Die Schöpfungsgeschichten

Anfang

Über die Entstehung der Welt

Als zusammenhängende Geschichten wurden die Schöpfungsmythen erst in der Ptolemäer- und Römerzeit niedergeschrieben. Aus der Pharaonenzeit wissen wir nur aus Bildnissen, Ritualen und Erwähnungen in Texten von der Vorstellung der Schöpfung. Im Laufe der Jahrhunderte gab es viele Varianten, wovon hier die bekanntesten erzählt werden

Der große Schöpfergott Atum – Die Schöpfungsgeschichte von Heliopolis

Am Anbeginn der Zeit gab es kein Leben auf Erden. Tiefe Finsternis beherrschte die Welt, die nur aus einem Urgewässer, dem „Nun“, bestand. Nur durch seinen eigenen Willen erschuf sich der erste Gott Atum selbst. Er tauchte aus dem Wasser auf und an der Stelle, an der er aus dem Gewässer trat, tauchte plötzlich Land auf – der „Urhügel“.

Die ersten Götter entstehen

Atum ließ sich auf ihm nieder, spuckte seinen Sohn, den Luftgott Schu, aus und erbrach seine Tochter, die Feuchtigkeit Tefnut. Doch eines Tages gingen Schu und Tefnut einfach fort. Atum weinte bitterlich darüber und aus seinen Tränen entstanden die ersten Menschen.

Der Urhügel
Auf dem Urhügel, so erzählten die Priester, erbaute man die Stadt Heliopolis, die dem Sonnengott Re geweiht war.

Das erboste Auge des Atum

In seiner Verzweiflung schickte Atum eins seiner Augen fort, um seine Kinder zu suchen. Doch als das Auge mit Schu und Tefnut zurückkam, war es sehr erbost, weil Atum es mittlerweile durch ein anderes ersetzt hatte! Der Schöpfergott beruhigte sein Auge, stattete es mit mehr Macht aus als zuvor und setzte es in seine Stirn. Dort verwandelte es sich in eine aufbäumende Kobra –die Uräusschlange – um ihn zukünftig vor bösen Mächten und Feinden zu schützen. Nun konnte Atum mit der Schöpfung der Welt beginnen.

Die Entstehung von Himmel und Erde

In der Zwischenzeit wurden Schu und Tefnut ein Paar. Tefnut gebar zwei Kinder: Geb und Nut, die sich ebenfalls sehr liebten. Doch ihr Vater Schu war damit nicht einverstanden und stellte sich zwischen die beiden. Er hievte Nut weit hinaus in den Himmel, bis ins Universum. Geb blieb auf der Erde. Nut galt von da an als Göttin des Himmels, Geb als Gott der Erde und Schu als Gott der Lüfte. Nut und Geb gelang es aber dennoch, vier Kinder zu zeugen: Osiris, Isis, Seth und Nephthys. So entstanden neun Götter, die sogenannte Enneade oder Neunheit von Heliopolis.

Neunheit von Heliopolis

Die Neunheit von Heliopolis, hier sowohl mit Re(-Harachte) als auch Atum, die am Bug der Barke stehen. Es folgen Schu, Tefnut, Geb, Nut, Osiris, Isis und Horus. Links außerhalb der Barke steht die Göttin Nephthys (nicht im Bild).
Grab des Eje, Theben-West
Neues Reich, 18. Dynastie

Res Fluch

In einigen Varianten der Schöpfungsgeschichte wird der Name Atums mit dem des Sonnengottes Re ersetzt. Mit ihm in der Hauptrolle erzählt uns der griechische Schriftsteller Plutarch noch eine weitere Geschichte: „Sie sagen, dass der Sonnengott, als er bemerkte, dass Rhea (Nut) mit Kronos (Saturn/Geb) verkehrte, einen Fluch beschwor, dass sie in keinem Monat des Jahres ein Kind gebäre.“ (Plutarch, Moralia 355F).

Thots Glück im Spiel – Die Geburt der Götter

In ihrer Verzweiflung bat Nut den Gott Thot um Hilfe. Als Gott der Weisheit hatte er natürlich sofort eine Idee. Er spielte gegen den Mond ein Brettspiel und war dabei so erfolgreich, dass er für jeden Tag einen Zweiundsiebzigsten Teil dazu gewann. Er fügte alle Gewinne zusammen und so wurden aus den bisher 360 Tagen fortan 365 Tage. Die zusätzlichen fünf Tage gehörten nicht zum eigentlichen Jahr und daher war Res Fluch an diesen Tagen unwirksam. So konnte Nut die fünf Kinder Osiris, Isis, Seth, Nephthys und Haroeris gebären.