Der Sonnengott

Im alten Ägypten verehrte man über 3000 Jahre lang den Sonnengott (genauer gesagt seit der 2. Dynastie). Im Laufe der Jahrhunderte verschmolzen alle großen Gottheiten mit ihm. Namen wie Atum-Re, Chnum-Re und natürlich Amun-Re findet man in zahlreichen Texten und Dokumenten. Re (auch Ra genannt) war der erste Reichsgott und war der bedeutendste Gott des alten Ägypten. Die größte Verehrung wurde ihm im Alten Reich zuteil. Riesige Pyramiden baute man ihm zu Ehren. Und auch noch Jahrhunderte später bauten die Pharaonen Obelisken, die bis in den Himmel ragten und an dessen goldenen Spitzen sich die Sonnenstrahlen spiegelten. Zudem lautete einer der fünf Namen des Königs „Sohn des Re“.

Der falkenköpfige Re-Harachte sitzt vor der Göttin Hathor. Als Kopfschmuck trägt der Sonnengott eine große Sonnenscheibe, um die sich schützend eine Schlange ringelt.
© Herbert Drücke
Grab der Nefertari, Theben West
Neues Reich, 19. Dynastie

Sein ältestes Heiligtum befand sich in der Stadt On. Die Griechen nannten die Stadt bezeichnenderweise Heliopolis („Stadt der Sonne“). Dort verehrte man zunächst den Gott Atum. Re verdrängte ihn nicht, sondern verbündete sich mit ihm und wurde so Vater einer mächtigen Götterneunheit (→ Die Schöpfungsgeschichten).

Im Neuen Reich schien es zuerst so, als ob der Glanz des Sonnengottes verblassen würde. Amun von Theben, ein zuvor unbedeutender Lokalgott, stieg zu einer mächtigen Gottheit auf und drohte, Re zu verdrängen. Aber viele Menschen verehrten den Sonnengott auch weiterhin und so verschmolzen die beiden Götter, wie Atum und Re in Heliopolis. Von da an herrschte Amun-Re über Ägypten.

Die Reise des Sonnengottes

Die alten Ägypter wussten natürlich noch nicht, dass die Sonne ein riesiger Gasplanet ist. Sie sahen in der Sonne den Gott Re, der mit seiner Sonnenbarke aus purem Gold am östlichen Horizont hinaufstieg und am westlichen Horizont wieder herunterfuhr. Abends, wenn die Sonne für die Lebenden nicht mehr zu sehen war, reiste Re durch die Unterwelt und erfreute die Verstorbenen mit seinem göttlichen Licht. Zwölf Stunden fuhr die Sonnenbarke am Tage den Himmel entlang, zwölf Stunden in der Nacht durch die Gewässer der Unterwelt.

Res Begleiter

Der Sonnengott in seiner nächtlichen widderköpfigen Gestalt mit seiner Barkenmannschaft. Um ihn herum ringelt sich schützend die Schlange Mehen.
© Andrea Vinkenflügel
Grab Tausret/Sethnacht (KV14), Theben-West
Neues Reich, 19./20. Dynastie

Am Abend erreichte die Sonnenbarke die Unterwelt, das Reich der Toten. Im Laufe seiner Tagesreise war der Sonnengott Re alt und schwach geworden. Seine Ba-Seele musste sich in der tiefsten Stelle der Unterwelt mit einem Körper vereinigen, damit er kraftvoll und verjüngt am östlichen Horizont wieder aufgehen konnte. Doch Re hatte viele Feinde, die genau das verhindern wollten…

Am Eingang zur Unterwelt erwarteten ihn zwölf Göttinnen. Jede Göttin begleitete den Sonnengott durch eine Pforte der Unterwelt. Zwölf gewaltige Pforten, jede bewacht von Dämonen, die so unheilvollen Namen wie „Blutschlürfer“ oder „Der die Häupter abzuschneiden liebt“ trugen. Jede Pforte stand für eine Stunde der Nacht.

Die Besatzung der Barke bestand aus den unterschiedlichsten Göttern. Der schakalköpfige Upuaut, der „Öffner aller Wege“ stand am Bug des Schiffes. Der falkenköpfige Horus war der Steuermann, der die Barke sicher durch den Strom der Unterwelt leiten musste. Die Göttin Hathor war als „Herrin der Barke“ ebenfalls anwesend. Insgesamt neun Götter waren die Begleitmannschaft des Re. Der Sonnengott selbst verwandelte sich in eine widderköpfige Gestalt. Auf seinem Kopf leuchtete die Sonnenscheibe, um der Barke in den dunklen Gefilden der Duat (so nannten die alten Ägypter die Unterwelt) Licht zu spenden. Re saß in einem Schrein, um dessen Außenwände sich die Schlange Mehen zu seinem Schutz schlängelte.

Die Reise durch die Nacht beginnt

Während ihrer Reise durch die Duat zog die Sonnenbarke durch die unterschiedlichsten Landschaften und begegnete den seltsamsten Geschöpfen. An den fruchtbaren Wiesen und Feldern jubelten die Verstorbenen dem Sonnengott zu und erfreuten sich an seinem lebenspendenden Licht. Eine Ehre war es für sie, die Sonnenbarke mit einem langen Seil durch unwegsame Strecken zu ziehen. Doch in den trockenen, unwirtlichen Einöden konnte sich die Barke nur in eine Schlange verwandeln, um über den trockenen Wüstenboden dahingleiten zu können. Ihr Feueratem spendete nun das Licht in der Dunkelheit und unheimliche Schlangen mit Beinen und Flügeln, manche sogar mit mehreren Köpfen, wurden durch das Licht angezogen. Diese Kreaturen und die „Schlächter“, die hinter den Hügeln lauerten, mussten von der Besatzung beschworen werden, den Sonnengott nicht anzugreifen. Donnergrollen ließ die Barke erbeben und aus den Tiefen eines Feuersees schallten die gepeinigten Schreie und Rufe der verdammten Seelen, die dort unendliche Qualen erleiden mussten.

Res Vereinigung mit Osiris

In der 6. Nachtstunde erreichte Re den tiefsten Bereich der Unterwelt. Hier lag der Körper von Osiris, der gleichzeitig auch der Körper von Re war (die alten Ägypter versuchten so, die Wichtigkeit Res und Osiris‘ in der Unterwelt gleichzustellen). Die Ba-Seele des Sonnengottes vereinigte sich mit dem Leichnam, der von der vielköpfigen Schlange „Vielgesicht“ bewacht wurde. Verjüngt und gestärkt verließ Re wieder den Körper. Die neue Kraft hatte er bitter nötig, denn hinter der nächsten Pforte lauerte sein größter Feind – die Schlange Apophis.

Die böse Schlange Apophis

Zwei Götter mit Zaubernetzen
Grab Ramses VI. (KV9), Theben West
Neues Reich, 20. Dynastie

Apophis – dieser bösartige Dämon verfolgte nur einen einzigen Plan: die Barke des Re zu stoppen. Dann würde die Sonne am nächsten Tag nicht aufgehen. Ewige Dunkelheit würde die Welt überschatten und sie ins Chaos stürzen. Um sein Ziel zu erreichen, schlürfte Apophis jede Nacht so viel Wasser aus dem Fluss, dass eine große Sandbank entstand und die Sonnenbarke auflief.

Sein lautes Gebrüll ließ Re und seine Mannschaft zusammenzucken. Apophis‘ Schlangenauge versuchte, die Insassen der Barke zu hypnotisieren und dadurch handlungsunfähig zu machen. Re musste schnell handeln. Er löschte sein Licht. Totale Finsternis umgab sie nun. Isis und andere zauberreiche Götter versuchten, Apophis durch die Kraft der Magie zu zerstören. Der Gott Seth stieß seinen Speer in den Leib der Schlange. Andere Götter stürzten sich auf ihn und versuchten, ihn zu fesseln oder ihn mit ihren Messern zu zerstückeln. Andere Götter versuchten, ihn mit magischen Zaubernetzen aufzuhalten.

Mit vereinten Kräften schafften sie es schließlich jede Nacht, Apophis zu besiegen. Das zuvor aufgesogene Wasser floss in großen Schwällen wieder aus Apophis‘ Leib in das Flussbett zurück und die Sonnenbarke konnte ihren Weg fortsetzen. Immer weiter nach Osten führte der Weg. In der elften Stunde gesellten sich Sterne zu der Barke, die den Aufgang des Sonnengottes am Himmel ankündigten. In der 12. Stunde war es dann soweit. Nun, der Gott des Urgewässers, durch das die Barke in der Nacht fuhr, hob sie hoch hinaus in den Himmel, wo sie ihren Lauf am Körper der Himmelsgöttin Nut fortsetzen konnte.

Die Fahrt der Sonnenbarke am Tage

Zwei Paviane begrüßen den Sonnengott Re, hier mit Falkenkopf und Sonnenscheibe, in seiner Barke.
© Martin Heinz, Karlsruhe
Grab des Sennedjem (TT1), Theben-West
Neues Reich, 19. Dynastie

Kreischende Paviane begrüßten den Aufgang des Sonnengottes. Der Skarabäus, das Symbol für Erneuerung und Wiedergeburt, war nun seine Gestalt. Der Sonnengott wechselte sein Abbild im Laufe des Tages mehrmals. Die häufigste Erscheinungsform ist der falkenköpfige Gott, der auf seinem Kopf eine riesige Sonnenscheibe trägt.

Wie in der Nacht, begleiteten ihn die unterschiedlichsten Götter auf seinem Weg. Der Gott der Weisheit, Thot, und die Göttin der Wahrheit und Gerechtigkeit, Maat, schrieben die tägliche Route der Sonnenbarke nieder und gaben sie an den Steuermann weiter, der am hinteren Ruder Platz genommen hatte. Am Bug saß der verstorbene König, der den Gott Re jeden Tag bei seiner Fahrt begleitete. Und auch die Bas der „Normalsterblichen“ folgten in einem freudigen Tross.

Am Abend verwandelte sich Re in einen alten Mann. Der Tag war zu Ende und die Barke trat ihren Weg in die Unterwelt an.

Die Erscheinungsformen des Re

Einen so gewichtigen Gott wie Re verehrten die alten Ägypter in vielen unterschiedlichen Erscheinungsformen, wie wir auf Tempelwänden, in Gräbern und in Papyri sehen können.

Sonnenscheibe

Geflügelte Sonnenscheibe im Luxor-Tempel

Umringt mit einer schützenden Kobra oder zwei ausgestreckten Flügeln.

Menschengestaltig

Re konnte im Zusammenhang mit dem Sonnenzyklus morgens als Kind, mittags als Erwachsener und abends als alter Mann dargestellt werden.

Mit Falkenkopf/als Falke

Der falkenköpfige Re mit der Göttin Jusaas
Tempel von Abydos
Neues Reich, 19. Dynastie

Dies ist eine der häufigsten Erscheinungsformen. Seinen Falkenkopf erhielt er aus seiner Hauptstadt On, wo Re mit dem Gott Harachte, einer Gestalt des Horus, verschmolzen wurde. Auf seinem Kopf trägt er die typische Sonnenscheibe mit Uräusschlange.

Mit Widderkopf

Die Göttin Nephthys kniet vor einer Sonnenscheibe, in der Re in seiner morgendlichen Erscheinungsform als Skarabäus und in seiner nächtlichen Gestalt als Widder abgebildet ist.
Grab des Siptah (KV47), Theben-West
Neues Reich, 19. Dynastie

Der Widder war das Tier des Amun, weshalb der Gott Amun-Re oft mit Widderkopf dargestellt wurde.
Bei Eintritt in die Unterwelt verwandelt sich Re in einem Menschen mit Widderkopf und Sonnenscheibe. Diese Verwandlung kann man auch symbolisch sehen. Der Begriff Ba steht sowohl für „Widder“ als auch für „Seele“. Mit Eintritt in die Unterwelt vereinigte sich die Ba-Seele von Re wieder mit ihrem Körper/mit Osiris‘ Körper (siehe „Res Vereinigung mit Osiris“). Re wurde in diesem Zusammenhang auch mumiengestaltig mit Widderkopf abgebildet.

Skarabäus

Der Skarabäus legt seine Eier in Mistkugeln, in denen sich die Larven entpuppen und schließlich als Käfer hervor schlüpfen. Die alten Ägypter konnten sich diesen Vorgang nicht erklären und glaubten, dass der Skarabäus ohne Zeugungsakt aus sich selbst entsteht – wie der Gott Re. Als sie ihn dann noch seine Mistkugel vor sich herrollen sahen, waren sie völlig überzeugt. Die morgendliche Erscheinungsform Chepre wurde nun als Skarabäus dargestellt, der die Sonnenkugel am Morgen über den Horizont rollt.
Eine weitere Eigenschaft des Skarabäus war für die Ägypter ebenfalls interessant. Der Skarabäus buddelt nämlich einen Stollen tief in die Erde und rollt seine Mistkugel dort hinein. Die alten Ägypter erinnerte dieses an den Untergang der Sonne, weshalb sie Re in der Unterwelt ebenfalls als Skarabäus oder sogar als Menschen mit Skarabäus-Kopf darstellten.

Kater

Mit der einen Pfote drückt der „Große Kater“ den Kopf des Apophis‘ herunter, der sich um einen Sykomorenbaum schlängelt. Mit der anderen Pfote hält der Sonnengott ein Messer, mit dem er der Schlange den Kopf abschneiden wird.
Grab des Inherkau (TT359), Theben-West
Neues Reich, 20. Dynastie

In seiner Erscheinungsform als „Sonnenkater“ bekämpfte Re den bösen Gott Apophis.

Weitere Tierformen

In viele weitere Tiergestalten, wie Reiher, Schlange, Stier oder auch als Phönix, konnte sich Re verwandeln.