

Die Geschichte spielt im Alten Reich, also in der Zeit der Pyramidenbauer. Wie auch in ihren früheren Büchern, so hat sich Birgit Fiolka das historische Umfeld der Geschichte genau angesehen. Die Handlung um die Königin Nitokris geht auf eine durch den grichischen Geschichtsschreiber Herodot überlieferte Sage zurück. Ob es diese Königin Nitokris wirklich gab, ist umstritten. Fakt ist aber, dass in dieser Zeit der 6. Dynastie das Alte Reich zugrunde ging und es zur sogenannten 1. Zwischenzeit kam, in der Ägypten zerfiel. Die Autorin gibt eine nachvollziehbare Erklärung dafür, wie sich Ober- und Unterägypten so voneinander entfernen konnten, dass es schließlich zum Bruch kommen musste.

Beeindruckend ist wieder einmal die Sprache, die Birgit Fiolka für ihre Geschichte gefunden hat. Nicht nur, dass sie viele altägyptische Originalbezeichnungen verwendet und wirklich schöne Eigennamen für die Figuren gefunden hat, es sind vor allem die passenden Sprachbilder, die den Leser auch formal in eine lang zurückliegenden Zeit entführen. Eine Zeit, in der man sein Alter an der Anzahl der Nilüberschwemmungen, die man erlebt hatte, ablas, und in der es abends nicht einfach dunkel wurde, sondern die Göttin Nut ihren Leib wie einen schwarzen Mantel über das Land ausbreitete. Mit Bedacht vermeidet sie auch das Wort Zwillinge, das ja germanischen Ursprungs ist, und verwendet dafür, wie schon im im Roman über Hatschepsut, die Umschreibung „Schwestern der Geburtsstunde“.

Obwohl der Roman nicht besonders lang ist — das Buch hat incl. Nachwort und Glossar gerade einmal 190 Seiten – hat man nicht das Gefühl, dass etwas fehlt. Ich habe das Buch sogar mit einem guten Gefühl zugeklappt, denn am leise befürchteten, aber dennoch wohlgewählten, Ende schließt sich ein Kreis, und die Geschichte war für mich wahrhaftig zuende erzählt.

Wie schon mit ihrem Hatschepsut-Zweiteiler beweist Birgit Fiolka auch mit diesem Buch, dass sie zu den besten zeitgenössischen Autorinnen von Ägyptenromanen gehört, die eine gute Erzählung mit vielen Informationen über die gewählte Epoche und einem passenden historischen Ambiente verbinden können. Für mich ist dies trotz seiner Kürze sogar ihr bester Roman, denn hier kommt zu allem, was sie auch schon in ihren letzten Ägyptenromanen richtig gemacht hatte, hinzu, dass sie eine wirklich zu Herzen gehende Geschichte gefunden hat, die den Leser nicht unberührt lassen kann. Besser kann man nicht machen – allenfalls länger. Ein Top-Ägyptenroman!

Buchcover Tutanchamun. Das Buch der Schatten

Tutanchamun. Das Buch der Schatten

Rahotep, Ermittler bei den Medjai, den Ordnungshütern der Hauptstadt Theben, wird erneut an den Königshof gerufen. Bereits vor einigen Jahren hatte der damalige Pharao Echnaton ihn gebeten, das Verschwinden seiner Gemahlin Nofretete aufzuklären – nun ruft ihn Nofretetes Tochter Anchesenamun, denn im Palast geschehen unheimliche Dinge.

Obwohl Anchesenamun und Tutanchamun offiziell das Königspaar sind, haben der alte Eje und General Haremhab die wahre Macht im Lande. Und diese sind auch gar nicht begeistert, dass Rahotep nun vor ihrer Nase Ermittlungen anstellen soll. Aber dem Wunsch der Königin können sie sich nicht widersetzen.

Neben den Ermittlungen am Hofe muss Rahotep aber auch seine normale Polizeiarbeit machen. Und da hält ihn eine Mordserie auf Trab, deren Mörder unvorstellbar grausam vorgeht und seinen Opfern auch noch die Augäpfel herausschneidet. Als Indizien darauf hinweisen, dass die bedrohlichen Vorkommnisse am Palast mit dieser Mordserie in Zusammenhang stehen, ist Rahotep klar, dass er nun noch eine dritte Aufgabe bewältigen muss: Er muss das junge Königspaar beschützen. Und wenn ihm das nicht gelingt, werden Haremhab und Eje ihn den Preis dafür zahlen lassen.

Dies ist der zweite Band von Nick Drakes Trilogie um den Ermittler Rahotep. Wieder führt er ihn an den Königshof und wieder ist Rahotep in der Zwickmühle: Er muss das Geheimnis lösen oder er wird seinen Kopf verlieren. Anders als im ersten Band tragen seine Ermittlungen hier aber wirklich dazu bei, den Fall zu lösen. Und diesmal ist auch das Ende der Geschichte glaubhaft. Zudem schafft Drake es hier, auch Rahoteps Familie mehr in den Roman einzubinden, indem er sie echter Gefahr aussetzt. Überhaupt gehören für mich die Beschreibungen dieses Widerspruchs und die Gespräche, die Rahotep darüber mit seiner Frau führt, dass er nämlich seine Familie wirklich liebt, sie aber durch seine Arbeit immer wieder in Gefahr bringt, zu den Highlights des Buches. Insofern macht der Autor hier vieles besser als im ersten Band der Trilogie.

Nicht besser gelöst hat Drake aber die viel zu modernen Ausdrücke, die in ihrer Menge einfach nicht zu übersehen sind und die mich wirklich gestört haben. Dabei könnte ich über neuzeitliche Begriffe wie Schnäppchenpreis oder Happy End noch hinwegesehen, denn irgendwie werden die alten Ägypten diese Dinge ja auch bezeichnet haben. Aber es gab im alten Ägypten eben keine Bücher, und wenn Haremhab die Königin mit Madame anspricht, dann sträuben sich mir die Nackenhaare. Und wenn Figuren sagen: „Du bist so burgeois“ oder: „ihn faszinieren halluzinogene Substanzen“, dann ist das wie ein Schluckauf, der einen immer wieder aus der Geschichte und aus dem Lesefluss reißt.

Schade, denn die Geschichte ist gut, sie ist spannend, unvorhersehbar und hat einige sehr glaubhafte zwischenmenschliche Ebenen. Und an anderen Stellen kann Drake es doch auch richtig gut machen: Wenn Rahotep in seinen Ermittlungen nicht weiterkommt und sich fühlt, als sei er „die einzige Figur auf dem Brett, die noch immer auf dem ersten Spielfeld steht“, dann ist das doch ein wunderbar in die Zeit passender Ausdruck. Wenn er dann aber an anderer Stelle denkt, er habe „die Arschkarte gezogen“, dann ist er wieder da: der Schluckauf!

Obwohl Nick Drake also in diesem Buch eine bessere Geschichte gefunden hat und diese auch mit sehr viel Spannung erzählt, kann ich mich aufgrund der vielen wirklich unpassenden Ausdrücke nicht zum vierten Stern entschließen. Vielleicht klappt das ja dann beim letzten Band der Trilogie, in dem Rahotep für Anchesenamun den gefährlichsten Auftrag seines Lebens annimmt.

Buchcover, Anke Dietrich: Das Siegel der Totenstadt

Das Siegel der Totenstadt

In der Nekropole der ehemaligen Hauptstadt Theben gehen Grabräuber um. Mehrere einfache Beamtengräber sind bereits geplündert worden. Reich sind der Maler Pendua und der Steuereintreiber Meribast dabei aber nicht geworden – zu gering sind die Grabbeigaben dieser Gräber. Ein Königsgrab müsste man berauben! Aber dafür bräuchten die Grabräuber eines der Siegel der Totenstadt, mit dem man das Grabsiegel anschließend wieder anbringen könnte, sonst würde der Raub entdeckt, noch bevor man die Beute in Sicherheit gebracht hätte. Aber es gibt nur drei dieser Siegel, und als einfacher Bürger wird man nicht einmal in die Nähe von einem kommen.

Zu allem Unglück werden die Verschwörer seit kurzem auch noch von einem Unbekannten erpresst, der bei seinen Treffen stets eine Anubismaske trägt. Wer ist dieser Anubis und woher weiß er von ihnen? Und obwohl die Diebe immer vorsichtig waren und ihre Spuren stets verwischten, zieht sich so langsam doch die Schlinge um ihre Hälse zu.

Anke Dietrich überzeugt bei diesem sehr schön aufgebauten Roman nicht nur mit guten Charakteren und einer spannenden Handlung sondern auch mit Fachwissen. So gelingt ihr eine stimmige altägyptische Atmosphäre, die den Leser an die Ufer des Nils und in die heiße Wüste Ägyptens mitnimmt. Gekonnt beschreibt sie das Leben an der „Stätte der Wahrheit“, wie das Dorf der Grabhandwerker genannt wird.

Mit Verwunderung stellt man während des Lesens fest, dass es gar keine Hauptperson gibt, mit der man sich identifizieren kann. Das stört aber gar nicht, denn die Figuren sind allesamt interessant und ihre Charaktere klug herausgearbeitet. Die Spannung, wer der geheimnisvolle Anubis sein könnte, wird bis zum Schluss aufrecht erhalten und man fragt sich zum Ende hin unwillkürlich, wie Ramesse und Merenptah, die Söhne des Pharaos Ramses, die von ihrem Vater mit der Aufklärung des Raubes beauftragt wurden, wohl die Diebesbande überführen wollen.

Dies ist dann auch der große Kritikpunkt an der Story, denn die überraschende Auflösung wird nicht in die Handlung eingebettet sondern erfolgt auf den letzten Seiten in einer Art Monolog des Prinzen Ramesse während einer Gerichtsverhandlung. Schöner wäre es gewesen, wenn die Untersuchungen immer ein kleines Stückchen mehr aufgedeckt hätte und man als Leser in Andeutungen und Ahnungen der Lösung selbst hätte auf die Spur kommen können. So aber sind Merenptah und Ramesse – genau wie der Leser – kurz vor der Gerichtsverhandlung noch völlig ahnungslos, wer sich hinter der Maske des Anubis verbirgt. Und erst nach einer Befragung der Beteiligten erläutert dann Ramesse, wer es ist und wie das alles zusammenhängt. Das hätte man spannender machen können.

Dennoch: Im Zusammenspiel von guter Geschichte, interessanten Figuren und authentischer altägyptischer Atmosphäre ist dies ein wirklich guter und lesenswerter Ägyptenroman, der Lust auf weitere Bücher dieser Autorin macht.

Nefertaris Lied

Pharao Ramses II. trauert noch immer um seine schon vor Jahren verstorbene Lieblingsfrau Nefertari. Trotz eines großen Harems konnte bisher keine Frau diese Lücke füllen. Erst die Haremsdame Neferure schafft es, Ramses zu beeindrucken. Das will Siptah, der Halbbruder des Pharaos, für seine Zwecke ausnutzen und schlägt Neferure ein Komplott vor. Sie soll Gift in Ramses‘ Wein schmuggeln. Dafür will er sie später zur Königin machen. Was Siptah nicht weiß: Neferure kann die Gefühle der Menschen lesen, die sie berührt. Sie weiß daher, dass Siptah sein Versprechen nicht einzuhalten gedenkt. Doch soll sie sich deshalb einen so mächtigen Mann zum Feind machen?

Das ist nur einer der Erzählstränge, die Inge Nickel-Ritzkat in diesem Buch entwickelt. Es geht daneben auch um eine schwarze Königin, die die Kuschiten zum Widerstand antreibt, um Moses und die Hebräer, sowie um die Reise der hethitischen Prinzessin Sauskanu, die ein Jahr lang zu ihrer bevorstehenden Hochzeit mit dem Pharao nach Ägypten unterwegs ist. In lockerer Folge wechseln sich diese Handlungsstränge ab, setzen auch mal aus und werden später wieder aufgenommen.

Das Buch ist schon das vierte dieser Autorin, das im alten Ägypten spielt. Zwei handelten von Nofretete und dies ist nun der zweite Roman über Ramses II. Und wie auch schon in ihrem ersten Buch über ihn, das den Titel »Ich bin der Pharao« trug, kommt Ramses II. auch hier nicht sonderlich gut weg. Inge Nickel-Ritzkat beschreibt ihn als einen dem Alkohol zugetanen, lüsternen und unbeherrschten Mann, der an Macht und Frauen weit mehr interessiert ist als an Politik und seinem Volk. Man hat als Leser kein Mitleid mit ihm, wenn er wieder einmal seine tote Frau Nefertari betrauert und von einer Haremsdame verlangt, ihm das Lied über Nefertari vorzusingen – zu selbstherrlich und jähzorig geht er mit seinen Bediensteten um.

In ihrem inzwischen fünften historischen Roman schafft Nickel-Ritzkat es problemlos, die Charaktere der einzelnen Figuren zu entwickeln. Neben den ausführlich beschriebenen Hauptfiguren, wie Ramses oder Neferure, werden auch weniger wichtige Figuren sprachlich wunderbar dargestellt. Wenn der intrigante Siptha seine Skrupel bekommende Verbündete Neferure wieder einmal anschreit, und ihm dabei die Speicheltropfen aus dem Mund fliegen, dann verzieht man vor diesem ekligen Charakter selbst als Leser das Gesicht.

Wer aber ist in diesem Roman die Figur, mit der sich der Leser identifizieren soll, mit der er mitfiebern und mitleiden soll? Die Haremsdame Neferure, die erkennen muss, dass sie dem Pharao doch nicht so viel bedeutet, wie sie hoffte? Oder die junge Prinzessin Sauskanu, die ihre erste große Liebe aufgeben soll, um der staatlichen Beziehungen willen mit einem ihr unbekannten fremdländischen Herrscher verheiratet zu werden? Oder der alte Wesir Paser, der Ramses´ jähzorige Befehle weise und abgemildert auszuführen versucht? In jedem Erzählstrang gibt es gute Charaktere, die als Kandidaten in Frage kämen, aber am Ende hat mich keine Figur „gepackt“, gab es kein Schicksal, das ich mit Bangen und Hoffen durch das Buch verfolgt habe.

Nun können auch andere Elemente einen Roman interessant oder spannend machen, z.B. ein starker Widersacher, eine große Liebe oder eine sich anbahnende Katastrophe. All dies wird von der Autorin auch eingeführt: Die schwarze Königin bekämpft Ägypten, Prinzessin Sauskanu verliebt sich in ihren Jugendfreund Abdas, und Moses kann die Hebräer nicht vor Ramses‘ Forderungen schützen. Aber keiner dieser Handlungsteile trägt den Roman, keiner wird zur existenziellen Krise; alle bleiben nur Episoden – und letztlich verlaufen all diese gut erdachten Komplikationen im Sand.

Dennoch haben wir es hier mit einer guten Geschichte zu tun, die gekonnt und locker erzählt wird. Trotz kleinerer Ungenauigkeiten beschreibt die Autorin mit einigem Fachwissen, wie sie sich das Leben zur Zeit Ramses II. vorstellt. Der Leser erhält einen Einblick in ihre Vorstellung vom Leben am Hofe, wie man sich kleidete und was man aß. Wer sich für das alte Ägypten interessiert, wird das Buch sicher gerne lesen. Etwas mehr Spannung, Romantik oder eine liebenswerte Hauptfigur hätten der Geschichte aber gut getan.

Buchcover Burns, Die Tochter des Balsamierers

Die Tochter des Balsamierers

Ägypten zur Zeit des Pharaos Ramses II.: Das junge Mädchen Neti-Kerty möchte Einbalsamierer werden, wie ihr Vater, dem sie seit vielen Jahren hilft. Aber für Frauen ist dies ein sehr ungewöhnlicher Berufswunsch und die meisten Menschen ihrer Stadt finden Neti ziemlich unheimlich. Anders dagegen der Präfekt Shabaka, der vom Pharao zur Verbrechensbekämpfung eingesetzt wurde. Er schätzt Netis Wisssen, die ihm manchen Tipp zur Todesursache geben kann, wenn sie die Toten vor ihrem Abtransport zu den Balsamierern untersucht. Daher lässt er sie manchmal extra holen, wenn er wieder vor einem ungewöhnlichen Leichnam steht. Dass er dieses hübsche Mädchen besonders mag, spielt allerdings auch eine gewisse Rolle dabei. Doch dann passiert etwas Schreckliches: Neti steht plötzlich vor den Leichen ihrer eigenen Eltern. Und denen wurden die Herzen gestohlen! Doch ohne Herz kann kein Ägypter den Weg in das ewige Leben finden. Neti und Shabaka müssen also nicht nur diese Morde aufklären, sie müssen auch unbedingt die beiden Herzen wiederfinden, damit Netis Eltern im Jenseits weiterleben können.

Der in Deutschland aufgewachsene und nun in den USA lebende Autor Nathaniel Burns gab seinen sicheren Bürojob auf, um sich gänzlich der Schriftstellerei zu widmen. Dieses Buch ist sein erster Roman – und Auftakt einer inzwischen mehrteiligen Romanreihe um Neti-Kerty und Shabaka.

Leider kommt beim Lesen kaum eine altägyptische Atmosphäre auf. Zwar erfährt man Manches über das Mumifizieren und der Autor streut auch den ein oder anderen Fachbegriff ein, aber es gibt wenige Beschreibungen, die zeigen, wie es im damaligen Ägypten wohl ausgesehen haben mag, wie man sich kleidete, was man aß, woran man glaubte.

Zudem ist die Sprache doch sehr modern. Wenn eine aufgebrachte Menschenmenge eine Frau als Hexe beschimpft, sind wir vermutlich im Mittelalter, keinesfalls aber im Alten Ägypten. Auch das Wort Geldbörse kann mich maximal 3 Jahrhunderte, aber keine 3 Jahrtausende zurückversetzen. Zwar hatten die alten Ägypter eine Art Währung – Kupfer, Silber oder Gold im Gewicht eines Deben hatten eine bestimmten Tauschwert – aber Münzen, die an mancher Stelle im Roman auftauchen, wurden erst in der Spätzeit von den Griechen und Römern in Ägypten eingeführt; zur Zeit des Neuen Reiches, in der diese Geschichte spielt, gab es sie noch nicht. Andere Beispiele wären Worte wie Kutsche, Robe oder Herd, oder die modernen Namen für die Handlungsorte, z.B. Karnak oder Ramesseum, die einfach nicht ins Alte Ägypten passen wollen.

Trotzdem liest sich die Geschichte flüssig; dass der Autor ein gewisses Erzähltalent hat, lässt sich nicht abstreiten. Die Geschichte ist außerdem einigermaßen spannend – schließlich geht es um die Aufklärung grausamer Morde – und hat auch eine romantische Komponente, denn Neti-Kerty und Shabaka mögen einander, wollen sich aber partout nicht eingestehen, dass dieses Gefühl eventuell auch mehr sein könnte.
Das kleine und mit ca. 266 Seiten auch eher dünne Buch lässt sich daher leicht an zwei Abenden durchlesen. Und wenn ich beim Zuklappen des Buches denke, dass ich mir vermutlich auch die Folgebände besorgen werde, sobald sie auf Deutsch herauskommen, weil ich wissen will, wie es Neti und Shabaka weiter ergeht, dann kann dies kein ganz schlechtes Buch gewesen sein. Nathaniel Burns hat es also trotz der Kürze der Geschichte und der modernen Sprache geschafft, mir die Hauptpersonen und ihre Geschichte nahe zu bringen.

Ein ordentliches Erstlingswerk, mit allerdings noch Entwicklungspotential bei der Stimmigkeit der historischen Namen und Fakten und der Schaffung einer altägyptischen Atmosphäre. Aber vielleicht ist das schon bei Band 2 der Reihe etwas besser gelungen.

Tutanchamun und die Tochter des Mondes

Tutanchaton ist erst zehn Jahre alt, als er zum Pharao gekrönt wird. Seine Schulfreundin Sitiah wird er nun wohl nicht mehr sehen können. Heimlich lässt er ihr eine Nachricht zukommen, dass er sie heiraten wird, wenn beide alt genug dafür sind. Doch das Leben reisst sie auseinander: Sitiah zieht mit ihrer Familie nach Nubien und Tut muss aus politischen Gründen andere Frauen heiraten. Trotzdem können beide einander nicht vergessen…

Monika Mangal schreibt ihre Version des Lebens und Sterbens von Tutanchamun. Bereits als Kind zum Herrscher über das größte Reich der damaligen Zeit gekrönt, und verstorben, noch bevor er 20 Jahre alt war. Umgeben von wenigen Unterstützern und vielen Neidern.

Monika Mangal hat sich die aktuellen Forschungsergebnisse rund um Tutanchamun und seine Familie genau angesehen – und kommt doch zu ganz anderen Ergebnissen als die meisten Wissenschaftler. Entgegen der verbreiteten Ansicht, dass Tut der Sohn des „Ketzerpharaos“ Echnaton sei, beschreibt sie ihn als dessen Bruder und zieht auch die vielen ihm zugeschriebenen Krankheiten (Klumpfuß, Malaria, Oberschenkelbruch) in Zweifel. In ihrem Nachwort geht sie konkret darauf ein und verweist auch auf weniger bekannte Forschungsergebnisse, die ihre Ansichten unterstützen.

Das Buch erscheint im Amazon-Selbstverlag und lässt einige Formalien vermissen, die man von einem Buch eigentlich erwartet, die im elektronischen Zeitalter aber anscheinend an Bedeutung verlieren: Blocksatz, Silbentrennung, ISB-Nummer und sogar Seitenzahlen. Letzteres macht es etwas schwierig, das Buch mal eben für einen Moment aus der Hand zu legen: Man findet ohne Lesezeichen die Seite einfach nicht wieder, auf der man war. Die fehlende Silbentrennung führt zu vielen kurzen Zeilen und einem sehr unruhigen rechten Rand. Der fürs E-Book formatierte Text wurde vermutlich ohne Überarbeitung einfach auf Papier geduckt – das analoge Buch als ungeliebter Stiefbruder des Kindle!

Die Rahmenhandlung des Romans ist die mögliche bzw. unmögliche Liebesgeschichte zwischen Tutanchamun und Sitiah, die Monika Mangal hervorragend gelungen ist. Diese menschlich berührende Erzählung tritt leider in der Mitte des Buches über viele Seiten (und keiner kann sagen, über wie viele) völlig in den Hintergrund. In diesem Mittelteil geht es um Tuts Leben, seine Regierung, Kriege, Intrigen und um die mächtigen Männer und Frauen am Hofe. Hier merkt man, dass die Autorin die bekannten Fakten und Personen rund um Tut gut recherchiert hat und diese auch blendend in eine interessante Geschichte einbinden kann. Man hat stets das Gefühl, dass alles wirklich so passiert sein könnte. Nur der historisch belegte Brief einer ägyptischen Königin an den Hethiterkönig Suppiluliuma, in dem sie ihn um einen seiner Söhne bittet, der dann ihr Gemahl und Ägyptens neuer Pharao werden soll, wirkt am Ende des Romans wie ein Fremdkörper, der zunächst vergessen und dann doch noch schnell eingefügt wurde. Und anstatt ihn Anchesenamun zuzuschreiben, die vorher lange Zeit als teilnahmslos geschildert wurde und im Roman gar keine Rolle mehr gespielt hatte, wäre es in dieser Story glaubhafter gewesen, die ständig intrigierende Mutnodjemet als Drahtzieherin hinter diesem Brief einzusetzen.

Hervorheben muss man das Bemühen, für Namen und Orte stets die altägyptischen Originalbezeichnungen zu verwenden, statt der heute oft bekannteren griechischen Namen. Auch das gute Nachwort erhält ein Lob: Die Autorin stellt darin sehr klar, warum sie ihre Geschichte so geschrieben hat, welche Fakten sie wie interpretiert hat und welche Personen frei erfunden sind.

Monika Mangal zeigt in ihrem ersten Roman nicht nur fachliche Kompetenz sondern auch schriftstellerisches Potenzial. Zwar fällt im Mittelteil die Rahmenhandlung etwas zu sehr unter den Tisch und am Ende leidet die Story darunter, dass die Geschichte mehr eine Aneinanderreihung der geschichtlichen Ereignisse als eine berührende Erzählung ist, aber die Stärken der Autorin sind nicht zu übersehen und machen Lust auf ihren bereits angekündigten zweiten Roman um Tuts und Sitiahs (fiktiven) Sohn Siamun.