Mumien-Manie in Deutschland

Ägyptomanie hierzulande

Die Mumien haben im Laufe der Jahrhunderte Menschen aller Herren Länder fasziniert. Pietät vor der Totenruhe des Verstorbenen war für viele damals ein Fremdwort (und so ist es heute teilweise leider immer noch). Auf den Bazaren Ägyptens wurden Mumien sogar öffentlich verhökert und fanden auch noch ihre Käufer – vom reichen Privatmann bis zum Wissenschaftler.

Für den kleinen Geldbeutel, oder wenn man keinen Platz für eine ganze Mumie im Wohnzimmer hatte, konnte man bei den Händlern auch einzelne Hände, Füße und sogar Köpfe kaufen. Und wer dafür nicht extra nach Ägypten reisen wollte, der konnte bei Auktionen einen toten Menschen erwerben. Doch viele Privatleute und Museen gingen Betrügern auf dem Leim, die Holzstücke oder andere Präparate in auf alt gemachte Binden einwickelten und sie als antikes Original verkauften.

War eine (Pseudo-) Mumie erst einmal erworben, gab die High Society Mumien-Auswickel-Parties und sogar auf der Weltausstellung 1867 in Paris wurde den Besuchern die Auswicklung einer Mumie unter der Leitung des französischen Ägyptologen Auguste Mariette präsentiert.

Die Mumien-Manie grassierte in ganz Europa und in Amerika. Und auch in Deutschland konnte man sich ihrer Faszination nicht entziehen – unter anderem bei der Ausstellung „Mumien – Der Traum vom ewigen Leben“ 2008 in Mannheim mit immerhin fast 200 000 Besuchern in 6 Monaten.

Die Geschichte einer Apotheken-Mumie

Eine der ältesten erworbenen Mumien Deutschlands ist die Mumie der Hansestadt Lübeck. Im Jahr 1696 kam der damalige Besitzer der Ratsapotheke Jacob Stoltefoht auf die findige Idee, eine echte Mumie in seiner Apotheke aufzustellen, die Kunden ins Staunen (und in die Apotheke) bringen sollte.

Ein neuer Sarg für eine alte Mumie

Im Laufe der Zeit zerfielen aber leider der Sarkophag, die Mumienmaske und die obere Schicht der Leinenumwicklung. Daher machte man sich im Jahre 1812 die Mühe, einen neuen Sarg für die Mumie anzufertigen. Damit die Präsentation noch ein wenig hübscher aussah, bekam der Sarkophag noch einen Schaudeckel und ein bemaltes Mumientuch. Beide wurden, im Gegensatz zu vielen anderen nachgefertigten Objekten der damaligen Zeit, exakt nach Vorbildern angefertigt.
Die Mumie stand nun mittlerweile, nach der Schließung der Ratsapotheke, in der Lübecker Stadtbibliothek. Dort sollte sie aber nicht sehr lange bleiben, denn nach der „Verschönerung“ rotierte sie in verschiedenen musealen Einrichtungen. Weil sie aber in kein Konzept so richtig reinpasste, verschwand sie für eine lange Zeit im Magazin des St. Annen-Museums Lübeck. Erst als sich im Jahre 1992 einige Ägyptologen zum Thema „Thomas Mann und das alte Ägypten“ in Lübeck trafen, wurde die Mumie aus dem Magazin geholt und gründlich untersucht.

Erst fast 200 Jahre danach wissenschaftlich untersucht

Die Untersuchung führte Erstaunliches zu Tage: bei der Mumie handelte es sich um einen 40-45 Jahre alten Mann, ohne Füße (der Sarkophag passte genau), mit 62 Schutzamuletten zwischen den Mumienbinden und mit einem Loch im Schädel, das die Mumie wahrscheinlich einem neugierigen Menschen aus moderner Zeit zu verdanken hatte.

Partyspaß mit Mumien

Das Auswickeln von Mumien war im 19. Jahrhundert der Partyspaß schlechthin. So lud im April 1883 der Hohenzollern-Prinz Friedrich-Karl in seinem Jagdschloss zum Diner ein – mit anschließendem Mumien-Auswickeln. Nachdem die feine Gesellschaft also prächtig gespeist hatte, kam der Höhepunkt des Abends: Die Gäste versammelten sich vor dem Billardtisch, auf dem die Mumie in ihren braunen Leinen lag. Mit Spannung verfolgten die Gäste, wie Stück für Stück die Mumie ausgewickelt wurde, bis das Antlitz einer jungen Frau zum Vorschein kam. Trotzdem war die Enttäuschung riesengroß, denn es fanden sich weder Amulette noch Papyrusrollen zwischen den Mumienbinden. Die Kartonagehülle wurde dem ägyptischen Museum Berlin übergeben. Was aus der Mumie selbst wurde, ist ungewiss. Man munkelt, sie wurde als Brennholz in den Kamin geworfen.

Die Mumienaktie aus Hamm

Aktie Mumienverein Hamm

Auflösungsurkunde des Mumienvereins vom 01.04.1887
© Gustav-Lübcke-Museum Hamm

Als im Jahre 1886 der Ägyptologe Henrich Brugsch einen Vortrag über Mumien in der Stadt Hamm/Westfalen hielt, waren seine Zuhörer begeistert! Sie wollten unbedingt auch eine Mumie für ihr Museum haben. Aber woher sollte man das Geld nehmen?

Also kamen findige Bürger auf die Idee, einen Mumienverein zu gründen und Mumienaktien im Wert von 20 Reichsmark das Stück zu verkaufen. Und tatsächlich hatten sie schon bald das Geld zusammen und der Bruder von Heinrich Brugsch, Emil, der Kurator am ägyptischen Museum Kairo war (und sich etwas „Taschengeld“ durch den Verkauf von Antiquitäten verdiente), verkaufte der Stadt Hamm eine weibliche Mumie, die am 14.12.1886 in Hamm eintraf und unter großem öffentlichen Interesse ausgestellt wurde.

Das Ziel des Mumienvereins war erreicht und daher wurde er kurze Zeit später schon wieder aufgelöst und die Mumie dem Museumsverein übergeben. Leider erwies sich die ganze Mühe als umsonst, denn sie wurde im Zweiten Weltkrieg das Opfer einer Bombe.