Vor dem Totengericht des Osiris

Anfang

Eine gefährliche Reise durch die Unterwelt

Die alten Ägypter waren sich wahrlich nicht einig darüber, wie ihr Leben nach dem Tod aussah. Je nach Epoche, Ort und sozialem Status unterschieden sich die Vorstellungen vom Jenseits. Im Alten Reich gab es noch eine relativ einfache Vorstellung. Nur dem Pharao war es vorbehalten, in dem Himmel aufzufahren und bei den Zirkumpolarsternen inmitten der Götter zu leben. Das gemeine Volk glaubte an ein Totenreich in der westlichen Wüste.


Ab dem Mittleren Reich änderte sich diese Vorstellung. Anstatt hoch hinauf in den Himmel zu fahren, verbreitete sich die Idee von einer tiefen, unheimlichen Unterwelt, in der Osiris herrschte, der den Tod ebenfalls überwunden hatte. Doch bevor der Ägypter das ewige Leben antreten konnte, mussten noch allerlei Gefahren und das Totengericht des Osiris‘ erfolgreich gemeistert werden.

Die Reise durch das Jenseits

Nun reist er gen Westen auf den schönen Wegen, auf denen die Versorgten wandeln…
Widmungsinschrift von Jchy an seinem Vater
Alte Reich, um 2500 v. Chr.

Sobald das Mundöffnungsritual durchgeführt worden war und somit die Seelen Ka und Ba wieder zurück zu ihrem Körper gefunden hatten, machte sich der Verstorbene auf den Weg in die Duat – die Unterwelt.


Der Eingang lag im Westen, weshalb auch alle Gräber und Totentempel auf der westlichen Seite des Nils liegen. Ein riesiges Tor erwartete ihn dort, wo Himmel, Erde und Unterwelt zusammentrafen. Ein großes Gewässer, das Nun, das schon am Anbeginn der Zeit vor allem Leben existierte, rauschte um dessen Pforten.

Hier, wo auch die Barke des Sonnengottes Re am Abend ihre Reise durch die 12 Stunden der Nacht begann (→ Der Sonnengott), nahm die abenteuerliche Reise des Verstorbenen ihren Anfang. Während der Pharao die Ehre hatte, neben Re Platz zu nehmen und die bevorstehenden Hindernisse im Schutz seiner Barke zu bestehen, musste der Normalsterbliche zu Fuß gehen.
Sonnenbarke bei Nacht im Grab Ramses IV.

Der widderköpfige Re steht in einem Schrein auf seiner Barke, um der sich schützend die Schlange Mehen schlängelnd. Sia („Einsicht“) und Heka („Zauber“) begleiten ihn. Vor Res Schrein kniet der Pharao Ramses IV.
© Andrea Vinkenflügel
Grab Ramses IV. (KV2), Theben-West
Neues Reich, 20. Dynastie

Die Gefahren der Unterwelt

Dämonen im Grab des Sennedjem

Insgesamt 10 Dämonen (hier sind 6 abgebildet) warten mit Messern bewaffnet auf den Grabherrn. Erst wenn er den Namen der Kreaturen kennt, darf er passieren.
Grab des Sennedjem (TT1)
Neues Reich, 19. Dynastie

Die Besänftigung der Dämonen

Vor ihm lagen nun viele weitere Pforten, um die sich riesige Schlangen wanden und spitze, an den Mauern befestigte Dolche den Verstorbenen am Weiterziehen hindern konnten. Bösartige Dämonen, teilweise mit Messern und Dolchen bewaffnet, lauerten vor den Toren. Nur wenn der Verstorbene ihre geheimnisvollen Namen kannte und sie mit Hilfe magischer Formeln besänftigen konnte, durfte er durch diese Tore schreiten.

Zauber oder ewige Verdammnis

Durch wohlgewählte Worte musste er die Götter gnädig stimmen und sie um ein sorgenfreies Leben im Jenseits bitten. Zaubersprüche mussten rezitiert werden, damit sich der Verstorbene in Zukunft als vergöttlichtes Wesen frei in der Unterwelt bewegen durfte. Höhepunkt seiner Reise aber war das Totengericht. Nur wenn er dieses überwunden hatte, durfte er als Verklärter glücklich und sorgenfrei leben, ansonsten drohte ihm die ewige Verdammnis